MELLRICHSTADT

Der digitale Warenkorb aus dem Streutal

Akkuschrauber, Gartenhäuser, Hundespielzeug – auf den Internetseiten der Mellrichstädter Firma Edinger gibt es mit 52 000 Produkten in 14 verschiedenen Shops alles, was das Herz begehrt. Und das kommt nicht nur bei den Kunden in der Region an, sondern Internet sei Dank – auf der ganzen Welt.

"Wir wollten außerhalb der Ladenöffnungszeiten zeigen, welches Sortiment wir führen"

Angefangen hat alles 1996 mit den beiden Märkten in Bad Königshofen und Mellrichstadt. Oliver Edinger stammt aus einem Einzelhandelsbetrieb in Hessen. „Aber es gab zu viele Häuptlinge und zu wenige Indianer“, lacht er. Also startete er in der Rhön neu. „Meine Frau ist aus Rödelmaier und wir wollten in der Nähe bleiben“, sagt der 46-Jährige.

In ihren beiden Läden führen sie ein großes Sortiment. „Dort gibt es von der Blumenerde bis zum Kochlöffel fast alles“, so die gelernte Groß- und Einzelhandelskauffrau Petra Edinger. Dass sie und vor allem ihre Kunden aber an die Öffnungszeiten gebunden sind, stört die Geschäftsleute. 1998 machen die Edingers deshalb ihre ersten Gehversuche im Netz. Ein Onlineshop war dabei gar nicht ihr Ziel. „Wir wollten außerhalb der Ladenöffnungszeiten zeigen, welches Sortiment wir führen“, erzählt Petra Edinger.

Ein neuer Absatzmarkt

Ein Data Becker System für 19,95 Mark soll helfen. „Das hatte aber auch eine Bestellfunktion“, sagt der Einzelhandelskaufmann und IHK-Handelsfachwirt Oliver Edinger. Prompt landete der erste Auftrag in ihrem Maileingang. „Plötzlich sollte ich ein fünf Meter langes und 600 Kilo schweres Spielsystem für den Garten nach Berlin liefern“, erinnert er sich an die Bestellung, die er an einen Kollegen vor Ort vermitteln musste.

„Dann kam aber der Vertriebler in mir durch“, so der 46-Jährige über das Thema „Onlineshopping“, das damals noch in den Kinderschuhen steckt. Edinger beginnt sich damit auseinanderzusetzen – und sieht die Chancen. Für die Firma erschließt sich im WorldWideWeb ein neuer Absatzmarkt, den Edingers stetig weiter ausbauten.

Bekenntnis zum Standort Rhön-Grabfeld

In ihren Mellrichstädter Büroräumen wird es schnell zu eng für sie. 2007 entscheiden sie sich schließlich für einen Neubau, um ihre Waren selbst lagern zu können. Auch wenn es in Thüringen höhere Förderquoten gibt, bleiben sie vor Ort. „Ich bin auch ein kleines bisschen Lokalpatriot“, sagt Oliver Edinger: „Wir wollen etwas zurückgeben. Unternehmer haben auch eine gewisse Verantwortung.“

Seit 2008 hat die Firma ihren Sitz nur ein paar Minuten von ihrem Mellrichstädter Markt entfernt im Industriegebiet Loh. Und auch wenn sie das Firmengelände großzügig geplant hatten, wird es schon wieder eng: Drei Lagerhallen mit jeweils 1250 Quadratmetern sowie ein ebenso großer Lagerplatz sind bis unters Dach mit Waren gefüllt. Neben dem Grill steht der Bollerwagen im Regal, dazu Fahrräder, Gartenwerkzeuge und Kinderstühle. „Länger als zwölf Monate steht keine Ware“, klärt Petra Edinger auf.

Beratung bleibt

In ihren Onlineshops bieten sie nichts an, was ihre Kunden nicht auch schon vorher bei ihnen kaufen konnten. „Warum soll der Kunde durch die Gegend fahren, um in unserem Geschäft den Katalog durchzublättern, wenn er das auf der Couch auf dem Tablet machen kann?“, erklärt Edinger ihren Service. Und auch die Beratung bleibt gleich, so die Firmeninhaber. „Wir haben keine Hotline, sondern unsere ganz normale Telefonnummer, unter der unsere Mädels beraten“, sagt Petra Edinger.

Ihr Erfolgsrezept scheint einfach. „Das Wichtigste war, dass wir früh dabei waren. Wir konnten in einer Zeit lernen, in der Fehler noch nicht teuer waren“, so der 46-Jährige. Aber es gehört mehr dazu. „Meine Frau ist eine fleißige Biene, ich, unsere Mitarbeiter – wir alle tun den Job gerne, und das merkt man“, so der 46-Jährige.

