BAD KÖNIGSHOFEN/BAD NEUSTADT

Der Jutebeutel tut's auch

Baumwolle statt Plastik: Die Energie-Initiative Rhön und Grabfeld e.V., hier die Vorstandsmitglieder (von links) Daniel Miller, Dieter Esau, Dirk van Velsen und Günter Lieberth, ruft zum bewussten Einkauf ohne Plastiktüten auf. Foto: Vossenkaul

Abschreckende Bilder gingen kürzlich durch die Medien: Verendete Eissturmvögel mit Plastikmüll im Magen, ein toter Zwergwal mit 800 Kilogramm Plastik im Bauch, Meerestiere, die sich in herrenlosen Netzen verfangen und qualvoll verenden.

Der in den Ozeanen treibende Abfall hat riesige Müllstrudel gebildet, der größte im Nordpazifik hat einen Umfang wie Zentraleuropa. Die alarmierenden Nachrichten und der EU-Plan Plastiktüten verbieten zu lassen, hat die Energie-Initiative Rhön und Grabfeld e.V. veranlasst, eine Anti-Plastiktüten-Kampagne ins Leben zu rufen. Unter dem Motto „Plastiktüten Ade“ will der Verein alle Bürger darauf aufmerksam machen, dass sie durch ihr Konsumverhalten das weitere Erzeugen von Plastikprodukten beeinflussen oder verhindern können.

Der Plastikmüll ist überall

„Wir müssen gar nicht bis zu den Ozeanen schauen, auch in Nord- und Ostsee bereitet Plastikmüll zunehmend Probleme“, sagt Vorsitzender Dieter Esau. Wie er berichtete, ist die unbewohnte Nordseeinsel Mellum ein guter Indikator. Laut WWF findet man dort mitunter auf 100 Metern Strand über 700 angeschwemmte Müllteile, die zu 80 Prozent aus Plastik und anderen Kunststoffen bestehen, darunter Becher, Luftballonschnüre, Flaschen und Styroporteile. Die Nester der dort brütenden Löffler bestehen hauptsächlich aus Plastiktüten. Man findet inzwischen weltweit Plastikteilchen in allen Größen, sogar zwischen den Sandkörnern am Strand und in Muscheln, denn die Teile zerfallen bis zur Planktongröße. Wie Esau berichtete, dauert die völlige Zersetzung bis zu 400 Jahre.

Die kleinsten Partikel gelangen über die Nahrungskette bis zum Menschen. Wie der WWF-Experte für Meeresschutz, Stephan Lutter, veröffentlicht hat, verwechseln Meerestiere die Plastikteile mit Plankton oder anderem Futter. So verhungern Seevögel bei vollem Magen, Lederschildkröten fressen Plastiktüten statt Quallen. Wer nicht gleich verendet, reichert die in den Kunststoffen enthaltenen fettlöslichen Stoffe wie Weichmacher und Flammschutzmittel im Körper an – die Menschen essen Fische, Muscheln und Krebse und stehen am Ende der Nahrungskette. Laut Dr. Andreas Gies, Leiter der Abteilung Umwelthygiene vom Umweltbundesamt, können Weichmacher in hohen Konzentrationen die Leber schädigen, außerdem wirken sie hormonähnlich und vermindern die männliche Fruchtbarkeit.

Wie Esau berichtete, landen pro Jahr rund sieben Millionen Tonnen Plastikmüll in den Meeren. Ungefähr 70 Prozent sinken auf den Meeresboden, 15 Prozent werden irgendwo angeschwemmt, der Rest schwimmt an der Oberfläche. Ein Problem ist: Sobald das Material in Mikropartikel zerfallen ist, lässt es sich auch nicht mehr herausfischen oder einsammeln. 65 Plastiktüten pro Kopf und Jahr verbrauchen die Deutschen laut Umwelt-Bundesamt, sie stehen damit nicht an der Spitze in Europa. Der EU- Umwelt-Kommissar Janez Potocnik hat kürzlich dazu aufgerufen, Zusatzgebühren auf Plastiktüten zu erheben oder sie ganz zu verbieten. Er ist dafür, die Verschmutzer zur Kasse zu bitten und nicht die zukünftigen Generationen. Das Ergreifen geeigneter Maßnahmen will er jedoch den Ländern überlassen. Die Lebensmittelmärkte „Tegut“ gehen hier mit gutem Beispiel voran, denn dort gibt es zwar an Obst- und Fleischtheken kleine Plastikbeutel, nicht jedoch an der Kasse. Dort erhält man Papiertüten oder preisgünstige Stofftaschen.

Was kann der Einzelne tun? Das haben sich auch die Mitglieder der Energie-Initiative gefragt und ein eindrucksvolles Logo in Auftrag gegeben, das auf Taschen aus zertifizierter Baumwolle aufgedruckt wurde. Die Aufschrift „Plastiktüten ade“ soll nicht nur dazu auffordern, zum Einkaufen Körbe und Taschen zu benutzen, sondern möglichst ganz allgemein auf Kunststoffverpackungen zu verzichten und keine Einmalprodukte zu benutzen. Die Taschen können bei der Energie-Initiative zum Selbstkostenpreis von Läden, Betrieben, Vereinen und Privatpersonen zum Verteilen bestellt werden. Wer möchte, kann sein eigenes Logo auf die Rückseite drucken lassen. Die Vorstandschaft hofft, dass von dem Angebot reger Gebrauch gemacht wird.

Informationen unter Tel. (0 97 71) 6 37 26 33 oder Tel. (0 97 61) 39 72 63

Der Umwelt zuliebe: „Wir bieten Papiertüten und Baumwolltaschen an, das entspricht unserer Firmenphilosophie“, bestätigt die Tegut-Filialleiterin in Bad Königshofen, Kristina Kupfer. Foto: Vossenkaul

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