MELLRICHSTADT

Biblische Weisheiten und Kishons Späße

Bunt gemischtes Programm: Janette Fraas, Fred Rautenberg und Stefan Wintersteiner (von rechts) bei „Mellrichstadt liest“.
Bunt gemischtes Programm: Janette Fraas, Fred Rautenberg und Stefan Wintersteiner (von rechts) bei „Mellrichstadt liest“. Foto: Hagen-Wehrhahn

„Nahost – so nah und doch so fern“ lautete die Überschrift der jüngsten Ausgabe der beliebten Reihe „Mellrichstadt liest“. Auf ihrer literarischen Reise durch Europa – so das diesjährige Motto – machten die Moderatoren Janette Fraas und Fred Rautenberg sowie Gastleser Stefan Wintersteiner, stellvertretender Direktor des Martin-Pollich-Gymnasiums, am Sonntag im Vorderen Orient Halt.

Nähe und Ferne, diese Ambivalenz ist es, die sich dem Mitteleuropäer beim Begriff „Nahost“ aufdrängt. Denn einerseits rückt die Region im Zeitalter der schnellen Fortbewegungsmittel und der grenzenlosen Kommunikationsmöglichkeiten immer näher, andererseits erscheint uns eine Kultur, in der die drei Religionen Christentum, Judentum und Islam aufeinandertreffen, fremd und damit fern. Gerade aber die Literatur kann das Verbindende zwischen den Kulturen sein. In ihren literarischen Beiträgen spannten Fraas, Rautenberg und Wintersteiner einen weiten Bogen, der von traditionellen Erzählungen und alter Dichtung bis hin zu zeitgenössischen Geschichten und moderner Lyrik reichte.

Mit Gedichten aus der arabischen Welt machte Janette Fraas den Anfang. Ihr erster Beitrag galt den aus dem elften Jahrhundert stammenden Versen von R. Meir, der in seinen Gedichten von der Trauer der Juden in der Diaspora und ihrem schier endlosen Leid erzählt, am Ende aber der Hoffnung Raum gibt.

Zu den ältesten Dokumenten überhaupt zählt das Alte Testament der Bibel und ist nach Meinung von Stefan Wintersteiner wohl das Beste, was ein großes Kulturvolk je geschrieben hat. Bevor die ersten Teile des Alten Testaments ab dem neunten Jahrhundert vor Christus niedergeschrieben wurden, waren sie schon jahrhundertelang mündlich weitergegeben worden. Menschen sammelten Erzählungen, Dichtungen und Sprüche, die ab dem fünften vorchristlichen Jahrhundert von jüdischen Gelehrten zu größeren Einheiten zusammengefügt wurden.

Wintersteiner las aus dem alttestamentarischen Buch Jesus Sirach, in dem Lebensweisheiten zusammengefasst wurden, die, ähnlich der griechischen Moralphilosophie, das Maß der Mitte propagieren und sich auch nach mehr als 2000 Jahren wie Knigge-Verhaltensregeln lesen. Es sind thematisch geordnete Weisheiten zum menschlichen Leben und seinen Alltagsproblemen, die zeitlose Gültigkeit besitzen.

Ebenfalls aus dem Alten Testament stammte Wintersteiners zweiter Literaturbeitrag, das Lied der Lieder Salomos, oder auch das Hohelied genannt. Das Hohelied setzt sich zusammen aus einer Sammlung von zärtlichen, teilweise auch erotischen Liebesliedern, in welchen das Suchen und Finden, das Sehnen und gegenseitige Lobpreisen von zwei Liebenden geschildert wird. In der Liturgie spielt das Hohelied eher eine geringe Rolle, ganz im Gegensatz zu den Psalmen, die in jüdischen und in christlichen Gottesdiensten regelmäßig gebetet werden. Die Psalmen beginnen oft mit Klagen, die zuweilen in verzweifelte Stimmung wechseln und dann umschlagen in ein heiteres Lob Gottes.

Einem anderen Genre widmete sich Fred Rautenberg, der sich die Autorin Elsa Sophia von Kamphoevener ausgesucht hatte. Als Tochter eines deutschen Majors wuchs sie Ende des 19. Jahrhunderts in Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, auf und machte sich einen Namen als Märchenerzählerin. Rautenberg hatte sich das Werk „Der Kawehdji (Kaffeezubereiter) und der Derwisch“ ausgesucht. In dieser erzählt Kamphoevener, wie es dem Protagonisten Achmed gelingt, durch eine Zaubertasse die Gedanken anderer zu hören. Er hält sich für reich und allwissend, doch schon bald belehrt ihn der weise Derwisch eines Besseren: Reichtum ist Kälte, Hochmut und Härte. Sein Wissen auszunutzen bedeutet, von der Schlechtigkeit anderer Gebrauch zu machen.

Amos Oz, Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels, hat unter dem Buchtitel „Unter Freunden“ acht Erzählungen zusammengefasst, die in einem fiktiven Kibbuz in Israel spielen und von den menschlichen Erfahrungen wie Einsamkeit, Liebe, Verlust, Tod, Sehnsucht, Verzicht und Verlangen erzählen. Im Mittelpunkt von „In der Nacht“, so der Titel einer dieser bemerkenswerten Geschichten, die Janette Fraas vorstellte, steht Nina, eine eigensinnige junge Frau, die es keine Nacht mehr mit ihrem Mann aushält, sowie Joaf, dessen Seelenleben von dieser Frau völlig durcheinandergebracht wird.

Der Abschluss des Lesenachmittags gehörte wieder der heiteren Lektüre. Fred Rautenberg hatte drei humorvolle Geschichten des israelischen Schriftstellers Ephraim Kishon ausgesucht. Kishon, der als in Ungarn geborener Jude nur knapp dem Holocaust entrinnen konnte, wollte nach eigenen Worten mit seinem Humor zur Versöhnung beitragen. Viel zu lachen gab es im Café Art bei den Geschichten „Damenschuhe“, „Babysitter“ und „Schnarcherei“.

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