BISCHOFSHEIM

Ein Tag als Komparsin bei der „Schäferin“

In der Maske: Helga Illichmann aus Bischofsheim spielt in dem Rhöner Film eine feine Arztfrau. Foto: W. Illichmann

Anstrengender als die Wirtschaftskrise für den Bänker ist das Vor-der-Kamera-stehen für den Schauspieler – da ist sich Helga Illichmann aus Bischofsheim mittlerweile sicher. Bis Februar 2009 arbeitete die 58-Jährige als Bankkauffrau, vergangene Woche war die Vorruheständlerin einen Tag als Komparsin beim Filmdreh für „Die Schäferin“ dabei. „Ich hab' jetzt größte Achtung vor den Leistungen eines Schauspielers.“

Der Liebesfilm, der momentan in der Rhön gedreht wird, soll nächstes Jahr an einem Freitag, zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr, in der ARD gezeigt werden. Es ist eine Geschichte von Liebe und Liebesleid: Die Frankfurter Anwältin und gelernte Schäferin Svea (Stefanie Stappenbeck) kommt zurück in die Rhön, trifft dort ihre Jugendliebe Hannes Hogland (Hans-Werner Meyer), mittlerweile Ehemann ihrer Freundin, und eine leidenschaftliche Affäre entbrennt.

Komparsin Helga Illichmann aus Bischofsheim gibt in dem Film eine feine Arztfrau, die die Vernissage der betrogenen Ehefrau und Künstlerin Ute Hogland (Katja Studt) besucht. „Falls meine Szene nicht herausgeschnitten wird“, erklärt Illichmann lachend. Welche Teile letztlich in den Film eingingen, wisse man nie, habe sie Rückmeldung von den Verantwortlichen am Set bekommen.

Wie ihr Auftritt genau mit dem Liebestreiben in Verbindung steht, kann Illichmann nicht sagen: „Es war gar keine Zeit, solche Fragen zu stellen“, sagt sie. Stattdessen sei sie damit beschäftigt gewesen, zu überlegen, wo ihr Glas in der vorigen Aufnahme stand: Stehtisch-Rand oder -mitte? „Das war sowieso mehr Learning-by-Doing, erklärt wurde uns vom Filmteam nur wenig.“

Bitte einmal am Glas nippen

Ihre Aufgabe sei es gewesen, am Sektglas zu nippen, anderen Dorfbewohnern grüßend zuzunicken, mit zwei Rhöner Landwirten Konversation zu mimen. Natürlich ohne einen Laut von sich zu geben. Einfach war das nicht. Als die Regieassistentin den Landwirt aufforderte: „Machen Sie der Helga doch mal ein Kompliment“, fiel dem nichts ein. „Was soll ich denn da sagen?“, raunte er ihr zu. „Sag, ich hab' einen schönen Hut!“ Brav gestikulierend deutete er auf ihre Kopfbedeckung.

Zur Komparsenrolle ist Illichmann ganz zufällig gekommen: Aufmerksam geworden auf den Filmdreh ist die 58-Jährige durch zahlreiche Autos, Busse und Kleintransporter mit Münchner und Fuldaer Nummern, die mehrere Tage in Folge vor dem Hotel „Schneeberger Hof“ in Gersfeld standen. In der Nähe des Hotels wohnt Illichmanns Vater.

„Was ist hier eigentlich los?“, fragte sie eines Tages spontan ein paar Raucher vor der Tür – Mitarbeiter der Filmcrew – und erfuhr von einem Komparsen-Casting, das kürzlich stattgefunden hatte. „Schade, als Vorruheständlerin hätte ich auch Zeit gehabt, mir mal anzuschauen, wie so ein Film gedreht wird.“ „Sie könnte ich mir gut als Komparsin vorstellen“, war die Antwort eines Mannes, Illichmann hinterließ ihre Personalien und ein Foto.

„Ich habe nicht daran geglaubt, dass das was wird“, sagt sie. Schließlich erzählte man ihr von 170 Personen, die am Casting teilgenommen hätten, und von einem Berufsfotografen, der diese in allerhand Posen abgelichtet habe. Tage später kam überraschend die telefonische Zusage.

Drei Anforderungen seien an sie gestellt worden: absolute Pünktlichkeit, Handy ausschalten und sie dürfe sich keinesfalls in den Vordergrund spielen. Edel gekleidet sollte sie als feine Arztfrau an den Drehort ins Schloss Fasanerie nach Eichenzell kommen: Illichmann wählte schwarze Hose, hohe Schuhe, eine schwarzweiße Chiffonbluse und einen kleinen schwarzen Sommerhut. Im Reitstall traf sie auf rund 30 weitere Komparsen und drei Maskenbildner.

Klappe, Cut, Klappe, Cut – hieß es dann unzählige Male zwischen 17.30 Uhr und 23 Uhr, als die Dreharbeiten endlich losgingen. Weil sich ein Schauspieler verletzt hatte, konnte erst mit eineinhalb Stunden Verspätung losgelegt werden. „Am Ende des Tages konnte ich das Wort Cut (Schnitt) nicht mehr hören.“ Besser habe ihr da schon „Check up“ gefallen, was so viel bedeutet wie: Die Szene ist im Kasten.

Anstrengend und faszinierend

Das zermürbende Warten, der im Team spürbare Zeitdruck, dazu zehn Schichten Puder bei 30 Grad Hitze, die Schminke, die immer wieder verlief und erneuert werden musste – das sei zugleich anstrengend und faszinierend gewesen. „Sogar der Lippenstift ist verlaufen, ich hatte solch eine Angst, dass ich in dem Moment drankomme.“ Nach jedem Cut musste neu getupft werden.

Mit den Schauspielern hätten die Laiendarsteller so gut wie nicht sprechen können, da diese ständig gleichzeitig an anderen Orten drehten oder in der Maske saßen. Nur mit der 13-jährigen Anna Willecke, die im Film die Tochter der Hoglands spielt und dafür erst mal das Fahrradfahren lernen musste, habe sie 15 Minuten draußen gestanden. „Du könntest mein Mädel sein“, hat Illichmann zu der Kleinen gesagt. Und „Geh mal in den Schatten, ich hol' dir was zu trinken.“

Großen Eindruck hat auch Regisseurin und Drehbuchautorin Dagmar Damek auf sie gemacht. „Eine taffe Frau in meinem Alter“, so Illichmann. „Da hat man die Ehrfurcht im Team gespürt. Die haben gewusst: Wenn die Damek was macht, kommt im Endeffekt auch etwas dabei raus.“

„Nette Leute“, sagt Illichmann, habe sie im Laufe des Tages kennen gelernt. Mit vier der Frauen – alle Komparsen oder Kleindarsteller – will sie sich zusammentun. Nicht nur, um über den Dreh zu sprechen und sich gemeinsam „Die Schäferin“ anzuschauen. Die Mädels-Clique denkt auch darüber nach, sich für weitere Komparsen-Jobs zu bewerben. Helga Illichmann könnte sich vorstellen, unterschiedlichste Komparsen-Rollen zu übernehmen: Helga, die Tennisspielerin, die Skifahrerin, die Künstlerin mit Folklorerock und unzähligen Ketten, Helga im Dirndl oder eben Helga, die Bankkauffrau.

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