GROßBARDORF

Der Flügel ist wie amputiert

Der halbe Flügel fehlt diesem Wespenbussard, der auf einem abgeernteten Feld unterhalb eines Windrades bei Großbardorf gefunden wurde. Es handelt sich nicht um eine Fotomontage. Foto: Daniel Scheffler-LBV-Rhön-Grabfeld

Haben die Windräder zwischen Großbardorf und Sulzfeld ihr erstes Opfer unter den Raubvögeln gefordert? Es sieht ganz danach aus. Am vergangenen Dienstag beobachtete ein Naturfreund direkt unter einem der Großbardorfer Windräder einen offensichtlich stark verletzten Greifvogel auf einem frisch abgeernteten und gegrubberten Feld, der nicht mehr fliegen konnte, schreibt Bert Kowalzik in einem Mail an die Redaktion dieser Zeitung.

Kowalzik ist Vorsitzender der Kreisgruppe Rhön Grabfeld des Vereins für Landschaftspflege und Artenschutz in Bayern und des Verein zum Schutz der Umwelt und des Kulturerbes in Rhön-Grabfeld. Besorgt über das Schicksal des verletzten Vogels wurde Manfred Röhner, stellvertretenden Vorsitzenden der Kreisgruppe Rhön-Grabfeld des Vereins für Landschaftspflege und Artenschutz in Bayern (VLAB) informiert, der seinerseits sofort Kontakt mit dem Greifvogelexperten Daniel Scheffler vom Landesbund für Vogelschutz (LBV) aufnahm.

Verletzter Vogel blieb zunächst verschwunden

Allerdings blieb der Vogel am nächsten Tag trotz der Nachsuche von Naturschützern, einem ortsansässigen Jäger und einem Behördenvertreter unauffindbar. Erst am Donnerstag wurde der ausgewachsene Wespenbussard dann doch noch von zwei ehrenamtlichen Naturschützern des LBV gefunden – unweit der Stelle, an der er zuerst beobachtet worden war.

Teil eines vorderen Flügels fehlt

Wie sich herausstellte, fehlte dem Vogel ein Teil an einem Vorderflügel. „Der Flügel ist wie amputiert“, sagt Kowalzik im Telefongespräch und ist sich sicher, dass dafür eigentlich nur einer der Windrotoren verantwortlich sein kann. Der Vogel hatte wohl offensichtlich über dem frisch bearbeiteten Feld an einem der Windräder Nahrung gesucht und war dabei zu nah an die Rotoren gekommen. Eine Vermutung, mit der Kowalzik durchaus richtig liegen kann, wie auch Fachreferent Dieter Weisenberger von der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Rhön-Grabfeld bestätigt.

Denn wie der Name schon sagt, stehen auf dem Speiseplan des Wespenbussards Wespen und Bienen. Und weil Wespen gerne Mäuselöcher auf Feldern nutzen, um dort Staaten zu bilden, war der abgeerntete Acker für den Wespenbussard natürlich interessant. Umso mehr, weil auf den umliegenden Feldern noch die Halme stehen und die Jagd auf Beute deutlich schwerer ist.

Empörung bei Vogelschützern

Kowalzik und die Vogelschützer zeigen sich in dem Mail empört über diesen Vorfall. Zum einem liege sehr wahrscheinlich ein Versäumnis des Windparkbetreibers vor, dafür zu sorgen, dass gerade nicht nur die Getreidefläche unter dem Windrad geerntet und gegrubbert wurde und die umliegenden Felder noch stehen, vermutet Kowalzik. Dadurch, dass nur das Feld direkt am Windrad bearbeitet wurde, sei der Greifvogel quasi direkt dorthin in den Bereich des Windrades gelockt worden, um Nahrung zu suchen.

Weisenburger sieht das Problem ebenfalls, macht aber auch darauf aufmerksam, dass Felder im Laufe der Jahre eben mit unterschiedlichen Feldfrüchten bewirtschaftet werden, die auch zu unterschiedlichen Zeiten geerntet werden.

Allerdings werde die Untere Naturschutzbehörde mit dem zuständigen Landwirt ein Gespräch suchen, um für das kommende Jahr eine bessere Lösung zu finden, sagt Weisenburger. Schließlich wolle man sich nicht vorwerfen lassen, für die Dezimierung der Greifvogelpopulation mit verantwortlich zu sein.

Der erst Fall in 14 Jahren

„Das war unser erster Fall“, zeigt sich Erich Wust, der Geschäftsführer der Bürgerwindenergie Großbardorf-Sulzfeld GmbH & Co überrascht über das Schlagopfer. Seit 2002 ist er in Franken und der Oberpfalz im Windenergiegeschäft, hat in dieser Zeit gut 80 Anlagen errichtet. „Natürlich ist es schade, dass es einen Großvogel getroffen hat“, so Wust weiter gegenüber dieser Redaktion, auszuschließen seien diese Vorfälle aber nicht. Das werde übrigens auch im Genehmigungsverfahren berücksichtigt. Wenn man aber wegen Vorfällen dieser Windkraft ablehne, dann dürfte man auch kein Auto mehr fahren lassen.

Wespenbussard wird nie wieder fliegen können

Mit dem Leben als Zugvogel ist es für den schwer verletzten Wespenbussard vorbei. „Er wird nie wieder fliegen können und hat so in der freien Wildbahn keine Überlebenschance mehr“, stellt Kowalzik fest, der den Vorfall bei der Vogelschutzwarte Brandenburg für die Schlagopferkartei melden will. Auch das Schicksal seiner Brut sei ungewiss, denn der Altvogel falle nun für die Versorgung wahrscheinlich vorhandener Jungvögel aus, was eine erfolgreiche Fortpflanzung jetzt erschwere, da nun ein Elterntier alleine die Jungvögel mit Nahrung versorgen muss.

Der Vogel wird derzeit in Absprache mit Tierärzten und Behörden von Daniel Scheffler betreut und befinde sich in einem kritischen Zustand, so Kowlzik weiter. Wenn es ihm irgendwann wieder besser geht, soll der Vogel geröntgt werden, um die Verletzung zu dokumentieren.

Bei den Windparks Wülfershausen und Wargolshausen wären noch viel mehr große Vogelarten in Gefahr, so Kowalzik weiter, der hofft, dass in diesem laufenden Verfahren das Landratsamt seinen Sorgfalts- und Prüfpflichten in vollem Umfang nachkommen wird.

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