Eußenhausen

Eußenhausen: Das Ende vom Ende der Welt

Kurt Herbert aus Eußenhausen im kleinen Grenzmuseum auf der Schanz. Foto: Hubert Herbert

Bis 1973, da beschönigt Kurt Herbert nichts, war Eußenhausen das Ende der Welt. Bis dahin war der Ort, der nur zwei Kilometer von der Grenze zu Thüringen entfernt liegt, zumindest das Ende der westlichen Welt. Denn Richtung Osten, den Berg rauf, dort, wo heute das Grenzmuseum und der Skulpturenpark stehen, war damals die schwer bewachte DDR-Grenze. Durchlässigkeit gleich null. 

Fußball auf der Dorfstraße

"Damals war bei uns im Ort so wenig los, da konnte man Fußball auf der Dorfstraße spielen", erinnert sich der 72-Jährige.  Durchfahrtverkehr gab es nicht. Kurz hinter dem Ort war ja Schluss. In den Jahren von 1973 bis 1989 fuhren dann so 40 bis 50 Autos am Tag durch Eußenhausen, schätzt Herbert.  Das war die Zeit des kleinen Grenzverkehrs. Mit Visum durften Westler, die im näheren Umland der Grenze wohnten, tageweise in den Osten reisen – bis zu 30 Mal pro Jahr. 

Und dann kam der 9. November 1989. Die DDR-Grenze ging auf. Dass daraufhin gleich am nächsten Tag eine Trabi-Schlange durch den Ort rollen würde, damit hatte Herbert allerdings nicht gerechnet. "Wir dachten halt, die kommen so nach und nach mal in den Westen. Dass gleich so viele nicht zur Arbeit gehen und in den Westen fahren würden, das hatte keiner von uns erwartet." Wie er erzählt, war er als designierter Ortssprecher von Eußenhausen am Morgen noch bei einer Besprechung  zum anstehenden Weihnachtsmarkt gewesen. Dann brach die Trabi-Welle über Eußenhausen herein. 

Trabi-Schlange riss nicht ab

Zeichen der Einheit: der Skulpturenpark auf der Schanz, dem ehemaligen Grenzübergang bei Eußenhausen. Zwischen dem Kunstwerk von Jimmy Fell sieht man den ehemaligen Wachturm der DDR-Grenzer. Foto: Hubert Herbert

"Am Anfang dachten wir ja noch, die DDR-Grenzer hätten oben auf der Schanz – wie schon öfter – wieder einmal einen Schwung Autos angehalten und die dann auf einmal durchgelassen." Aber die Schlange riss nicht ab. Herbert, der in der  Hermannsfelder Straße wohnt und mit seinem Auto auf die Hauptstraße einbiegen wollte, wäre chancenlos geblieben, hätte ihn nicht ein Trabi-Fahrer rein gelassen. "Auf die Hauptstraße zu gehen, war praktisch unmöglich", sagt er. Dass die Store an den Fenstern der Eußenhäuser innerhalb kürzester Zeit schwarz wurden, war einer der Nebeneffekte der Trabi-Schlangen.

"Spätestens ab Frühjahr 1990 war es ein wilder Handel." 
Kurt Herbert zu den Auswirkungen der Grenzöffnung

Es dauerte nach der Grenzöffnung dann nicht lange, bis ein lebhafter Handel begann, weiß Herbert noch genau. "Spätestens ab Frühjahr 1990 war es ein wilder Handel." Da gab es dann in dem kleinen Eußenhausen mit seinem damals knapp 500 Einwohnern gleich drei Autohändler, die den Ostdeutschen Autos verkauften. Auswüchse blieben nicht aus. Plötzlich standen auch altersschwache Lkws mit abgefahrenen Reifen zum Verkauf, so Herbert. Die stammten allerdings von Ortsfremden, berichtet er. Genauso wie die Kleinlaster mit Bananen. Alles ohne Genehmigung. "In der damaligen Euphorie sind bei vielen Dingen die Augen einfach zugedrückt worden."  

Das Geschäft mit dem Brennholz

Als ab Weihnachten 1989 die Westdeutschen ohne große Kontrollen nach drüben durften,  da haben sich viele dann günstig im Osten eingedeckt. Zum Beispiel in der LPG Ritschenhausen. "Da wurde alles zusammengekauft und hier im Westen verscherbelt." Oder beim Brennholz. Herbert erinnert sich, dass damals ein Ster Buchenholz in Eußenhausen 80 DM kostete. Im Osten habe man den für 10 DM bekommen. Für manchen Händler ergab sich so eine enorme Gewinnspanne. "Da wurden damals kräftige Einschläge in DDR-Buchenwäldern gemacht."  

