BAD KÖNIGSHOFEN

Einfach nur ein Mensch bleiben

Herzlicher Abschied: Reichlich Tränen sind geflossen an dem selbst organisierten Kochtreffen der Asylbewerber in Bad Königshofen, die sich mit einem leckeren und sehr internationalen Essen von ihrer Heimleiterin Hannelore Ebert (in der Mitte im roten Pulli) verabschiedet haben und sich beim Lionsclub und all den Helfern bedankt haben. Foto: Lions-Club

Den Duft zur Mittagszeit in den Gängen der Gemeinschaftsunterkunft wird sie bestimmt vermissen. „Wie in einem Sterne-Restaurant“, sagt Hannelore Ebert über die appetitanregenden Gerüche, die aus den Pfannen und Tiegeln entsteigen, wenn die Asylbewerber und Flüchtlinge ihre für deutsche Mägen bisweilen exotischen Mahlzeiten zubereiten.

Fast 23 Jahre lang war die Königshofenerin als Heimleiterin im ehemaligen Melanchton-Schülerheim erste Ansprechpartnerin für die vielen Menschen aus aller Herren Länder, die Kriegswirren, Verfolgung oder wirtschaftliche Not nach Deutschland getrieben hat. Am 5. November ist offiziell ihr letzter Arbeitstag.

Von Abschiedsstimmung ist in ihrem doch erstaunlich geräumigen Büro nichts zu spüren. Es herrscht Alltag wie immer. Und das bedeutet neu Ankommenden Zimmer zuzuweisen, Arztbesuche organisieren, technische Probleme bewältigen, einfach dafür sorgen, dass alles läuft. „Viele denken, ich könnte über das Asylverfahren entscheiden“, schmunzelt die Frau mit der kaufmännischen Ausbildung. „Man braucht viel Geduld und Einfühlungsvermögen“, sagt Hannelore Ebert, aber auch Durchsetzungsvermögen und den Mut zur Konsequenz. Denn allein mit Zuwendung, Fürsorge und organisatorischem Geschick ist der Job nicht zu machen. Schließlich leben hier an die 80 Personen – alles Familien zwar – aber doch dicht an dicht. Da muss schon darauf geachtet werden, dass alles seine Ordnung hat und behält, zumal sie neben dem Heim in Bad Königshofen auch noch für Unterkünfte in Schweinfurt, Poppenhausen, Ebenhausen und Bad Neustadt zuständig ist. Insgesamt leben dort etwa 350 Flüchtlinge. „Wer hat denn hier wieder die Fahrräder stehen lassen“, sagt Hannelore Ebert in einem Ton, der leichte Verstimmung erkennen lässt. Einer der jungen Männer, die vor dem Haupteingang der Königshofener Unterkunft eine Zigarette rauchen, beteuert zwar, dass er nicht dafür verantwortlich ist, beeilt sich aber dennoch, die Zweiräder an den dafür vorgesehenen Platz zu bringen. Hannelore Ebert hat mit ihrer stets freundlich-resoluten Art den Laden im Griff, soviel scheint auch für den außenstehenden Beobachter sicher. Wenn es denn eine Maxime gibt, unter die sie ihre Tätigkeit gestellt hat, dann jene: „Man muss Mensch bleiben“, sagt sie, denn: „So, wie ich den Menschen gegenübertrete, so kommt es auch zurück.“

Tausende von Flüchtlingen hat sie in den fast zweieinhalb Jahrzehnten ihrer Tätigkeit kennengelernt, an handfeste Schwierigkeiten kann sie sich nicht erinnern. Manche haben von der ganzen Tragik ihrer Flucht erzählt, wie sie Schlepper von Lkw zu Lkw verfrachtet hätten, von Nächten im kalten Wald. „Ich habe immer versucht, diese Dinge im Büro zu lassen“, betont sie. Gesprächsthema zu Hause mit dem Mann und der Tochter sei ihre Arbeit nicht oft gewesen.

Ihr privates Umfeld habe immer positiv auf ihren Beruf reagiert, betont Hannelore Ebert. Vor ihrer Zeit, in den 80er Jahren, habe es wohl auch sehr negative Reaktionen auf die Einrichtung des Heimes gegeben, weiß sie. Doch als sie Anfang der 90er Jahre hier begonnen hat, hätten sich die Leute schon daran gewöhnt. Mittlerweile gehören die Flüchtlinge einfach mit dazu. „Manche wissen gar nicht, dass im ehemaligen Melanchton-Heim Asylbewerber wohnen.“

Essen zum Abschied

Bei allem Bemühen um Professionalität, ganz konnte sich auch Hannelore Ebert nicht vor persönlichen Gefühlen schützen. Da gab es schon Familien, die ihr leid taten, als sie abgeschoben wurden. „Ich kann ja nichts daran ändern“, hat sie sich dann immer gesagt. Eine Einstellung, die notwendig ist. „Sonst kann man das ja nicht machen.“

Natürlich gab es auch schöne Erlebnisse in der Zeit. Etwa, wenn Flüchtlinge Hochzeiten im traditionellen Ritus ihres Heimatlandes gefeiert haben. Einladungen zur Feier hat sie aber nicht angenommen. „Ich wollte niemanden bevorzugen oder benachteiligen.“ Eine Einladung hat sie jetzt aber doch angenommen. Vorige Woche richteten die Teilnehmer des vom Lionsclub organisierten Sprachkurses ein Essen aus – es war das Abschiedsessen für Hannelore Ebert.

Geduld und Durchsetzungsvermögen: Zwei von vielen Eigenschaften, die Hannelore Ebert als Heimleiterin brauchte. Foto: Michael Petzold

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