Gersfeld

4000 Scherben erzählen die Geschichte der Milseburg

Archäologin Steffi Rößner ist Stipendiatin des Landkreises Fulda und promoviert über die Milseburg. Dabei kann sie ganz in die Welt der alten Kelten eintauchen.
Ein Schreibtisch voller Milseburg-Scherben – reine Freude für den Stadt- und Kreisarchäologen Frank Verse und die Archäologin Steffi Rößner. Sie bringt seit einem Jahr System in die Funde und wird daraus Rückschlüsse ziehen. Foto: Leoni Rehnert

Fast ein Jahr schon forscht die Archäologin Steffi Rößner zur Geschichte der Milseburg – und ihre Leidenschaft ist ungebrochen: Die 30-Jährige ist Stipendiatin des Landkreises Fulda und promoviert über das Leben der Kelten auf dem vielleicht schönsten Berg der Rhön. Unterstützt wird sie dabei durch den Stadt- und Kreisarchäologen Frank Verse, schreibt der Landkreis in einer Pressemitteilung.

Tütchen, Tütchen und noch mehr Tütchen. Jede Menge Bücher über die Besiedlung des Kreises, über Kelten und  Keramik: Im Obergeschoss des Vonderau-Museums vertieft sich Steffi Rößner in die Funde, die die Grabungen auf der Milseburg zutage gefördert haben.

Jedes Fundstück wird gezeichnet und auch als Teil des ehemals intakten Werkzeuges oder Gefäßes dargestellt. Foto: Leoni Rehnert

Einige davon hat sie selbst entdeckt, beschriftet und eingetütet. Andere sind von Studenten der Uni  Marburg und viele weitere Helfer bei Grabungen gefunden worden. Alle wurden verpackt, mit genauem Fundort beschriftet und inventarisiert. Jetzt geht es darum, alle Funde zu sichten und einzuordnen.

Rückschlüsse über Handelswege

Mehr als 2000 Fundstücke hat Steffi Rößner bereits befühlt und betrachtet, vermessen, gezeichnet und bestimmt. Fast 2000 weitere liegen noch in Kisten. "Mit den Funden der Grabungen 2015 und 2016 bin ich fertig, jetzt ist das Jahr 2017 dran", sagt sie. Die Archäologin begutachtet und beschreibt die Stücke genau: "Man kann sehr viel darin erkennen. Diese Scherbe zum Beispiel ist sehr dunkel, sie ist unter Sauerstoffabschluss gebrannt. Jene ist eher orangefarben, weil beim Brennen Sauerstoff zugegeben wurde. Aus der Maserung lässt sich etwa lesen, ob in den Ton Quarz oder Pyrit eingearbeitet wurde oder ob es Graphit ist, das hauptsächlich in Süddeutschland vorkommt. Damit ist klar, dass dieses Gefäß damals in unsere Gegend importiert worden ist." So ist es auch bei einer anderen Scherbe, an  der Steffi Rößner sofort erkennt, dass es Drehscheiben-Ware ist, die aus dem Süden kommen muss, weil diese Art der Fertigung bei uns erst später aufkam. Auf diese Weise lässt sich allerhand aus dem Alltag erfahren und vor allem über die Handelswege der damaligen Zeit.

Jede Scherbe wird von ihr gezeichnet – aber nicht nur einzeln, sondern auch als Teil des Werkstücks. "Die Teile nehmen dadurch Gestalt an, und man erkennt das Volumen des  Gefäßes oder Werkstücks, zu dem es gehörte. Die Funde bleiben nicht Bruchstücke, sie spiegeln die Realität wider", sagt Frank Verse. Für Steffi Rößner wird Geschichte lebendig: "Man kann sich vorstellen, wie die Menschen auf der Milseburg gelebt haben, wie der Schmied gearbeitet und der Händler seine Ware verkauft hat. Heute sieht man den Berg, Bäume und die Blockschutthalden."

Bedeutsam über die Region hinaus

Drei Jahre, schätzt Steffi Rößner, wird sie für ihre Promotion benötigen. Darin wird sie das Leben auf der Milseburg als Ganzes darstellen, um es mit anderen Regionen vergleichbar zu machen. "Die Erkenntnisse gehen ja weit über die Milseburg hinaus", ergänzt Frank Verse. "Die Milseburg hatte eine bedeutende Stellung, und da bleibt es nicht aus, dass man sich auch mit dem weiteren Umfeld beschäftigt, die Ergebnisse vergleicht und Rückschlüsse zieht."

Manche Scherben weisen hübsche Muster auf und lassen erahnen, wie das intakte Gefäß ausgesehen hat. Foto: Leoni Rehnert

Für Frank Verse ist die Arbeit von Steffi Rößner ein Gewinn: "Sie hat für diese Aufgabe im doppelten Sinne etwas mitgebracht: Sie hat selbst an der Milseburg mitgegraben, und sie hat große Erfahrung mit der Steinsburg in Thüringen." Er hält es für enorm wichtig, dass der Landkreis mit diesem Stipendium dafür sorgt, dass sich Steffi Rößner ganz dieser Aufgabe widmen kann.  "Wir graben schließlich nicht nur für uns", sagt Verse und ergänzt: "Wir wollen von den Funden ja auch etwas erzählen. Im laufenden Betrieb könnten wir uns vielleicht zwei, drei schöne Stücke aussuchen und darüber berichten. Aber die Milseburg-Funde systematisch durchzuarbeiten, alles in die Hand zu nehmen, zu beschreiben, zu analysieren und zu einem großen Ganzen zu führen, das könnten wir so nicht leisten."

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