RHÖN-GRABFELD

Biobauern aufs Feld geschaut

Ökomodellregion: Wo die Sonnenblume triumphiert und die Kartoffel schon mal zickt
Die erste „Erntepressefahrt“ der Rhön-Grabfelder Biobauern führte unter anderem in Eberhard Räders Sonnenblumenfeld bei Wollbach. Foto: Ines Renninger

Ein Bild wie gemalt: leuchtend gelbe Sonnenblumen soweit das Auge reicht. „Am Ende hat sich die Sonne durchgesetzt, die Sonnenblumen sind einfach über die vielen anderen Beikräuter drüber gewachsen“, erzählt Landwirt Eberhard Räder, dem das Feld bei Wollbach gehört. Passiert sei das auf natürlichem Wege, ganz ohne Herbizide. Räder ist Biobauer.

Den Wunsch, dass der Biolandbau einen ähnlich Siegeszug wie seine Sonnenblumen antritt, hegt nicht nur er, sondern ihn hegen alle Biolandwirte, die seit eineinhalb Jahren in der Arbeitsgemeinschaft Biobauern Rhön-Grabfeld organisiert sind.

Schlecht steht der Biolandbau schon heute nicht da, wie die Zahlen von Bernhard Schwab vom Fachzentrum Ökologischer Landbau am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Bamberg belegen: Zählte der Landkreis Rhön-Grabfeld 2007 gerade einmal 63 Ökolandbau-Betriebe, waren es 2015 schon 102.

Bewusstsein für Bio schaffen

Und die Bio-Bewegung soll weiterwachsen. Um ihren Teil dazu beizutragen, haben die Ökobauern nun die erste „Erntepressefahrt“ in Rhön-Grabfeld organisiert, bei der sie sich den Medienvertretern und so letztlich der Bevölkerung präsentierten. „So eine Urkunde, ein Papperl ist ja ganz schön“, sagt Landrat Thomas Habermann, der mit von der Partie ist, über den Titel „Ökomodellregion“, „aber daraus muss etwas entstehen“. Ziel der Ökomodellregion dürfe nicht in erster Linie sein, konventionelle Bauern zum Umstellen zu bewegen, glauben die Biobauern. „Es nützt nichts, wenn alle umstellen und am Ende wissen wir nicht, wohin mit den Erzeugnissen“, so Räder. Vielmehr müsse man zunächst in der Bevölkerung ein Bewusstsein für das Thema schaffen. „Wir wollen deshalb offen unser Tun zeigen.“

Zu tun hat so ein Biobauer äußerst viel, das zeigt sich schon auf dem ersten Feld, dem Kartoffelacker von Klaus Zimmer in Wollbach: Denn entscheidend beim biologischen Kartoffelanbau ist die Bodenbearbeitung. Anders als der konventionelle Kartoffelbauer, der einmal bearbeiten könne, müsse der Biobauer beispielsweise dreimal an den Boden ran. Auch die mechanische Unkrautregulierung spielt beim Biolandbau eine große Rolle. Den Ampfer habe er „mit der Hand herausgestochen“, gibt Zimmer ein Beispiel. In der Hand hat er den Ernte-Erfolg damit aber noch lange nicht, wie ein Vergleich Zimmers vor Augen führt: „Alle Kartoffeln sind weiblich“, so seine Theorie. „Man muss sie mit viel Liebe behandeln, aber auch dann sind sie noch für so manche Überraschung gut.“

Überleben als Exporteur

Entscheidend voranbringen könne man die Ökomodellregion nur, wenn es gelinge, den Einzelhandel mit ins Boot zu holen, so die einhellige Meinung der Exkursionsteilnehmer. „Pervers“, so ist sich die Gruppe einig, sei die Tatsache, dass es Jahre gab, in denen Zimmer seine Rhön-Grabfelder Kartoffeln nach Italien exportieren musste, weil er sie nicht im lokalen Einzelhandel platzieren konnte.

Ab Februar, berichtet Biolandwirt Hans Schöneberger, wolle der Einzelhandel die „alten Kartoffeln“ nicht mehr. Dabei seien die Kartoffeln bei professioneller Lagerung durchaus bis über die Spargelsaison hinaus haltbar. Gefragt seien stattdessen aus Ägypten importierte Frühkartoffeln, weil das Label „Frühkartoffel“ in vieler Ohren besser zum Attribut „frischer“ Spargel passe.

Diskutiert wurde auch über die Differenzierung von „regional“ und „bio“. Der Einzelhandel, aber auch Vermarkter wie die Dachmarke Rhön, setzten primär auf Regionalität weniger auf bio, monierten die Bio-Landwirte. „Regional und bio, das gehört zusammen“, ist Landrat Habermann überzeugt.

Ebenfalls untrennbar sind die Themen Leguminosen und Ökolandbau, wie am zweiten besichtigten Acker, einem Rotkleefeld von Bauer Zimmer deutlich wird. „Ohne Klee kein Ökolandbau“, erklärt er. „Klee hat die Fähigkeit, Stickstoff aus der Luft zu binden und an den Boden weiterzugeben“, erläutert Birgit Zirkelbach, Biolandwirtin und Fraktionschefin der Grünen im Kreistag. Für Biobauern, die auf Kunstdünger verzichten, ist der Rotklee deshalb ein unverzichtbarer Bestandteil.

Am Klee werde auch deutlich, wie wichtig Kooperationen der Biobauern untereinander sind. Waren die Bauern früher so breit aufgestellt, dass jeder Landwirt einen geschlossenen Kreislauf bilden konnte, sei das heutzutage häufig nur noch über den Austausch untereinander, etwa durch Futter-Mist-Kooperationen, möglich.

Der erste Schnitt von Zimmers Rotkleefeld beispielsweise wanderte in Eberhard Räders Biogasanlage – die nicht mit Mais, sondern zu über 50 Prozent mit Klee, ansonsten mit Mist bestückt, wird; den Gärrest bekam Zimmer wieder zurück, um zu düngen. Der zweite Klee-Schnitt diene der Saatgutverwertung.

Die Erntepressefahrt endet mitten in fünf Dinkeläckern von Eberhard Räder im Wasserschutzgebiet Bastheim. „Bio muss von dem leben, was der Boden an sich hergibt“, demonstriert der Landwirt dort. Während die Böden im Zentrum, wo die Äcker zusammenstoßen, richtig gut sei, nehme die Bodenqualität – und damit auch der Ertrag – zu den Ackerrändern hin deutlich ab. „Ein konventioneller könnte das ausgleichen“, so Räder. Der Biolandwirt nicht.

Dass Bio trotz allem für ihn der einzig richtige Weg ist, veranschaulicht er mit Hinweis auf die Lage der Äcker im Wasserschutzgebiet. Wegen eines Trinkwasserbrunnens in unmittelbarer Nähe müsse bei der Bodenbearbeitung besondere Rücksicht genommen werden – kein Problem für den Biobauern. Doch Räder stellt sich die Frage, weshalb solche Rücksichten nur im Wasserschutzgebiet genommen werden. „Klar, hier wird das Wasser direkt rausgeholt.“ Woanders lande das Wasser eben über Umwege in den Weltmeeren.

Klaus Zimmer philosophierte über die Kartoffel. Foto: Ines Renninger

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