SCHÖNAU

Ein Reporter auf Deutschland-Tour: Tretroller versus Rhönrad

Schweißnass: Reporter Michael Wigge kam auf seiner Deutschlandtour mit einem Tretroller nach Schönau. Dort ließ er sich das Turnen im Rhönrad zeigen und drehte selbst mit der Kamera einige Runden in diesem Sportgerät, das in der Rhön vor nunmehr fast 90 Jahren erfunden wurde. Foto: Zirkelbach

Eigenartig. Ein ausgewachsener Mann von stattlicher Figur auf einem Tretroller? Schon recht ungewöhnlich. Oder, anders ausgedrückt: Ein bisschen drollig sieht das wirklich aus. Umso mehr für Aufsehen hat Michael Wigge bei den Schönauern gesorgt, als er mit seinem Zweirad am vergangenen Freitag für einen Tag Station im Brendtal gemacht hat.

Reporter Michael Wigge aus Berlin ist derzeit im Auftrag der Fernsehabteilung der Deutschen Welle mit seinem ungewöhnlichen Reisegefährt unterwegs. Kreuz und quer rollert er durch Deutschland – von der Nordspitze auf der Insel Sylt bis zum südlichsten Punkt der Republik, dem Haldenwanger Eck, einem Bergsattel in den Allgäuer Alpen in der Nähe von Oberstdorf. In achtzig Tagen will er die von ihm ausgesuchte Reiserroute von stattlichen 2473 Kilometern schaffen und dabei Orte und Menschen mit ihren ungewöhnlichen Geschichten besuchen und dies in Wort und Bild festhalten.

„Ich halte dort an, wo Touristen ansonsten einfach vorbeifahren“, gibt Wigge zu Protokoll. Seit dem 4. April ist er bereits unterwegs, mehr als die Hälfte der Strecke hat er geschafft, genau 1402 Kilometer. Noch 1000 Kilometer liegen vor ihm, am 17. Juni will er auf dem zirka 1900 Meter hoch gelegenem Ziel, dem Grenzstein 147, ankommen.

Warum Schönau, natürlich: Rhönrad! Auf dieses Turngerät war Michael Wigge besonders gespannt. Schließlich hatte er genau deshalb den Rhönort an der Brend zu einem seiner Etappenorte ausgewählt. Da gibt es ein Rhönraddenkmal zu Ehren seines Erfinders Otto Feick, da gibt es Turnerinnen und Turner, die mit dem Rhönrad seit der Erfinderzeit in vielen Jahren tolle Erfolge feierten, zirka 30 an der Zahl sind derzeit aktiv. Anita Wagner, die Leiterin der Rhönradabteilung der DJK, und Natalie Rehm machten den Reporter und seine Kollegin Mechthild Ermisch mit dem rollenden Turngerät vertraut, zeigten und erklärten den Ablauf einiger Übungen. Und natürlich wollte es Michael Wigge ebenfalls wissen. Mutig stieg er in eines der Räder, und los ging's, zunächst mit Hilfe der beiden Turnerinnen. „Anfangs noch etwas wackelig“, wie er feststellen musste, doch mit jeder Umdrehung, die er schaffte, wuchs sein Mut, sodass gleich eine weitere Übung angehängt wurde.

Kollegin Ermisch hielt derweil alles im Bild fest. „Ganz schön schwierig, das braucht Kraft“, war Repoert Wigge beeindruckt. Seine Helmkamera lieferte ebenfalls eindrucksvolle Bilder. Noch am gleichen Tag wird das Material ausgewertet. Mechthild Ermisch ist mit dem Wohnmobil dabei, dass als Hotel für die Ruhephasen, aber auch als rollendes Büro und als Studio dient. Im Dorf schauen

„Schönau ist die einzige Gemeinde Deutschlands, die ein Sportgerät im Wappen hat. Darauf sind wir besonders stolz!“
Anita Wagner, DJK-Rhönrad-Abteilungsleiterin

sich die beiden auch um, entdecken am Rathaus das Gemeindewappen mit dem Rhönrad. Ein Sportgerät in einem Gemeindewappen? „Schönau ist die einzige Gemeinde in Deutschland, die ein Sportgerät im Wappen hat“, erklärt Anita Wagner, „und darauf sind wir als Rhönradturner natürlich besonders stolz“.

