SCHWEINFURT/BAD NEUSTADT

Alkoholiker – aber voll schuldfähig

Derart massive Verletzungen „kommen in meinem Alltag selten vor“, sagt der Rechtsmediziner als Gutachter vor dem Schweinfurter Schwurgericht. Er spricht über den 55-Jährigen aus Bad Neustadt, den der 52-jährige Angeklagte am 30. Januar in den frühen Morgenstunden mit massiven Schlägen und Tritten getötet haben soll (wir berichteten).

Der Gutachter spricht von mindestens zehn gravierenden „Einwirkungen“ den Schädel und das Gesicht. Über große Teile sei alles eingeblutet, unter anderem auch die Mundschleimhaut zerrissen, aber auch Hals und Kehlkopf seien betroffen. Der Großteil der Verletzungen könne nicht durch Hand- oder Faustschläge herrühren. Der Rechtsmediziner geht von „Stampftritten“ aus – ausgeführt von oben nach unten. Auf die Frage des Gerichts nach der Trittstärke sagt er pauschal: „Da ist nicht gespart worden.“

Am Körper des Opfers wurde das Profil von den Sandalen des Angeklagten gefunden. Todesursächlich waren laut Gutachter aber nicht die Verletzungen am Kopf, sondern die im Brustbereich, die dem 55-Jährigen im Liegen zugefügt worden sein müssten, insbesondere die Verletzungen der Lunge. Zweiseitig seien die Rippen gebrochen und Leberrisse verursacht worden. Der massive Blutverlust in der Brust und Bauchhöhle habe zum Tod geführt. Lange könne das Opfer diese Verletzungen nicht überlebt haben.

An Schuhen, Socken und Hemd des Angeklagten seien Blut und DNA des Opfers festgestellt worden, so der Rechtsmediziner. Und: Unter den Fingernägeln des Toten seien Partikel mit der DNA des Angeklagten gefunden worden. Die Kratzer in dessen Gesicht am Tattag seien mit Abwehrhandlungen plausibler zu erklären als mit einem Kriechen durchs Gestrüpp, als er nachts zum Hilfeholen die von innen verschlossene Wohnung durchs Fenster verließ. Damit hatte am ersten Verhandlungstag der Angeklagte die Kratzer erklärt.

Wie berichtet, streitet der 52-Jährigen – ein gelernter Kraftfahrer – die Bluttat gar nicht ab. Er beruft sich aber auf Erinnerungslücken infolge erheblicher Alkoholisierung, und andere Tatzeugen gibt es nicht. Zwischen 2,7 und gut drei Promille hatte der Angeklagte im möglichen Tatzeitraum in der Blutbahn.

Dennoch sieht die psychiatrische Sachverständige darin keine „Vollrauschsymptomatik“, die beim Angeklagten zur Aufhebung der Schuldfähigkeit führen würde. Er sei schon „mit 3,14 Promille stationär aufgenommen worden, ohne dass er desorientiert war, sich nicht mehr artikulieren oder gehen konnte“. Verminderte Schuldfähigkeit attestierte ihm die Psychiaterin schon, geringe Frustrationstoleranz, gesteigerte Impulsivität und Aggressivität.

Eine Unterbringung in einer Entziehungsanstalt hält sie nicht für erfolgsversprechend. Fünf Entgiftungen und zwei Langzeittherapien hätten nichts gebracht. Alle Kostenträger lehnten weitere Maßnahmen ab. In Freiheit sei der Angeklagte sofort wieder bei zwei bis drei Flaschen Wodka am Tag: „Sobald er Zugang zu Alkohol hatte, hat er massivst getrunken.

“ Die Ärztin sieht seine dauerhafte Unterbringung in einer geschlossenen Einrichtung als einziges Mittel, Selbst- und Fremdgefährdung zu verhindern. Ist es glaubhaft, dass der Mann sich an die Tat gar nicht mehr erinnern kann? Kann sein, so die Gutachterin – genau so wie eine Schutzbehauptung.

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