Mellrichstadt

Ausflug in die DDR: So funktionierte der "Kleine Grenzverkehr"

Im Kleinen Grenzverkehr von Mellrichstadt nach Meiningen – das war 1983 ein aufregendes Erlebnis: Bei der Rückreise wartete auf den Reporter ein Grenzsoldat . . .
Kleiner Grenzverkehr: Unser Bild aus dem Jahr 1975 zeigt die Autoschlangen zu Ostern am damaligen Autobahnkontrollpunkt Helmstedt-Marienborn an der Grenze zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR. Foto: dpa

Leichtsinnig oder gar unverantwortlich? Bei der Einreise in das "andere Deutschland" eine Kamera versteckt einzuschmuggeln, war Anfang der 1980er Jahre schon eine gewagte Sache. Mit ungewissem Ausgang für den Fall, dass das Versteckspiel schief geht. Und das passierte zwangsläufig, da der Fotograf, seines Zeichens Main-Post-Redakteur in Mellrichstadt und Schreiber dieser Zeilen, im Zuge des Kleinen Grenzverkehrs während der Tagesfahrt nach Meiningen offen mit seiner Kamera hantierte.

Freilich ausschließlich für Motive mit zivilem Charakter. So bei der Stadtrundfahrt durch Meiningen mit Abstecher zum Schloss Elisabethenburg, auf Schloss Landsberg mit Restaurantbesuch und der Oper-Aufführung im Meininger Theater als Reise-Höhepunkt.

Rückblende: Mit dem Bonner Regierungswechsel 1969 wurde das Konzept "Wandel durch Annäherung" Bestandteil der neuen Ostpolitik der sozialliberalen Regierung unter Kanzler Willy Brandt. Wesentlicher Inhalt dieser Politik der Entspannung waren die Ostverträge mit der DDR, sprich der innerdeutsche Grundlagenvertrag. Unter anderem war darin der Ausbau von Grenzübergängen zwischen der Bundesrepublik und der DDR festgeschrieben. Der neue Grenzübergang Eußenhausen/Meiningen wurde am 21. Juni 1973 eröffnet und diente dem Kleinen Grenzverkehr für Tages- und Zweitagesreisen. Diese Regelung galt sowohl für Besuche als auch für touristische Aufenthalte und organisierte Busreisen.

36 Jahre nach seinen Erlebnissen beim "Kleinen Grenzverkehr" ist Georg Stock wieder in Eußenhausen: Von der Grenze ist nicht mehr viel übrig. Foto: Achim Muth

Reiseberechtigt war jeder Bundesbürger, der in als "grenznah" aufgeführten Städten und Landkreisen (etwa im Umkreis bis zu 50 Kilometer) seine Hauptwohnung hatte. Für jedes Tagesvisum wurde eine Gebühr von fünf D-Mark fällig. Zusätzlich war ein Zwangsumtausch von 25 DM in 25 Ost-Mark vorgeschrieben. Die Ausreise musste zunächst am selben Kalendertag wie die Einreise erfolgen, später waren auch Zweitages-Besuche möglich.

Wenn der Kleine Grenzverkehr zur Verbesserung der grenznahen Kontakte zwischen den beiden deutschen Regierungen vereinbart worden war, dann nahm dies der Arbeitskreis Innerdeutsche Kontakte Rhön-Grabfeld,  kurz AIK, unter seinem Vorsitzenden Willi Schlereth wörtlich. Also organisierte der AIK seit 1977 regelmäßig Reisen nach und Besuche in Thüringen – Tagesvisum und "Eintrittsgeld" inklusive. Mit steigender Nachfrage.

Barscher Ton der DDR-Grenzsoldaten

An einem Sonntagmittag Ende Februar 1983 machte sich eine Reisegruppe vom Bus-Parkplatz in Mellrichstadt auf den Weg nach Meiningen. Angespannt zwar, doch voller Neugier. Um dann aber - beeindruckt vom barschen Ton des DDR-Grenzsoldaten – gleich zu verstummen. Mucksmäuschenstill war es bei der Passkontrolle im Bus. Vielleicht auch angesichts der Dimension des Grenzübergangs auf der Schanz, dem Höhenrücken zwischen Henneberg in Thüringen und Eußenhausen in Bayern, der zwei Wachtürme, dazu einen Fahrzeug-Rammbock und eine Abfertigungsanlage mit mehreren Fahrspuren besaß.