Was hatte Wigge eigentlich bewogen, zu so einer strapaziösen Tour aufzubrechen? Und warum ausgerechnet mit einem Tretroller? „Na ja, wahrscheinlich war bisher noch niemand mit so einem fahrbaren Untersatz auf einer solch langen Strecke unterwegs. Und ein wenig Abenteuer muss ja schließlich auch sein“, sagt er. Anstrengend sei es ohnehin, denn der Roller ist doch eher für die Körpergröße eines Zwölfjährigen angefertigt und nicht für einen ausgewachsenen Mann. Das habe er schon gespürt unterwegs, berichtet er. Denn in Wolfsburg, auf dem ersten Drittel der Reise, musste er sich wegen akuter Rückenschmerzen zu einem Orthopäden begeben. „Aber jetzt geht es jeden Tag besser“, lacht er. Anfangs lag die tägliche Rollerleistung bei zirka 40 bis 50 Kilometer, „jetzt werden schon mal 70 und sogar 80 Kilometer am Tag zurückgelegt“, freut sich Wigge. Natürlich nur, wenn es die Strecke oder das Wetter es hergibt. Bergauf heißt es häufig schieben und Gegenwind heißt für einen „Rollerer“ die doppelte Kraftaufwendung. Die Witterungsbedingungen unterwegs sind freilich nicht immer freundlich. So hatte er auf den ersten Etappen in Schleswig-Holstein mit Schneefall zu kämpfen, auch Regen zwingt schon mal zur Ruhepause. Auch einen Sturz hat Michael Wigge gut überstanden. Fit gemacht für die Reise hat er sich in einem dreimonatigen Trainingsprogramm, vornehmlich mit Jogging.

„Da ich nun mal von Jugend an ein Faible für ungewöhnliche Fortbewegungsmitteln habe, war der Zwischenstopp Schönau mit seinem Rhönrad natürlich ganz wichtig“, so Wigge. Aber ihm wurde ganz schnell bewusst, was es heißt, in einem rollenden Sportgerät auch noch eine gute Figur, und das auch noch kopfüber, als Turner zu machen. Da fühle man fast so eine Art Schwerelosigkeit, beschreibt er sein Gefühl. „Einfach toll! Mit der Fortbewegung auf einem Tretroller überhaupt kein Vergleich!“

Ziemlich unspektakulär kommt ohnehin das „Rollerchen“ daher, das man seine bisherigen Strapazen echt ansieht. Aber es rollt. Anita Wagner und Natalie Rehm durften mal Probe fahren: „Das geht ja ab wie die Post“, so ihr Urteil. Einziger Luxus: Am Lenker ist ein kleines Navigationsgerät, das ihn auf seinen täglichen, meist einsamen Etappen den rechten Weg weist. Gefahren wird in der Regel auf Nebenstraßen, vorzugsweise auf Fahrradwegen. Aber auch auf recht unwegsamen Wald- und Feldpfaden war er unterwegs.

Kollegin Ermisch bereitet inzwischen am Zielort schon mal die nächste Begegnung vor. Einige interessante Stopps hat Michael Wigge bereits hinter sich. So hat er den geografischen Mittelpunkt Deutschlands, die Ortschaft Niederorla in Thüringen, besucht und die Gartenzwerggemeinde Gräfenroda. Zuletzt hat er einen Abstecher an die ehemalige innerdeutsche Grenze bei Behrungen gemacht.

Zum Schluss dreht Michael Wigge in der Schönauer Sporthalle auch ein paar Ehrenrunden mit dem Roller um das Rhönrad, das er nach Abschluss seiner Reise bis zum Herbst in seiner Reportage für das Auslandsfernsehen der Deutschen Welle präsentieren will. „Euromaxx – Leben und Kultur in Europa“, so heißt das Magazin, das täglich für mehr als 200 Millionen Menschen in aller Welt ausgestrahlt wird. Über 200 Stationen weltweit übernehmen zudem die Sendung in deutscher, englischer, neuerdings auch in spanischer und arabischer Sprache. Auch im deutschen Fernsehen wird die Reportage im Herbst zu sehen sein. Darüber hinaus will Wigge Erlebnisse und Begegnungen in einem Buch festhalten. Doch bereits auf seiner Reise durch die Republik schreibt der Roller-Reporter auch einen Blog (www.dw.de/tretroller), wo in den nächsten Tagen auch sein Aufenthalt in Schönau beschrieben wird.

Rund ums Rhönrad Reporter Michael Wigge ist während seiner Deutschlandtour auf der Suche nach außergewöhnlichen Geschichten. Sie hält er in Wort und Bild für das Auslandsfernsehen der Deutschen Welle fest. In Schönau ging es um das Rhönrad. Foto: Zirkelbach

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