Bad Königshofen

Eine Zeit für neue Rollen

Pfarrerin Tina Mertten
Pfarrerin Tina Mertten Foto: Bildrechte Kirchengemeinde

Anfang Februar war ich in Oberammergau – Sie wissen schon: Der Ort mit dem berühmten Passionsspiel. Ich bin ein wenig durch die Straßen geschlendert. Schon komisch: Die sind alle da! Überall! Die Jünger, die Apostel – fast jeder Oberammergauer spielt eine Rolle in der Passion. Der Bäcker in seiner Schürze sieht aus wie Petrus. Der Maler in seiner Kluft ist sicher Thomas. Da um die Ecke, in Jeans und Anorak, kommen Johannes und Jakobus. Wo Judas wohl steckt? Im Privatleben ist der sicher ganz nett… Alle sehen sie aus wie echt, denn sie alle tragen lange Haare und Bart und könnten direkt aus der Bibel entsprungen sein.

Ein Gedicht von Horst Bienek fällt mir ein:

Gestern waren die zwölf Apostel
bei mir zu Gast
ich tischte alles auf
was der Kühlschrank hergab
Sie müssen von sehr weit gekommen sein
sie waren hungrig
und durstig und auf ihren Mänteln
klebte dick der Staub
Ich wollte wissen
wer unter ihnen Johannes sei
und wer Judas
Sie sagten sie übten noch
die Rollen werden erst
kurz vor Ostern festgelegt.

Wir leben in einer besonderen Zeit. Und wir stecken auf einmal in ganz anderen Rollen: Menschen, die man sonst übersieht, werden zu Verantwortungsträgern. Menschen, die zu den Stützen der Gesellschaft zählen, bangen um ihre Existenzgrundlage. Menschen, die von früh bis spät beschäftigt sind, werden ausgebremst – und begegnen sich selbst wieder. Und dem Partner. Und den Kindern.

Wir stellen fest, dass wir manche Dinge können, von denen wir gar nichts wussten: Briefe schreiben. Kuchen backen. Für die Kinder Kasperletheater spielen. Sich um die Nachbarn sorgen. Die Wichtigkeiten unseres Lebens neu sortieren. Und wir merken, dass wir an anderen Stellen dünnhäutiger und verletzlicher sind, als wir immer dachten.

Ändert sich auch unser Glaube in diesen Tagen? Regt sich der Judas, der Umstürzler in uns, der sich danach sehnt, dass sein Gott machtvoll in den Lauf der Geschichte eingreift? Der den Gang der Welt verändern und sie nach Corona nicht einfach nach den gleichen Spielregeln weiterlaufen lassen will wie vorher? Oder sind wir mehr wie Johannes, der sich bergen möchte bei seinem Gott? Der merkt: Es sind die Beziehungen, die mein Leben tragen – das braucht künftig mehr Raum in meinem Leben. Oder möchten wir Thomas sein, der sich die Zeit nimmt, Dinge zu überdenken? Oder Petrus, voller Leidenschaft für eine Sache?

Die Passion in Oberammergau wird nun 2022 gespielt. Und auch wir haben noch Zeit zum Üben. Wer wir dann wohl sein werden?

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