Herbert weiß aber auch noch, dass viele DDR-Bürger extra weit angereist waren, um über einen bayerischen Grenzübergang nach Westen zu kommen. Der Grund ist leicht nachvollziehbar. In Bayern gab es zum bundesdeutschen Begrüßungsgeld von 100 DM noch 50 DM bayerisches Begrüßungsgeld zusätzlich.

Moralische Bedenken

Das Thema Geld spielte aber auch für viele Westler eine wichtige Rolle, nämlich beim Umtausch. Als es die DDR-Mark noch gab, war der Umtauschkurs wichtig. "Bis März 1990 wurde wie wild getauscht.  Anfangs war sogar ein Kurs von eins zu 40 möglich. Mit den so eingetauschten Ostmark konnten Bürger aus dem Westen im benachbarten Thüringen groß auftreten." Herbert selber hatte da eher moralische Bedenken. Als er mit Frau und Bekannten im Februar 1990 zum ersten Mal im Meininger Theater war, kostete der Eintritt 5,50 Mark und ein Glas Sekt in der Pause 1,59 Mark, weiß er noch. "Da stellte sich die Frage, zahlen wir in Ostmark oder in D-Mark?" Aus moralischen Gründen hat er sich damals für DM entschieden. Genau so wie er im Intershop gleich hinter der Grenze darauf verzichtete, einen kompletten Satz DDR-Geld für billig zu kaufen. "War ja klar, dass das mal deutlich mehr wert werden würde. Aber das kam mir nicht richtig vor."    

Er hat aber auch erlebt, wie Westdeutsche den ganz großen Max machten. "Eines Tages bin ich kurz nach der Grenze im Osten hinter einem älteren Mercedes hergefahren. Als an der Straße ein paar Kinder spielten, hielt der Wagen an, die Scheibe wurde herabgelassen und eine Hand ließ ein paar Münzen für die Kinder fallen. Das war beschämend. Ich hab da bloß gedacht, ja sind wir hier denn in Afrika?"

Aufschwung beim Kegelclub

Auswirkungen hatte die Grenzöffnung außerdem auf das Vereinsleben von Eußenhausen. Schnell lebten die guten Beziehungen zu den Nachbarorten Hermannsfeld und Henneberg wieder auf. "Damals stieg die Mitgliederzahl im Kegelclub Eußenhausen auf das Doppelte an", so Herbert. Das war allerdings nur vorübergehend. Viele Neumitglieder aus dem Osten bauten später in ihren Orten eigene Vereinsstrukturen auf, wie sie sie im Western kennengelernt hatten, erklärt Herbert diesen Effekt.  

"Da wurde damals viel Politik im Stillen gemacht." 
Kurt Herbert zum Projekt Autobahnbau

Obwohl der Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland am 3. Oktober 1990 vollzogen wurde und es damit wieder ein vereintes Deutschland gab, war noch bis 1993 oben auf der Schanz ein amerikanischer Beobachtungsposten stationiert, erinnert sich Herbert. Die hatten da 1971 ihren Horchposten in die DDR installiert. "Anfangs war das nicht viel mehr als eine Erdgrube, wurde aber immer weiter ausgebaut. Am Schluss stand da ein Betonbau, und jeden Morgen war Fahnenappell." Sechs bis acht Mann horchten da in den Osten hinein. Ausgewertet wurde das Gehörte in einem unauffälligen Wohnhaus in Bad Neustadt, weiß Herbert. Und auch dass es auf der anderen Seite der Grenze einen ebensolchen Horchposten Richtung Westen gab. 

Streit um die Autobahn

1994 ging dann der Streit um die Autobahn los, in der sich am Ende die Position von Eußenhausen durchsetzte. "Wir Eußenhäuser wollten die Autobahn! Das wollten aber nicht alle in der Politik." Manche wollten eher einen vierspurigen Ausbau der B 19, berichtet Herbert. Als dann klar war, dass es eine Autobahn geben sollte, war es den Eußenhäusern wichtig, dass diese nicht durch das Elmbachtal führte. "Am Schluss haben wir dann doch erreicht, dass die östliche Variante gebaut wurde, die heutige A 71. Da wurde damals viel Politik im Stillen gemacht", sagt er im Rückblick auf viele Gespräche von damals.   

Einwohnerzahlen
Die Öffnung der DDR-Grenze auf der Schanz wirkte sich unter anderem auf die Einwohnerzahl von Eußenhausen aus. Wie der ehemalige Ortssprecher Kurt Herbert erzählt, hatte der Ort vor der Grenzöffnung rund 490 Einwohner. Diese Zahl stieg nach der Wende auf 540. Das hielt aber nicht allzu lange an. Heute hat der Mellrichstädter Stadtteil noch rund 350 Bürger.   

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