Aubstadt

Der Mensch wird auch in der Corona-Krise wieder erfinderisch sein

Die Not hat den Menschen schon immer erfinderisch gemacht. In Notzeiten erfand beispielsweise Karl Drais 1817 das Laufrad (Archivbild). Die Corona-Krise könnte dazu genutzt werden, den aufgebrochenen Generationenkonflikt zwischen Alt und Jung erfinderisch anzugehen.
Die Not hat den Menschen schon immer erfinderisch gemacht. In Notzeiten erfand beispielsweise Karl Drais 1817 das Laufrad (Archivbild). Die Corona-Krise könnte dazu genutzt werden, den aufgebrochenen Generationenkonflikt zwischen Alt und Jung erfinderisch anzugehen. Foto: Archivbild dpa

Während das Rad schon vor tausenden von Jahren erfunden wurde, wurde das Fahrrad - oder besser gesagt, ein Laufrad - erst im Jahr 1817 in Baden-Württemberg erfunden. Es hatte allerdings noch keine Pedale, man musste sich selbst anschieben. Es war insgesamt eine Art übergroßes Bobby-Car für Erwachsene, und so "fuhr" es sich auch. Es war eine Erfindung, die dem schon existierenden Konkurrenz-Transportmittel in keinem Bereich das Wasser reichen konnte: dem Pferd.

Und doch wurde es erfunden und hat sich über die Jahrzehnte durchgesetzt. Aus einem einfachen Grund: Not macht erfinderisch. Die Not hatte sich durch die napoleonischen Kriege ergeben, die bis 1815 in Europa gewütet hatten. Pferde hatte danach fast niemand mehr, sie waren entweder beschlagnahmt oder geschlachtet worden. Also begann der Erfinder Karl Drais zu tüfteln, und das Fahrrad begann langsam, aber sicher seinen Siegeszug.

Eine bewusste politisch-gesellschaftliche Entscheidung zu Entschleunigung

Die Not, sie wird auch uns Menschen heute inmitten der Corona-Krise erfinderisch machen. Zwangsweise. Unsere Art zu leben stößt nun an eine empfindliche Grenze. Wir haben es nicht nur mit einer medizinischen Krise zu tun, sondern auch mit einer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen. Ein "weiter so" gibt es auf absehbare Zeit nicht und wird es vielleicht auch nicht geben.

Die Wirtschaft mit den Grundsätzen "höher, schneller, weiter" hat nun spürbar Sand im Getriebe. Plötzlich wird sie entschleunigt, kommt zum Teil sogar zum Erliegen. Sie erlahmt jedoch nicht von selbst. Sondern durch unsere politisch-gesellschaftlich getroffene bewusste Entscheidung zur Entschleunigung – zugunsten derer, die das Corona-Virus besonders fürchten müssen. Ein äußerst erstaunlicher Vorgang . Wann wurde zuletzt eine derart drastische Maßnahme durchgesetzt, um Menschenleben zu retten?

Ein großer Generationkonflikt zwischen Alt und Jung ist nun aufgebrochen

Die gesellschaftlichen Fliehkräfte, die all das nun hervorruft, sind riesig. Ein großer Generationenkonflikt ist nun aufgebrochen, der lange geschwelt hat. Ältere und vorerkrankte Bürger fordern nun ihr Recht auf Leben ein und nehmen dazu sowohl die Wirtschaft als auch die jungen Leute ins Visier, die keine Angst haben müssten. In der Zeitung "Die Welt" hieß es am 20. März dazu: "Die Unmündigen präsentieren sich aktuell in privaten Corona-Partys, gemeinsam abhängend im Englischen Garten, vor Eisdielen in Berliner Trendkiezen. Es sind oft junge Menschen, die glauben, dass ihnen das Corona-Virus nichts anhaben kann. […] Wer seiner tumben Idee von Freiheit in unsozialer Indifferenz die Schwächsten zu opfern bereit ist, hat weniger unser Mitleid als unsere Sanktionen verdient."

Beim Hören in der Presseschau des Deutschlandfunks habe ich mir gedacht, dass sich der Text auch um 180 Grad umdrehen ließe. Denkt man an den Klimawandel, der die Zukunft der jungen Generationen nachhaltig bedroht. Wer heute geboren wird, hat theoretisch gute Chancen das Jahr 2100 mitzuerleben – die Prognosen der Klimaforscher sind jedoch durchweg düster.

Entschleunigung schafft Zeit und Kreativität, um den Konflikt anzugehen

Die Corona-Krise bietet die Chance, den spätestens jetzt aufgebrochenen Generationenkonflikt erfinderisch anzugehen. Dabei ist er nicht nur ein Generationenkonflikt: Auch innerhalb der Generationen schwelt es. Ältere Umweltschützer liegen mit älteren Kreuzfahrt-Liebhabern ebenso über Kreuz wie junge Vorerkrankte mit jungen Sorglosen. Die Stunde der Aufarbeitung des Konflikts könnte jetzt sein, denn jetzt liegt er offen. Nur ein offener Konflikt kann angegangen werden. Und jetzt wird gleichzeitig entschleunigt. Jetzt wird Zeit frei und Kreativität. Jetzt ist Zeit für einen neuen gesellschaftlichen Dialog – mit Sicherheitsabstand, versteht sich.

Und der hat auch gute Seiten: Abstand bedeutet auch Respekt, Zeit kann zu in-sich-Gehen führen, und Not macht erfinderisch. Vielleicht können nun die offenen Konfliktfelder völlig neu durchdacht werden und eine lebenswerte Zukunft mit einer für alle lebensfreundlichen Wirtschaft entworfen werden? Eines wünsche ich mir dabei von Herzen: "All eure Dinge lasst in der Liebe geschehen", schreibt Paulus (1. Korintherbrief 16,14). Es kann zunächst sicherlich kein modernes E-Bike dabei herauskommen, sondern höchstens erst einmal ein jämmerliches Laufrad. Eines mit Zukunftsmöglichkeiten für alle vielleicht. So wie es Jesus uns geboten hat: "Ich lebe, und ihr sollt auch leben" (Johannes 14,19).

Pfarrer Florian Mucha
Aubstadt

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