Distelhausen

Vor 85 Jahre wurde die Pferdeprozession an Pfingsten wiederbelebt

Segnung der Pferde und Reiter durch Pfarrer Eugen Reinhart.
Segnung der Pferde und Reiter durch Pfarrer Eugen Reinhart. Foto: Heer

In diesem Jahr hätte es am Pfingsten ein Jubiläum in Distelhausen gegeben. Vor 535 Jahren wurde die 1472 erbaute St. Wolfgangskapelle durch päpstlichen Erlass vom 16.Mai 1485 zur Wallfahrtskapelle ernannt. Vor 85 Jahren konnte dank des Engagements des in Distelhausen geboren und in Mannheim wirkenden Theologieprofessors Hugo Stolz nach über 130-jähriger Pause die Pferdeprozession in Distelhausen wieder durchgeführt werden. In den vergangenen Jahrzehnten erhielten über 5000 Pferde mit ihren Reitern und zahlreiche prächtige Gespanne den Segen durch die Ortsgeistlichen und Festprediger.

1472 wurde das kleine Kirchlein an der Tauber durch Hans Klinger von Hall erbaut. Durch päpstliche und erzbischöflich mainzische Ablässe wurde die kleine Kapelle 1485 zur Wallfahrtkapelle ernannt. Die Beurkundung im Mainzer Ingrossaturbuch ist auf den 16. Mai 1485 datiert. Bis zum Jahr 1806 fanden hierher zahlreiche Prozessionen statt. Mit Beginn der Säkularition wurden die Pferdeprozessionen verboten und gerieten schließlich in Vergessenheit.

1935 war die erste Pferdewallfahrt nach 130 Jahren Zwangspause

Ab 1931 beschäftigte sich der in Distelhausen geboren und in Mannheim wirkende Theologieprofessor Hugo Stolz mit der Geschichte der Prozessionen in seiner Heimatgemeinde. Im Staatsarchiv Würzburg entdeckte er schließlich die Urkunde aus dem Jahre 1485. Mit Unterstützung des Distelhäuser Pfarrgemeinderates unter Leitung von Pfarrer Anton Volk erreichte er schließlich mit Einwilligung der Erzdiözese Freiburg die Wiedereinführung der traditionellen Pferdewallfahrt in Distelhausen. Pfingsten 1935 war es endlich so weit und die erste feierliche Prozession konnte nach 130 Jahren Zwangspause wieder stattfinden.

Reiter mit der Standarte in den Nachkriegsjahren.
Reiter mit der Standarte in den Nachkriegsjahren. Foto: Heer

Pfarrer Anton Volk schrieb über das Ereignis einen ausführlichen Bericht, den er an die Erzdiözese Freiburg schickte: Am 10. Juni 1935 um halb neun Uhr setzte sich die Prozession von der Musikkapelle begleitet vom Gotteshause (St. Markus Kirche) aus in Bewegung. Schulpflichtige Knaben, Mädchen, Jungmänner, Jungfrauen, Cäcilienchor, etwas über 40 Reiter, die einen imponierenden Eindruck machten, die Geistlichkeiten Herrn Professor Stolz und Ortspfarrer Anton Volk, Fremde waren nicht da, Männer und Frauen.

Was einigermaßen mitmachen konnte, war anwesend. Das Allerheiligste wurde natürlich nicht mitgetragen. Nach Vortrag eines Heiliggeistliedes predigte Herr Professor Stolz etwa 40 Minuten lang. Der heutige Tag ist: 1. ein Tag der Freude, 2. ein Tag des Dankes gegen Gott und 3. ein Tag des Vertrauens auf Gott. Nach der Predigt wurde die Pferdesegnung vorgenommen. Alle waren merkwürdigerweise ganz ruhig; jedes Pferd wurde mit Weihwasser besprengt. Die Pferdebesitzer umsäumten den Platz um die Kapelle.

Pferdeprozession wurde durch den Krieg unterbrochen

Das Amt hielt der Herr Festprediger Stolz, ein brausendes "Ta Deum" am Schlusse beschloss die schön verlaufende Feierlichkeit. In geordnetem Zuge – auch die Reiter fehlten nicht – ging es wieder prozessional zur Pfarrkirche zurück. Abends acht Uhr war in einer Wirtschaft (Grüner Baum) Familienabend, der auch gut besucht war.

Noch bis 1939 fanden die alljährlichen Pfingstprozessionen zur Wolfgangskapelle mit zahlreichen Pferden und Reitern aus der näheren Umgebung statt. Durch die Kriegsereignisse und die Gefahr durch mögliche feindliche Fliegerangriffe wurden die Pferdeprozessionen ab 1940 unterbrochen, die Feierlichkeiten fanden jedoch weiterhin durchgehend bis 1945 statt.

Im ersten Friedensjahr 1946 konnten die Feierlichkeiten mit der Pferdeprozession am 10. Juni wieder mit 45 Pferden, die von Pfarrer Eugen Reinhart gesegnet wurden, in gewohnter Weise in Distelhausen stattfinden. 1949 waren schon 124 Pferde und Reiter beteiligt, unter ihnen auch die Ministranten. In den Folgejahren kamen auch noch zahlreiche prächtige Gespanne hinzu.

2006 nahmen 163 Pferde aus der ganzen Region teil

In den kommenden Jahrzehnten fanden immer am Pfingstmontag unter großer Beteiligung der Gläubigen die Wallfahrtsprozessionen statt. Im Jahre 2006 war die bisher größte Beteiligung mit 163 Pferden aus der gesamten Region. Viele Geistliche nahmen auch hoch zu Ross an den Prozessionen teil: 1950 erstmals Präfekt Eisenhauer vom Konvikt Tauberbischofsheim, 1957 Kaplan Machauer aus Königshofen, 1958 der in Dittigheim geborene und in den USA wirkende Pater Hepp und ab 1959 der Distelhäuser Ortspfarrer Ernst Firley.

Bis im vergangenen Jahr kamen zahlreiche Geistliche, darunter auch Dekan Gerhard Hauk, hoch zu Ross zum traditionellen Wolfgangsritt. In den vergangenen Jahrzehnten gewannen die Pfingstprozession und der festliche Gottesdienst immer mehr an Beliebtheit – weit über die Kreisgrenzen hinaus.

Seit 1935 erhielten 5000 Pferde und Reiter den Segen

Seit der Wiedereinführung der Pfingstprozession im Jahre 1935 erhielten über 5000 Pferde und Reiter, darunter auch zahlreiche prächtige Gespanne, am Pfingstmontag den Segen der Geistlichen an der romantisch gelegenen Wolfgangskapelle in Distelhausen.

In diesem Jahr wird es erstmals seit 1946 wegen der Corona-Krise keinen Wolfgangsritt geben. Ab dem kommenden Jahr wird die Prozession am Pfingstmontag wieder wie gewohnt mit der Reiterprozession von der St. Markus Kirche zur Wolfgangskapelle mit zahlreichen Teilnehmern aus der Region stattfinden.

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