Grünsfeld

Die Lungenheilanstalt von Grünsfeld

Der Grabstein des Lungenspezialisten Dr. Albin Neckermann und seines Nachfolgers steht nun im historischen Teil des Grünsfelder Friedhofes und erinnert an die Zeit der Industrialisierung.
Foto: Matthias Ernst | Der Grabstein des Lungenspezialisten Dr. Albin Neckermann und seines Nachfolgers steht nun im historischen Teil des Grünsfelder Friedhofes und erinnert an die Zeit der Industrialisierung.

Zu Beginn der Industrialisierung im 19. und 20. Jahrhundert gehörten Lungenkrankheiten zu den häufigsten Erkrankungen, die die Menschen ereilte. Schlechte Luft und unzumutbare hygienische Verhältnisse führten zu vielen Krankheiten wie Tuberkulose oder Staublunge. Erkrankungen der Atemwege waren auch wegen der ungeheizten Räume und Wohnungen in den Städten normal. Eine Bekämpfung dieser Volkskrankheiten war damals eine der Hauptaufgaben von Ärzten und medizinischem Personal. Unzählige Kurkliniken und Heilanstalten entstanden. Unter anderem der Schriftsteller Thomas Mann hat mit seinem Roman "Der Zauberberg" den Heilanstalten ein Denkmal gesetzt. Bei seinem Roman handelt es sich zwar um eine Fiktion, aber dennoch spiegelt sich in dem Werk viel Realität der Zeitepoche wider.

Manns Roman spielt zwar in der Schweiz, doch was die Wenigsten wissen, auch in der Stadt Grünsfeld gab es eine Lungenheilanstalt. Gegründet hat sie der praktische Arzt, Zahnarzt und Lungenspezialist Dr. Albin Neckermann. Er wurde 1866 in Vilchband in eine Großbauersfamilie hineingeboren. Da der Hof immer nur auf einen Nachkommen weitervererbt werden konnte, was bis heute anhält, und die Familie wohlhabend war, schickte sie Albin zum Studieren. Er ließ sich nach Ausbildung und Lehrjahren an renommierten Kliniken in der Schlossgasse in Grünsfeld nieder und erwarb sich schnell einen guten Ruf als Gesundmacher bei Lungenkrankheiten.

Dieser Ruf, so Hobbyforscher Edgar Weinmann, ging sogar bis nach Hamburg. Auch von hier kamen Patienten, die sich von Dr. Neckermann behandeln lassen wollten. Die Methode von Neckermann war denkbar einfach. Man nutzt die wohltuend Luft der Wälder und die saubere Luft des Vockenberges zur Gesundung. Neckermann baute sogar eine Kurhalle in den Wald hinein für seine Patienten. Von dieser Kurhalle ist heute nichts mehr vorhanden, aber die alte Bezeichnung "Kurhallenweg" gibt es immer noch. Auf der Strecke von Grünsfeld nach Kützbrunn geht es linker Hand in den Wald hinein bis zur heute dort stehenden Waldhütte und nach der nächsten Biegung stand die Halle, in der die Menschen langsam wieder genesen sollten.

Spektakel für die Kinder

Die natürliche Feuchtigkeit und die ätherischen Öle der Luft ließen die Menschen schnell wieder zu Kräften kommen und viele wurden als geheilt entlassen. Die Patienten lebten in der Kurhalle und wurden vom Kronenwirt mit Essen versorgt. Jeden Tag fuhr der Wirt mit seinem Fuhrwerk zum Vockenberg und brachte den Patienten frische Lebensmittel. Manche, so Weinmann, blieben mehrere Monate in Grünsfeld, andere nur wenige Wochen. Gar manche Anekdote aus dieser Zeit weiß er zu berichten, unter anderem auch über die neugierigen Blicke der Kinder auf die "Fremmen". Die Kinder schlichen sich auf den Berg und beobachteten die Kurgäste.

Früher waren die Waldwege nicht so gut ausgebaut wie heute, trotzdem wurden die Menschen, die sich in der Kurhalle am Vockenberg aufhielten, täglich mit frischem Essen versorgt.
Foto: Matthias Ernst | Früher waren die Waldwege nicht so gut ausgebaut wie heute, trotzdem wurden die Menschen, die sich in der Kurhalle am Vockenberg aufhielten, täglich mit frischem Essen versorgt.

Nach dem Tod von Albin Neckermann im Jahr 1910 übernahm Emil Härtig die Praxis. Der Arzt und Naturforscher entwickelte die Heilverfahren von Neckermann weiter und so blieb die Stadt Grünsfeld eine Anlaufstation für Menschen mit Lungenerkrankungen. Als er 1950 starb, war die Kurhalle nicht mehr existent und geriet in Vergessenheit. Erst heute kommt man wieder auf die Idee, dass ein Aufenthalt im Wald dem Körper gut tut. Die Bewegung der "Waldbader" ist dafür ein bekanntes Beispiel. Und auch hier suchen die Menschen wieder die Natur rund um Grünsfeld auf.

Ein Grabstein erinnert

An die Arbeit der Ärzte Neckermann und Härtig erinnert nur noch ein Grabstein auf dem Grünsfelder Friedhof. Er wurde mittlerweile auf den historischen Bereich umgesiedelt und von Harald Kuhn restauriert. Marlene Seubert hatte den Stein gespendet und die Kosten für die Restaurierung übernommen. "Unser Friedhof hat eine große Bedeutung", so Bürgermeister Joachim Markert. Grabsteine mit historischer Bedeutung für die Stadtgeschichte werden gerettet, wenn das Grab offen gelassen und für die Nachwelt erhalten wird. Das habe man schon bei einigen Grabsteinen so gehandhabt, erläutert Markert. Er freute sich, dass mit der Restaurierung des Grabsteines von Albin Neckermann ein weiteres Stück Stadtgeschichte in Erinnerung bleibt.

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