BAD NEUSTADT

Ein langlebiger Schreibfehler

Schreibfehler: Weil der Name nicht korrekt war, landete dieser Grabstein zunächst auf dem Müll und dann in der Stadtmauer-Befestigung. So blieb er der Nachwelt erhalten. Foto: Nerche-wolf

Was haben die morgendlichen Bemühungen um körperliche Fitness mit dem Ersten Weltkrieg zu tun? Diese Frage mag zunächst ziemlich abstrus klingen, lässt sich aber im Pershore-Garten in Bad Neustadt, zu Füßen der Stadtmauer zwischen Hohntor und Salzpforte gelegen, ziemlich präzise beantworten.

Dort stehen seit geraumer Zeit zwei Outdoor-Fitness-Geräte, die für computergeschädigte Gelenke den idealen Ausgleich bieten. Wenn man diese Übungen regelmäßig betreibt, schätzt man die herrliche Grünanlage immer mehr und wird neugierig auf die verschiedenen Gedenksteine, die dort auf Städtepartnerschaften und Heimatvertriebene aufmerksam machen. Und irgendwann fällt der Blick auch auf einen ganz versteckten Grabstein, der in die Stadtmauer-Befestigung eingelassen ist.

Von Efeu umrankt

Ein paar Treppchen führen in dieses Efeu-umrankte, momentan winterkahle Eckchen zu Karl Fiebig, der 1915 für sein deutsches Vaterland starb. Nanu, wer war Karl Fiebig, dass man seiner an solch exponierter Stelle gedenkt? Ein Anruf beim geschäftsleitenden Beamten der Stadt Bad Neustadt macht auch Michael Weiß hellhörig. Er setzt sich mit Thomas Künzl im Stadtarchiv in Verbindung und kann nach akribischer Recherche folgende abenteuerliche Geschichte erzählen:

Karl Fiebig hieß gar nicht Fiebig, sondern Filbig. Er war der Sohn eines Eisenbahners aus der Steingasse und kam im Alter von 18 Jahren zur Marine auf das Hilfsschiff S.M.S. Binz. Diese S.M.S. Binz – die Abkürzung bedeutete damals übrigens „Seiner Majestät Schiff“ – wurde am 15. Dezember 1915 durch einen Minentreffer im Langeland Belt (Dänemark) versenkt.

Die achtköpfige Schiffsbesatzung, darunter Karl Filbig aus Bad Neustadt, kam dabei ums Leben. Die Marine widmete den Toten auf dem Kieler Nordfriedhof ein Gedenken, in der Neuschter Heimatzeitung erschien eine Todesanzeige für Karl Filbig.

Als für ihn ein Grabstein angefertigt wurde, schlich sich allerdings ein Schreibfehler ein. Statt Filbig wurde Fiebig in Stein gemeißelt, deshalb landete diese Platte nicht auf dem Stadtfriedhof, sondern irgendwo in Hohntornähe auf dem Abfallhaufen. Wer dann die Gedenktafel fand und sie zu einem unbekannten Zeitpunkt in die Stadtmauer einsetzen ließ, konnte selbst beim größten Spürsinn von Thomas Künzl und Michael Weiß nicht mehr nachvollzogen werden.

Ostsee rückt nahe

Offen bleiben musste auch die Frage, ob für den jungen Karl eine neue Platte mit dem richtigen Namen angefertigt wurde und wenn ja, wo sie ihren Platz fand. Sicher ist hingegen, dass das Grab seiner Familie im Jahr 2004 aufgelöst wurde und damit auch Hinweise auf Karl Filbig der Ewigkeit übergeben wurden.

Aber Karl Fiebig, der schickt weiterhin die morgendliche Fantasie vom Tretgerät im Pershore-Garten ein Jahrhundert zurück und hinaus auf die kriegerische Ostsee. Auf dem Rückweg in den Alltag werden die Gedanken begleitet von der Dankbarkeit für eine friedliche Gegenwart, in der man sorglos Frühsport betreiben kann ohne allgegenwärtige Angst um Leib und Leben.

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