Der Halt am nur wenige Hundert Meter entfernten Intershop war obligatorisch. Üblicherweise waren die Standorte dieses "Devisen-Bringers" à la DDR so gewählt, dass die Intershop-Läden weder Schaufenster noch Auslagen besaßen und von außen nicht einsehbar waren. Bürger des Arbeiter- und Bauernstaats ohne Devisen blieben ja ausgesperrt.

Dem Zerfall preisgegeben: Der Grenzturm an der Schanz bei Eußenhausen. Foto: Achim Muth

Am Intershop-Halt war dann der Wechsel in ein DDR-eigenes Fahrzeug angesagt, mit dabei von da an die Stadtbilderklärerin als ständige Begleiterin. Im bundesdeutschen Sprachgebrauch wird sie schlicht Reiseführerin genannt. Schon dieses Beispiel macht deutlich, wie sehr der SED-Staatsapparat bestrebt war, sich auch sprachlich von der BRD abzugrenzen. Die Dame dirigierte den Bus mit den westdeutschen Besuchern während der Stadtrundfahrt zu den Sehenswürdigkeiten Meiningens und vergaß dabei nicht, neueste Errungenschaften wie den in der DDR gelobten modernen Plattenbau herauszustellen.

Der junge DDR-Kellner war Fan des 1. FC Nürnberg

Geblieben ist dennoch das Bild von grauer Tristesse, zumal überall in der Stadt der Geruch von Braunkohle, mit der damals überwiegend geheizt wurde, die Luft verpestete. Die Schaufenster der Geschäfte waren nur spärlich dekoriert, es lagen verschiedene Angebote zum Winterausklang darin. Kein Vergleich zu den Schaufensterauslagen zum Winterschluss-Verkauf im Westen.

Auf Schloss Landsberg, außerhalb von Meiningen gelegen, bot sich ein etwas freundlicheres Bild. Wenngleich die Sonderbehandlung für die Gäste aus der BRD nicht ausgeblieben ist. Sie waren im reservierten Restaurantbereich bei der Kaffeetafel und dem Abendbrot unter sich. Ohne Chance, mit DDR-Bürgern in Kontakt zu kommen. Ausnahme: Der junge Kellner, der sich als Fan des FC Nürnberg zu erkennen gab. "Nur einmal den Club sehen, dann fahre ich wieder heim nach Meiningen", gab er seinen größten Traum preis, der zu der Zeit unerfüllbar schien.

Eine Opern-Aufführung mit Kunstgenuss im Meininger Theater war der Höhepunkt der Tagesfahrt. Beseelt, ja beglückt und noch ganz im Zeichen des Opern-Erlebnisses stand die Rückfahrt die Schanz hinauf. Bis der Bus eine knappe halbe Stunde vor Mitternacht zur Ausreise-Kontrolle stoppte.

Der Grund für die Grenzkontrolle überraschte

Zielgenau steuerte der Soldat der DDR-Grenztruppe im Bus den Zeitungsmann mit der Kamera an. "Mitkommen, mit Kamera" – sein Befehlston klang nicht gerade freundlich, als er den Bundesbürger zum Ausstieg führte. Aufgeregt ob der Schikane, auf die er sich wohl gefasst machen musste, gab der zweite Wachsoldat dem Wessi beim Ausstieg aus dem Bus ganz leise Entwarnung. "Keine Sorge, es passiert schon nichts", flüsterte er auf dem Weg zu einem Container dem Fotografen zu.

Man blieb unter sich, der Grenzsoldat hielt Wort. Der Film wie auch die Kamera wurden nicht konfisziert. Vielmehr outete sich der Wachmann als Fan westlicher Kameratechnik und ließ sich den Apparat bis ins kleinste Detail erklären. Diese Zeitspanne sollte möglicherweise den Vorgesetzten ein intensives Verhör vorgaukeln.

Auf dem ehemaligen Todesstreifen an der Schanz bei Eußenhausen hat der Künstler Jimmy Fell einen Skulpturenpark geschaffen. Foto: Achim Muth

Ende gut, alles gut. Kurz vor Mitternacht passierte der Bus an der Landesgrenze zu Bayern noch rechtzeitig die Demarkationslinie.

Nach der deutschen Wiedervereinigung am 3.Oktober 1990 wurden die umfangreichen Sperranlagen auf der Schanz beseitigt. Auf der Thüringer Seite sind nur noch ein Wachturm sowie ein unvollendeter Backsteinbau erhalten. Auf der bayerischen Seite beinhaltet ein Grenzmuseum eine Sammlung von Grenzsperranlagen. Und auf dem einstigen Todesstreifen hat der Berliner Aktionskünstler Jimmy Fell den Skulpturenpark Deutsche Einheit mit der bekannten Goldenen Brücke geschaffen.

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