BAD NEUSTADT

100 Jahre Erster Weltkrieg: Appelle an Patriotismus und Gewissen

Kriegsgefangene mussten in der Landwirtschaft Zwangsarbeit leisten: Nach dem Krieg sandte ein in Alsleben bei der Familie Derleth kriegsgefangener französischer Soldat diese Karte mit seinem Foto und bedankte sich für die menschliche Behandlung während seiner Kriegsgefangenschaft. Repro: Reinhold Albert
Kriegsgefangene mussten in der Landwirtschaft Zwangsarbeit leisten: Nach dem Krieg sandte ein in Alsleben bei der Familie Derleth kriegsgefangener französischer Soldat diese Karte mit seinem Foto und bedankte sich für die menschliche Behandlung während seiner Kriegsgefangenschaft. Repro: Reinhold Albert Foto: Reinhold Albert

Rhön-Grabfeld – Rationierung und Zwangswirtschaft prägten spätestens seit dem Hungerwinter 1916/1917 die Versorgung von Stadt- und Landbewohnern. Das war auch in Rhön und Grabfeld so. Der königliche Bezirksamtmann von Neustadt, Freiherr von Crailsheim, reiste durch die Dörfer, erläuterte die wirtschaftliche Lage und die Gegenmaßnahmen. Doch ohne Zwang ging nichts.

Kriegsereignisse aufschreiben

Bereits 1914 hatten die Bezirksämter in Neustadt, Mellrichstadt und Königshofen angeregt, interessierte Personen zu beauftragen, die Kriegsereignisse in ihren Gemeinden aufzuschreiben. Die wenigen erhaltenen Manuskripte zeigen, dass die Forderung, immer mehr Getreide, Eier und Butter abzuliefern, als Zumutung empfunden wurde. Ein Chronist aus dem Grabfeld schrieb: „Es ist schrecklich wie die Kontrolleure gegen uns vorgehen.“

Aus Kleinbardorf überlieferte Lehrer Otto Mölter: „Wir werden viel mit dem Butterabliefern gequält. Alle paar Wochen kommt der Bürgermeister mit einem Gendarmen und legt fest, wie viel Butter wir in der Woche liefern müssen. Es kommen viel Suhler in das Dorf. Die zahlen viel mehr für die Butter als der Kommunalverband. Da wird viel Butter schwarz verkauft. Es darf sich aber niemand erwischen lassen. Den armen Suhler Frauen ist schon mancher Butterballen durch die Gendarmerie abgenommen worden.“

Schleichhandel hatte Hochkonjunktur

Die Felddiebstähle nahmen überhand. Aber auch der Schleichhandel hatte Hochkonjunktur. So wurde im März 1918 am Bahnhof Neustadt von der Gendarmerie ein Fass beschlagnahmt, in dem sich ein frischgeschlachtetes Schwein und mehrere Pfund Butter befanden. Am Kreuzberg verhaftete die Polizei mehrere Personen aus den Walddörfern, die ein geschlachtetes Rind nach Frankfurt schmuggeln wollten. An der Bahnhaltestelle Oberstreu wurde im November 1918 ein Neustädter Lieferwagen auf dem Weg nach Thüringen abgefangen, der Spanferkel, Geflügel, Butter, Hülsenfrüchte und sonstige Lebensmittel in Rucksäcken, Leder- und Holzkoffern verpackt, geladen hatte, die heimlich in den Zug geschafft werden sollten.

Auch andere Bedarfsgüter, besonders Textilien und Schuhe, waren äußerst knapp. Die Mangelwirtschaft nahm immer größere Formen an. So wurde in Merkershausen ein Kurs zum Anfertigen von Strohschuhen angeboten. Aus Mangel an Lederschuhen trug man jetzt meistens Holzschuhe oder solche mit Holzsohlen, statt Oberleder imprägniertes Segeltuch. Das Malz für das Bierbrauen wurde weiter reduziert, ebenso die Zuteilung von Petroleum und Karbid. Drückend gestaltete sich der Mangel an kriegswichtigen Metallen. Deswegen mussten die Zinndeckel der Bierkrüge und -gläser, kupferne Waschkessel und Geräte abgegeben werden.

Keine Schlachtungen ohne Erlaubnis

Sämtliche Hausschlachtungen mussten bis 30. Januar 1918 beendet sein. Zu jeder Hausschlachtung musste – wie in Bischofsheim – vom Bürgermeister ein Schlachtschein eingeholt werden. Das Schwein sollte nicht mehr als 65 Kilo wiegen. Diese Anordnung brachte es mit sich, dass von nun an kein Schwein mehr dieses Gewicht erreichte. Ab 1. Februar 1918 waren die Schlachtungen für den Eigenbedarf überhaupt verboten, denn das Heer forderte eine erhöhte Fleischration, um die Soldaten für den angeblichen „Entscheidungskampf“ im Frühjahr zu kräftigen. Nun meldeten viele Einwohner in Rhön und Grabfeld die Schlachtungen gar nicht mehr an und schlachteten „schwarz“. Wer dabei erwischt wurde, zahlte eine hohe Buße.

Man bekommt Fleischkarten, aber kein Fleisch

Dass mitunter der Erhaltungstrieb das Schwarzschlachten geradezu herausforderte und die Fleischnot immer empfindlicher wurde, zeigt das Beispiel Merkershausen, wo in der Kriegschronik vermerkt wurde: „… man bekommt zwar seine Fleischkarte, aber selten Fleisch, da die Metzger immer keines für uns haben.“

Die königlichen Bezirksämter in Neustadt, Mellrichstadt und Königshofen ordneten an, dass in den Wäldern Laub gesammelt werden müsse, das an die Heeresverwaltung geliefert und dort als Heuersatz für die Pferde zubereitet werde. Doch nicht nur Laub war im Wald zu sammeln, sondern auch Bucheckern, die dringend zur Speiseölgewinnung gebraucht wurden.

Die Ablieferungsmoral wurde immer weniger

Angesichts solch harter Maßnahmen schwand bei vielen Bauern, deren Erzeugermenge durch fehlenden Kunstdünger zusätzlich zurückgegangen war, die Ablieferungsmoral. Der Neustädter Bezirksamtmann prangerte diese Tatsache vor allem hinsichtlich der Ablieferung von Brotgetreide an und nannte die Gemeinden Dürrnhof, Löhrieth, Hollstadt und Wollbach, die ihr Soll am besten erfüllten, aus Brendlorenzen und Lebenhan kam gerade so der Mindestanteil, in Herschfeld betrug die abgelieferte Menge nur 48 Prozent, in Neuhaus 40 Prozent und in Schmalwasser ganze drei Prozent, schreibt Ludwig Benkert in der Neustädter Stadtchronik.

Zeitzeugenberichte aus dem Ersten Weltkrieg, Teil 1

Gleich zu Beginn des Ersten Weltkriegs im November 1914 regten die Bezirksämter in Neustadt, Mellrichstadt und Königshofen an, interessierte Personen zu beauftragen, die Kriegsereignisse in den jeweiligen Gemeinden zu sammeln und aufzuschreiben. Die meisten dieser Aufzeichnungen sind verloren gegangen. Einige der Manuskripte blieben jedoch, zumeist in den Gemeindearchiven, erhalten und bilden neben den Heimatzeitungen und Aufzeichnungen in Ortschroniken die Grundlage dieser kleinen Serie über den Weltkrieg vor 100 Jahren. Sie wird in unregelmäßigen Abständen fortgesetzt.

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