Mittlerweile sind auch die großen Baumärkte wie Obi oder Hornbach im Netz vertreten. Oliver Edinger, dessen Firma mittlerweile ein jährliches Umsatzvolumen von 35 Millionen Euro hat, macht sich jedoch keine Sorgen. „Wir hatten rechtzeitig eine gute Größe erreicht und sind gut aufgestellt“, sagt der 46-Jährige. Damit das so bleibt, beschäftigt sich der Geschäftsmann mit den neuesten Entwicklungen in der Branche: „Die Technik ist schnelllebig, der Markt verändert sich und man muss versuchen zu erkennen, wo die Tendenzen hingehen.“

Auf der Suche nach neuen technischen Lösungen

Einen Trend für die Zukunft sieht er bei der Nutzung mobiler Geräte. „Immer mehr Shopbesucher gehen mit ihrem Handy online, aber die Abschlüsse sind noch geringer“, erklärt Edinger. Ziel sei es, technische Lösungen zu finden, die das Einkaufen per Smartphone bequemer machen. Ein weiteres Thema, das sie beschäftigt, ist die Produktsuche der Zukunft. „Das wird über Sprachassistenten wie Alexa und Siri gehen und nicht über den Google Suchschlitz“, ist sich der 46-Jährige sicher. Edinger nimmt sich dieser Themen gerne an. Er hat Spaß dabei, an der Zukunft des Unternehmens zu basteln.

Unter der Woche verlassen täglich 800 bis 2000 Postsendungen das Lager in Mellrichstadt, dazu kommen noch 120 Sendungen mit der Spedition. Was gekauft wird, ist saisonabhängig, so Petra Edinger. „Oft wird die Nachfrage aber auch von außen gesteuert.“ Als beispielsweise bei einem Unglück in Arnstein (Lkr. Main-Spessart) mehrere Jugendliche starben, gingen in der Nacht 1000 Bestellungen für Kohlenmonoxidmelder ein, erzählt die 46-Jährige.

Sauna nach Neuseeland

Auch wenn die Homepage auf Deutsch aufgebaut ist, haben die Edingers in den vergangenen eineinhalb Jahren Europa als Markt ins Visier genommen. „Und grundsätzlich liefern wir überall hin“, so Oliver Edinger. Für ihn gibt es nichts, das es nicht gibt – und vor allem das nicht machbar ist.

„Wir haben schon eine Sauna nach Neuseeland geschickt. Die musste vorher begast werden, damit auch kein Insekt mehr lebt“, erzählt er. Auch die Bundeswehr hat bei ihm schon in großem Stil bestellt: Gartenhäuser für Afghanistan. „Es haben schon Japaner Öfen bei uns bestellt und Engländer Bierzeltgarnituren für ein Oktoberfest in London“, erzählt er. Die Edingers haben aufgehört sich über Bestellungen zu wundern.

„Die Dresdner Semperoper hat einmal 1000 weiße Grablichter für eine Aufführung bei uns geordert“, erzählt der Firmenchef. „Nichts ist mehr kurios, es ist alles normal.“

Rückblick

  1. Eine digitale Gipfelregion und ihre Impulse
  2. Die Welt der Musik ist digital
  3. In der Küche ist die Zukunft schon da
  4. Erste komplette Elektroflotte in ganz Bayern
  5. Glaskupfer weiß, wie man Strippen zieht
  6. Dachfenster brachten den Durchbruch
  7. Roboter statt Rösslein
  8. Der digitale Warenkorb aus dem Streutal
  9. Standhaft im Kampf gegen die Online-Riesen
  10. Dem Weltmarkt einheizen
  11. Ohne Internet wären die Betten leer
  12. Der Backofen wird zum Chefkoch
  13. Rettungsdienst: Daten sind vor dem Patienten in der Klinik
  14. Von der Pionierarbeit zur Serienreife
  15. Per App: Eine Reise durchs Freilandmuseum
  16. Geschäftsmodell: Regionale Produkte via App einkaufen
  17. Familienunternehmen Erhard beliefert viele Autozulieferer
  18. Der Schnelle schlägt den Langsamen
  19. Rhön-Klinikum-Campus: Ambulante und stationäre Versorgung
  20. IFSYS: Global Player im Grabfeld Valley
  21. Modellstadt als Impulsgeber für den Stromer
  22. Hinter den Kulissen der Stadthalle Bad Neustadt
  23. Gründerzentrum: Hilfe beim Sprung ins kalte Wasser
  24. Landkreis hat seine Hausaufgaben gemacht
  25. Preh: Von der Rhön aus wird international agiert
  26. Brautradition auf dem Kreuzberg
  27. Kaminkehrer: Ganz traditionell und doch hochmodern

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