BAD NEUSTADT

Auf der Spur der Heimatvertriebenen

Ausgezeichnet: Lehrerin Nora Bauer, Viktoria Lorz, Vanessa Ziegler, Sophia Müller, Sofia Wilzeck und Lea Wallrap (von links) zeigen ihr Buch über Heimatvertriebene, für das sie beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten mit einem Förderpreis belohnt wurden. Foto: Kilian Trabert

Etwa 14 Millionen Vertriebene mussten sich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges eine neue Heimat suchen. Mit oft nicht mehr als etwas Handgepäck und zahlreichen Erinnerungen kamen sie im verwüsteten Deutschland an, ihre Zukunft lag im Ungewissen. Einige suchten auch in Rhön-Grabfeld ein neues Zuhause. Mehr als 60 Jahre später sind ihnen und ihrer Geschichte zehn Schüler der Neustädter Wirtschaftsschule im Rahmen des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten auf der Spur.

Unter dem Thema „Anders sein. Außenseiter der Geschichte“ war der größte historische Forschungswettbewerb für Jugendliche, der von der Körber-Stiftung ausgerichtet wird, im September letzen Jahres gestartet. Für die Neuschter Schüler um Lehrerin Nora Bauer war nach einigem Nachforschen schnell klar: ihr Beitrag soll sich mit der Geschichte der Heimatvertriebenen im Landkreis beschäftigen.

Sechs Monate lang hat die Gruppe das Stadtarchiv durchforstet, in alten Zeitungen geblättert und, vor allem, Zeitzeugen aufgespürt und mit ihnen gesprochen. Ihre Erkenntnisse haben sie zu einem Buch zusammengefasst. Damit haben sie nicht nur einen Förderpreis der Körber-Stiftung gewonnen, sondern auch einen Teil zur Geschichtsforschung im Landkreis beigetragen.

„Das hat den Schülern viel abverlangt“, erzählt Lehrerin Nora Bauer, „sie waren immer bereit, ihre Zeit zu opfern“, lobt sie. Das sich eine Klasse so lange und intensiv mit diesem Thema beschäftige sei keine Selbstverständlichkeit. Die Motivation ging ihnen nie aus.

„Es lag uns am Herzen, dass man die Zeitzeugen nicht vergisst“, erklärt Viktoria Lorz. „Man hat schnell gemerkt, dass jeder das anders verkraftet hat.“ Sie sieht das Projekt zum Teil als „ein bisschen Wiedergutmachung“, für das, was die Flüchtlinge damals erleben mussten. Sofia Wilzek konnte ihre Großmutter überzeugen, an dem Projekt teilzunehmen. Mit ihrer Geschichte hat sie auch ihre Enkelin bewegt.

„Das ist nicht nur irgendeine Geschichte“, weiß Lea Wallrab. Das sei die Geschichte von Familien und der Region. „Bis jetzt war der Zweite Weltkrieg immer weit, weit weg, das hier ist ganz persönlich und regional“, sind sich die Schüler einig. „Ich bekomme jetzt noch Gänsehaut, wenn ich an die Zeitzeugen denke“, erzählt Nora Bauer. Einige hätten sich erst in den Gesprächen mit den Wirtschaftsschülern zum ersten Mal geöffnet. Für alle – Schüler wie Zeitzeugen – sei es emotional gewesen.

Die Gruppe hat damit auch einen Beitrag zur Geschichtsforschung im Landkreis geleistet. „Ich bin sehr erstaunt, sie waren sehr fleißig“, lobt Stadtarchivar Thomas Künzel, der den Schülern viel Material zur Verfügung gestellt hat. „Es ist ein sehr geglücktes Projekt, dass es so bisher nicht gab“.

Aufgrund der positiven Erfahrung, will er in Zukunft öfter solche Projekte mit jungen Menschen angehen. Das Thema sei brandaktuell, findet er. Die Flüchtlingsproblematik, die derzeit für Schlagzeilen sorge, hätte man vor 60 Jahren genauso bewältigen müssen, erklärt er. „Das Problem ist nicht vom Himmel gefallen“.

„Dass es bei uns Millionen Flüchtlinge gegeben hat, ist vielen nicht bewusst“, erklärt Winfried Winkelmann, der sich um die Wagstädter Heimatstube im Hohntor kümmert. Auch er hat den Schülern unter die Arme gegriffen. „Sie haben ihren eigenen roten Faden gefunden“, lobt er. „Das Ergebnis ist sehr ansprechend“.

Davon können sich auch die Rhön-Grabfelder überzeugen. Das Werk steht in der Neustädter Stadtbibliothek und kann dort ausgeliehen werden. Kreisheimatpfleger Reinhold Albert wird zudem Teile des Projekts in das Heimatjahrbuch für Rhön-Grabfeld übernehmen.

Die Teilnehmer

Die Schülergruppe der Neustädter Wirtschaftsschule besteht aus waren: Simon Räder, Marius Nöth, Tobias Miller, Kevin Hernandez, Vanessa Ziegler, Sofia Wilzek, Lea Wallrab, Viktoria Lorz, Anna-Lena Knoll und Sophia Müller.

Insgesamt wurden 1 563 Beiträge eingereicht, daraus wurden 250 Landespreis- und 250 Förderpreisträger ausgewählt. Bundesweit haben sich 5 000 Schüler an dem Wettbewerb beteiligt.

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