Die erste Mellrichstädter Musiknacht, eine glanzvolle Nacht

Ein Jahrhundertprojekt wie der Stadtumbau in Mellrichstadt hat einen musikalischen Schlussakkord verdient. Die Junge Philharmonie Rhön-Grabfeld und der Sängerverein Mellrichstadt setzten ein Glanzlicht des Sommers.
Auftakt nach Maß: Die erste Mellrichstädter Musiknacht am Sonntagabend mit der Jungen Philharmonie Rhön-Grabfeld unter Ernst Oestreicher war ein grandioser Erfolg und eine Wiederholung oft gefordert.
Auftakt nach Maß: Die erste Mellrichstädter Musiknacht am Sonntagabend mit der Jungen Philharmonie Rhön-Grabfeld unter Ernst Oestreicher war ein grandioser Erfolg und eine Wiederholung oft gefordert. Foto: Gerhard Fischer

Die Arie des Fiesco „Il lacerato spirito“, ein tiefes, wehmütiges Bass-Stück, hallt über den in Dunkelheit getauchten Platz. Über dem südlichen Nachthimmel der Stadt thront der fast volle Mond. Kleine Wolken ziehen unter ihm hinweg.

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Musiknacht

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Eine magische Bläue legt der Glanz des Mondes über die Altstadtsilhouette mit ihren verwinkelten Dächern, Fachwerkmustern und Zinnen. Es ist, als sei ein Bild von Peter Klier Wirklichkeit geworden. Die Kühle kann dem Zauber nichts anhaben. Die vielen Hundert, die auf dem Marktplatz den Klängen lauschen und dabei den Nachthimmel bestaunen, sie wissen, dass sie einer Märchenstunde beiwohnen.

Die kleinen Päckchen mit den Regencapes und einem kleinen Gruß der Stadt „Mellrichstadt... auch bei Regen ein Genuss“ – Folge einer Wetterprognose des evangelischen Pfarrers Andreas Werner – sind schnell verstaut, als ein glücklicher und stolzer Bürgermeister Eberhard Streit die Musiknacht eröffnet. „Ich habe nie gedacht, dass wir mit einem solchen Abend den Abschluss der Arbeiten in der Stadt feiern würden“, zeigt sich Streit beglückt. Die Stadt spiele mit im Wettbewerb der Landkreise und Regionen, sagt Streit, und lobt seine Mitstreiter vom Aktiven Mellrichstadt über den Bauhof bis zur Kulturmanagerin Kersten Keller-Pallor, die die Junge Philharmonie an die Streu geholt hat.

Landrat Thomas Habermann spricht gar von einem „epochalen Werk“, das mit dem Stadtumbau West in Mellrichstadt nach zwei Jahren zum Abschluss gekommen sei. „Und es ist wunderbar gelungen“, sagt der Landrat noch ins Mikrofon, während Pawel Izdebski am Bürgerhaus Dehnübungen macht. Ein warmer Applaus ist die Erwiderung des Publikums. Er hallt, wie alle Klänge dieses Abends, auf bezaubernde Weise wider von den Steinplatten des Marktplatzes, dieser nun einzigartigen fränkischen Variante einer italienischen Piazza.

Rings um den Marktplatz und die Stuhlreihen haben sich die Gastronomen positioniert, zu Wagner passen Pizza-Stückchen. Ein paar Minuten Johann-Strauß-Ouvertürenklänge und schon stapft der Zsupán auf die Bühne und preist den Schweinespeck als idealen Lebenszweck. Pawel Izdebski, Bassbariton am Meininger Theater und bekennender Wahl-Mellrichstädter, hat das Publikum natürlich gleich auf seiner Seite mit seinem kraftvollen, runden Gesang, der mühelos den ganzen Platz erfüllt und gewiss auch ohne Tontechnik ausgekommen wäre.

Noch ist die Mellrichstädter Musiknacht ein milder Abend, die Bühne ist nur leicht in eine blaue Dämmerung getunkt. Dazu passt der gleichfarbige Donau-Walzer von Strauß. Dirigent Ernst Oestreicher lässt die Donau nicht nur wunderbar dahinfließen, sondern baut durch extreme Tempoverzögerungen auch geschickt Spannungsmomente in das oft gehörte Stück, die dem Evergreen noch einmal Frische verleihen.

Während die kleine Streu nicht weit vom Marktplatz ihren Lauf in Richtung Saale nimmt, geht Smetanas Moldau auf der Bühne ihren Weg von der Quelle im Böhmerwald bis zur Elbe. Klangsatt zelebriert Oestreicher mit seiner bestens aufgelegten Jungen Philharmonie Rhön-Grabfeld dieses tonmalerische Musterstück der Romantik. Die Streicher mäandern im sanften Wellengang durch die Partitur, die Bläser sorgen für das triumphale Getöse zwischen Kaskaden, Wasserfällen und dem Einzug in die Hauptstadt Prag. Die jungen Musiker packen beherzt zu und sind gleichermaßen zu vielgestaltigen, differenzierten Klangbildern fähig. Dass sie Schmiss haben, hört man nicht nur bei den Ungarischen Tänzen von Brahms, ebenfalls Klassiker der Open-Air-Konzertbühne.

