Oberelsbach

Corona stoppt auch Birkwildzählung in der Rhön

Erstmals seit Jahrzehnten gibt es wegen der Pandemie keine Frühjahrszählung. Auch die Auswilderung schwedischer Wildfänge ist abgesagt.
In den vergangenen Jahren wurde immer wieder Birkwild aus Schweden in der Rhön ausgewildert. Um ihren Verbleibt zu dokumentieren, wurden die Tiere mit Peilsendern ausgestattet. Heuer musste die Auswilderung wegen Corona abgesagt werden.
In den vergangenen Jahren wurde immer wieder Birkwild aus Schweden in der Rhön ausgewildert. Um ihren Verbleibt zu dokumentieren, wurden die Tiere mit Peilsendern ausgestattet. Heuer musste die Auswilderung wegen Corona abgesagt werden. Foto: Jörg Steinhoff

Wie geht es dem Birkwild in der Rhön? Dies zu ermitteln ist der Hintergrund der jährlichen Birkwildzählungen, die unter Mitwirkung der Wildland-Stiftung Bayern und der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises  Rhön-Grabfeld organisiert werden. Heuer musste die Frühjahrszählung wegen Corona gestoppt werden.

Langjährige Beobachtungsreihen sind für die Wissenschaft und Forschung von besonderer Bedeutung. Im Naturschutz sind es die Monitoring-Programme, die für Bestandserhebungen unerlässlich sind. Über die langjährigen Datensätze lassen sich nicht nur Trends ablesen, sondern manche Art vielleicht auch noch vor dem Aussterben schützen. Dies gilt für Vögel genauso wie für Insekten, Amphibien und viele andere Tier- und Pflanzenarten.

Spezielle Methode seit 1977

In der Rhön wird seit dem Jahr 1977 mit Jägern, Ornithologen und Naturfreunden der Birkhuhnbestand anlässlich der Birkwildbalz Ende April gezählt. Waren es in den Jahren zuvor ausschließlich Zählungen der Rhönjäger, die sich für diese Vogelart besonders interessierten, wurden die Zählungen seit 1977 nach einem standardisierten Verfahren durchgeführt. Unter Mitwirkung von Dr. Franz Müller, Kurator am Naturkundlichen Museum in Fulda, Dr. Ulrich Glänzer (†) vom Bayerischen Umweltministerium und dem Wildbiologen Wolfgang Dietzen wurde eine Methode entwickelt, den Birkhuhnbestand möglichst exakt zu erfassen. Über ein solches, immer nach gleichen Kriterien durchgeführtes Zählen und Auswerten, können haltbare Bestandszahlen ermittelt werden.

Seit mehr als 40 Jahren wird jeweils Ende April der Bestand des Rhöner Birkwilds ermittelt. Wegen Corona musste die Birkwildzählung in diesem Jahr abgesagt werden.
Seit mehr als 40 Jahren wird jeweils Ende April der Bestand des Rhöner Birkwilds ermittelt. Wegen Corona musste die Birkwildzählung in diesem Jahr abgesagt werden. Foto: Thomas Pfeuffer

Damals im Jahr 1977 waren die Zähler mit einem Bestand von über 100 Hähnen noch sehr zufrieden. Inzwischen ist er seit vielen Jahren auf ein sehr niedriges Niveau gesunken. Aber auch dies ist das Ergebnis der jährlichen Zählungen, für die sich jedes Frühjahr am letzten Aprilwochenende rund 120 Freiwillige zur genau vorgegebenen Ansitzmethode einfinden. Da kann es regnen oder schneien, die Sonne scheinen oder der Wind um die Ohren pfeifen, vier Stunden von 4 bis 8 Uhr morgens heißt es still halten, horchen und schauen. Und alles, was gesehen oder gehört wird, wird exakt mit Uhrzeit dokumentiert. Dies dient der Auswertung der über 100 Zählbögen. Nur so ist gewährleistet, dass Doppelzählungen benachbarter Beobachter vermieden werden.

Tiefpunkt 2010

Über ein solches Monitoring, also die Dokumentation der Ereignisse in der Natur, können langfristige Bestandsentwicklungen aufgezeigt werden. Beim Birkwild ist der Bestand seit 1977 mit 101 Hähnen stets gesunken. Eine erste tiefe Depression gab es 1996 mit nurmehr 12 Hähnen und fünf Hennen. Nach intensiver Raubwildbejagung mit Hilfe der Unterstützung eines Berufsjägers der Wildland-Stiftung Bayern,der Naturschutzorganisation des bayerischen Jagdvebandes, und umfangreicher Biotopmaßnahmen konnte sich der Bestand leicht erholen.

Doch eine erneute Depression seit 2003 führte schließlich zum absoluten Tiefpunkt mit vier Hähnen und 12 Hennen im Jahr 2010. In diesem Jahr wurde erstmals auch eine Herbstzählung durchgeführt, um den Zuwachs an Jungvögeln besser zu dokumentieren. Seither finden die Herbstzählungen jedes Jahr Ende September statt. Daran beteiligen sind etwa 50 bis 60 Personen und etwa die Hälfte der verfügbaren Zählplätze werden besetzt.

Die Schweden kommen

Diskussionen um eine genetische Auffrischung der kleinen Rhöner Birkhuhn-Population waren längst im Gang und bis zum Jahr 2010 waren alle behördlichen Genehmigungen zum Projekt der Auswilderung schwedischer Wildfänge eingeholt. Ende April, Anfang Mai machte sich seither alljährlich eine Gruppe engagierter Rhöner auf den weiten Weg, um in Schweden Birkwild in einer eigens entwickelten Methode zu fangen und die Wildfänge dann in der Rhön auszuwildern.

Seither ist der Bestand hier zwar wieder leicht angestiegen, doch ein richtiger Durchbruch lässt bis heute auf sich warten. So wurden bei der Frühjahrszählung 2019 neun Hennen und neun Hähne dokumentiert. Auch in diesem Jahr war eine Auswilderung schwedischer Vögel in der Rhön vorgesehen. Das musste nun aufgrund von Corona abgesagt werden. Ob es im nächsten Jahr nachgeholt werden kann, hängt von der Genehmigung durch die schwedischen Behörden ab, weiß Torsten Kircher. Von 2003 bis 2019 war es maßgeblich der Biologe und Wildland-Schutzgebietsbetreuer in der Langen Rhön, der die verschiedenen Aktionen und Projekte zum Schutz und Erhalt des Birkwilds in der Rhön organisierte und koordinierte. Inzwischen ist Kirchner allerdings beim Biodiversitätszentrum Rhön tätig.

Bis zu 80 Begleitarten

Wenngleich bei allen Zählungen das Birkwild von besonderem Interesse ist, werden doch alle im Gebiet des Naturschutzgebiets Lange Rhön vorkommenden Vogelarten mitgezählt. Die Zahl der sogenannten Begleitarten schwankt je nach Wetterbedingungen am Zähltag zwischen 60 bis 80 Arten bei der Frühjahrszählung. Dabei werden regelmäßig auch Rote-Liste- Arten wie Raubwürger, Bekassine oder Wiesenpieper erfasst. Aber auch häufige Arten wie Ringeltauben, Kohlmeisen oder Wacholderdrosseln sind für die Artenvielfalt eines Gebiets von Bedeutung. Die Rhön zählt eben zu den „Hotspots“ der Biodiversität in Deutschland.

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