STUTTGART

Zivilcourage teuer bezahlt

Schwere Augenverletzungen erlitt der Musiker Daniel Kartmann beim Polizeieinsatz gegen Stuttgart-21-Demonstranten am 30. September im Schlossgarten.
Foto: Marijan Murat | Schwere Augenverletzungen erlitt der Musiker Daniel Kartmann beim Polizeieinsatz gegen Stuttgart-21-Demonstranten am 30. September im Schlossgarten.

(lsw) Vor einem halben Jahr spielten sich im Stuttgarter Schlossgarten an der Baustelle für das Bahnprojekt Stuttgart 21 Szenen ab, die niemand für möglich gehalten hatte. Daniel Kartmann, einer der vielen Verletzten, hat noch mit seinen Erinnerungen zu kämpfen.

Der 30. September 2010 war für Daniel Kartmann einer der einschneidendsten Tage seines Lebens. An diesem Tag verlor der Stuttgarter Musiker fast das Augenlicht auf dem rechten Auge – und beinahe den Glauben an den Rechtsstaat. Kartmann gehört zu den Verletzten des „schwarzen Donnerstags“ im Stuttgarter Schlossgarten, darunter weit mehr als hundert Demonstranten und mehrere Dutzend Polizisten.

Schwere Operation

Sechs Monate nach dem harten Einsatz der Polizei gegen Stuttgart-21-Gegner hat der dreifache Vater einen mehrtägigen Klinikaufenthalt, eine schwere Augenoperation wegen Netzhautablösung und zahlreiche Augenarztbesuche hinter sich. Der Brillenträger erzählt:„Die Sehfähigkeit auf dem rechten Auge ist durch die Verletzung von 90 auf 50 Prozent gesunken, aber durch die OP und mit einer neuen Brille wird sich das wieder den 90 Prozent annähern.“

Kartmann ist einer der vier Männer, die beim ersten Wasserwerfereinsatz seit 40 Jahren in der baden-württembergischen Landeshauptstadt gravierende Augenverletzungen erlitten haben. Einer der vier hat es noch schwerer: Er ist auf beiden Augen blind. Für Kartmann ist derzeit die größte Sorge seine durch den Druck des Wassers extrem vergrößerte Pupille. „Sie zieht sich nicht mehr zusammen, und dadurch wird man bei schönem Wetter extrem geblendet“, erzählt der ruhige dunkelhaarige Mann. Ob sie sich noch einmal normalisiert, ist unklar.

Mit Spenden überlebt

Sein Augenleiden macht dem selbstständigen Schlagzeuger und Sänger beim Lesen von Noten zu schaffen. Da er sie nur mit einem Auge lesen kann, wird er sehr schnell müde. In den ersten Wochen nach dem Klinikaufenthalt musste er Auftritte absagen – Ausfälle, die nur dank Spenden von Freunden und Sympathisanten und mehreren Benefizkonzerten aufgefangen wurden.

„Ohne das hätte ich das definitiv nicht geschafft. Ich bin sehr dankbar dafür“, sagt der 34-Jährige. Das Erlebnis vom 30. September hat den jungen Mann insgesamt entkräftet. „Ich muss eingestehen, dass ich im Moment schwach bin, aber das kann ich mir eigentlich gar nicht leisten.“

Auf Anti-Stuttgart-21-Demos kann er derzeit nicht gehen und auch Bilder und Filme über den rabiaten Polizeieinsatz nicht ansehen. „Da werde ich zu emotional.“ Mit der Zeit erscheint Kartmann die Extremsituation vom 30. September immer unwirklicher. „Manchmal denke ich, das habe ich nur geträumt.“

Er gibt zu, dass er die Ereignisse noch nicht verarbeitet hat. Schockiert hat ihn vor allem, dass die Polizei friedliche Demonstranten angegriffen habe. „Da waren Schüler, da waren Rentner, keine Radikalen, keine Vermummten – was soll denn da passieren“, habe er sich gesagt. „Erst als mir die ersten nassen und verletzten Menschen entgegenkamen, hat mich die Zivilcourage gepackt.“ Was dann geschah, beschreibt er wie folgt: Er geht an den Ort der Auseinandersetzung und landet bei den Protestierenden vor dem Wasserwerfer.

„Der Wasserdruck fühlte sich wie Schläge und Stöße auf den Rücken an, einer ließ mich so nach vorne fallen, dass ich die Brille verlor.“ Als er sie wieder zu fassen kriegt, dreht er sich in Richtung Wasserwerfer um und bekommt eine volle Ladung ab. „Das fühlte sich an wie ein Stemmeisen im Auge. Zuerst sah ich nur noch Weiß und Grün. Ich hatte Wahnsinnsschmerzen und wollte nur noch raus.“

Nicht einschüchtern lassen

Schließlich gelangt er mit einem Taxi ins Krankenhaus. Wie die anderen drei schwer Augenverletzten hat auch Kartmann gegen Unbekannt geklagt wegen schwerer Körperverletzung und verlangt Schmerzensgeld und Schadensersatz.

Einschüchtern hat er sich nicht lassen; er will weiterhin politisch aktiv sein. „Wenn man nichts mehr tut, haben die die Wirkung erreicht, die sie wollten – nämlich, dass man die Klappe hält.“

Schauplatz Stuttgart 21: Polizisten halten am Sonntag wieder einen Bauzaun am Bahnhof in Stuttgart. Im Siegestaumel nach der Landtagswahl in Baden-Württemberg haben mehrere hundert Gegner des Milliardenprojekts Stuttgart 21 am Hauptbahnhof randaliert. Sie rissen einen Bauzaun nieder, skandierten „Mappus ist weg, der Zaun muss weg. Baustopp jetzt“ und zündeten Feuerwerkskörper.
Foto: Marc Müller | Schauplatz Stuttgart 21: Polizisten halten am Sonntag wieder einen Bauzaun am Bahnhof in Stuttgart. Im Siegestaumel nach der Landtagswahl in Baden-Württemberg haben mehrere hundert Gegner des Milliardenprojekts ...
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