Zwei Solisten wird an diesem Abend besonderer Raum gegeben. Neben dem gebürtigen Polen Pawel Izdebski ist es die junge Violinistin Kim Leonores (Heilmann). Die 1977 in Freiburg geborene Violinistin hat schon beim letztjährigen Salzburg-Klassiker in Bad Neustadt für Furore gesorgt. Die Kapellmeisterin der Jungen Philharmonie hat einen Lehrauftrag an der Berufsfachschule für Musik Bad Königshofen. Bei Pablo Sarasates Zigeunerweisen beweist sie Feuer und zupackenden Elan, auch wenn nicht jeder der schwindelerregenden Läufe sicher geriet, was aber viel Herz und inspiriertes Spiel in den lyrischen Passagen wettmachen.

Ihr wirklich großer Moment kommt erst nach der Pause mit der berühmten Meditation aus der Oper „Thais“. Die Menschen sind in ihre Decken und Mäntel gehüllt. Die Bodenlampen beleuchten das filigrane Geäst der Bäume, und genauso zart und zerbrechlich weht der Violinenklang von Kim Leonores über den Marktplatz. Eine berückende Stimmung. Kurz vor dem letzten, gehauchten Ton auf der Saite erklingt das Elf-Uhr-Läuten der Stadtkirche. Ernst Oestreicher nimmt es mit auf in die Musik. Erst nach dem letzten Glockenschlag senkt er lächelnd den Dirigentenstab. Ein magisches Aha-Erlebnis.

Wer so inspiriert die Umgebung in das Konzertereignis aufnehmen kann wie Oestreicher, der hat auch an der Spielfreude der Männer und Frauen des Sängervereins Mellrichstadt seine Lust. Der zeigt im zweiten Programmteil seine Hochform, auf die ihn Heinz Pallor hintrainiert hat. Akkuratesse und Prägnanz wie beim Chorstück „Freudig begrüßen wir die edle Halle“ aus Wagners Tannhäuser hört man nicht alle Tage, die Register liefern sich ein schönes Wechselspiel. Und der Geist dieses Abends wird Gesang, weil die Einladung, den Mellrichstädter Marktplatz zu feiern, weit über die eigenen Stadtmauern hinaushallt.

Man muss die Musikauswahl nicht unbedingt auf die Situation Mellrichstadts vor und nach dem Stadtumbau projizieren. Verdis Befreiungshymne des Gefangenenchores könnte aber ein Nachhall darauf sein, dass sich die Stadt aus krisenhaften Jahren zu neuer Hoffnung aufschwingt. Und mit dem feierlichen Pathos von Edward Elgars erstem Marsch aus „Pomp and Circumstance“, den die Junge Philharmonie rauschhaft leidenschaftlich und temporeich in Szene setzt, kann durchaus auch gemeint sein, dass diese Stadt einen neuen Geltungsanspruch setzt.

Der Mellrichstädter Marktplatz jedenfalls ist seit Sonntagnacht noch einmal ein anderer geworden.

• Viele Bilder von der Musiknacht auf Seite 40 sowie unter rhoengrabfeld.mainpost.de

Platz-Konzert

Am Stuhl von Bürgermeister Eberhard Streit prangte der Schriftzug „Kategorie A“. Das hatte mit der Sitzplatz-Ordnung zu tun. Aber man war an einem so richtungsweisenden Abend wie der Mellrichstädter Musiknacht geneigt, etwas mehr in die zufälligen Dinge hineinzugeheimnissen.

Dass die Stadt an der Streu nach einigen Jahren des Gebeuteltwerdens mit dem Stadtumbau West wieder in eine neue Kategorie aufgestiegen ist, wurde nämlich an diesem Abend mehr als deutlich. Dreh- und Angelpunkt ist der Mellrichstädter Marktplatz. Er ist seit diesem Sommer nicht mehr, was er war. Das doch trostlose Blech an Blech parkender Autos ist einer schönen Belebung gewichen. Kinder spielen unter den erfrischenden Wasserfontänen. Bei einem Cappuccino werden die Neuigkeiten des Tages ausgetauscht, wo man sich früher um Parkbuchten stritt.

Man könnte sagen, dies sei alleine eine Mellrichstädter Angelegenheit. Aber der Marktplatz ist geselliger geworden, auch und besonders für die Menschen, die die Stadt besuchen. Der Stadtumbau West ist deshalb auch eine Einladung an alle Bürger des Landkreises. Und genau diese Einladung ist Klang geworden bei der Mellrichstädter Musiknacht. Die Stadt hat den schönsten Marktplatz ihrer Geschichte. Am Sonntag hat man's gehört. (fg)

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