Oberstreu

Glanzleistung des Ensembles des Oberstreuer Theatervereins

Sie vollbrachten eine reife Leistung, die Mitglieder des Theatervereins Oberstreu mit (von links) Souffleuse Gabriele Link, Silke Braune (Sarah Rosenbach), Lina Geis (Tilda Rosenbach), Marianne Herbert (Regie), Gerhard Herbert (Amandus Rosenbach), Michael Link (Niko Rosenbach), Sabine Tolksdorf (Doktor Holst) und Petra Wende (Bühnenaufbau). Foto: Brigitte Gbureck

Bis auf den letzten Platz besetzt waren die fast 50 Stühle im kleinen intimen Theater in der Alten Schule in Oberstreu. Die Premiere zu „Honig im Kopf“ stand auf dem Programm. Und das Stück begann mit einem Prolog. Tilda (Lina Geis), die Enkelin des demenzkranken Großvaters, erklärte dem Publikum, dass sie alles, was sie über die Krankheit ihres Opas weiß, von ihrem Kinderarzt erzählt bekam. Sara Rosenbach (Silke Braune) und Niko Rosenbach (Michael Link) listeten Opas Erinnerungen auf und fragten, was Alzheimer ist. Sie überlegten, Opa Amandus (Gerhard Herbert) in ein Heim zu geben. Tochter Tilda will die Sache selber in die Hand nehmen.

Weiteres Zeichen: Den Weg zum Friedhof nicht mehr gefunden

Die Krankheit fing an, als Oma gestorben war. Bei der Beerdigung erinnerte sich Opa Amandus, dass sie immer über seine Witze gelacht hat. Irgendwie schien sich hier abzuzeichnen, dass er Sprachfindungsschwierigkeiten hat. Er merkte das selber und wurde zornig. Nach der Beerdigung sollte Opa zu Sohn Niko und Schwiegertochter Sarah ziehen. Die stritten sich ständig, Opa gab seinen Kommentar dazu. Irgendwann fand er nicht mehr den Weg zum Friedhof. Bei der Polizei versuchte er, eine Vermisstenanzeige für seine Frau aufzugeben. Die brachte ihn dann im Polizeiauto nach Hause, in eine etwas verwahrloste Wohnung. Plötzlich zog Amandus eine Pistole aus seiner Hosentasche, die er wohl einem Polizisten abgenommen hatte. Ein Schuss löste sich, ein Schrei aus dem Publikum folgte.

Amandus hatte aber auch lichte Momente. Alzheimer-Patienten können sich oft an Sachen erinnern, die schon lange her sind, wusste Vater Niko. Opa schaute oft Fotoalben an und erinnerte sich besonders an Italien. Tilda fing an, einen Film mit Opa zu drehen und fragte, wie es sich anfühlt, wenn man alles vergisst. „Wie Honig im Kopf“, meinte er. In sein Notizbuch hatte er für seine geliebte Enkelin geschrieben, dass der Tag kommen werde, wo er nicht mehr weiß, wer sie ist. Sie soll aber eines wissen: „Ich liebe dich, du bist meine Principessa“.

Knopf falsch gedrückt: Dann gab es das Feuerwerk eben bei Tag

Eine Untersuchung bei Doktor Holst (Sabine Tolksdorf) verlief ohne Erfolg. Am Sommerfest von Schwiegertochter Sarah sorgte er auch für Aufregung, als er nicht das Pult des DJs erwischte, sondern das des Pyrotechnikers. Da gab es das Feuerwerk halt bei Tag. Amandus konnte sich an gar nichts erinnern, da sei ein großes Loch hinten beim Honig. Er sollte in eine Altersresidenz, legte ihm sein Sohn nahe. „Warum genau willst du unbedingt dahin ziehen?“ fragt Amandus den Sohn.

Während Mutter Sarah, Vater Niko und Tochter Tilda Kaffee trinken, schäkert Opa Amandus mit dem Bild seiner verstorbenen Margarete. Foto: Brigitte Gbureck

Tilda beschloss, mit Opa nach Italien zu fahren. Dafür war er zu haben, er wollte immer schon mal nach Lissabon. Beide saßen in einem imaginären Auto, Opa lenkte und gab Gas, Tilda musste schalten. Sie landeten am Hauptbahnhof und kauften Tickets nach Venedig. Beim Bezahlen mit EC-Karte erinnerte sich Opa sogar an seine PIN.

Zwei Bühnen-Ebenen und die Fingerfertigkeit einer Zuschauerin

Ein künstlerischer Kniff war danach die Zweiteilung des Spiels. Während Amandus und Tilda im Zug fuhren, saßen Sarah und Niko am vorderen Rand der Bühne im Auto. Sie genossen jeder ein Schlückchen Sekt (das kleine Fläschchen konnte aber erst mit Hilfe einer Zuschauerin geöffnet werden). Beide, Opa Amandus und Sohn Niko, erzählten aus ihrer Erinnerung die gleiche Geschichte von heulenden Waschbären.

Als Tilda und Amandus schließlich nach Venedig kamen, erkannte der Opa auch das Hotel, in dem er einst mit Oma geschlafen hat. Tildas Eltern hatten nach einem Hinweis auch Venedig erreicht. Nach 20 Plätzen, 30 Treppen, 40 Brücken und 50 Brunnen fanden sie schließlich am Strand Tilda und Opa. Amandus erkannte Tilda nun nicht mehr. Da spielte sie ihm das Video vor.

Die Stimme aus dem Off: "Mäh - Hast du was gesagt?"

Auf dem Weg nach Italien hatte das Ehepaar nach vielen Streitigkeiten auch wieder zusammengefunden. Neun Monate später hat sie ein Brüderchen bekommen, erzählte Tilda im Rückblick am Schluss.Und: Opa konnte danach noch mit Hilfe zu Hause leben. Später haben sie ihn oft in der Seniorenresidenz besucht. Eines Tages hatte sein Herz aufgehört zu schlagen. „Du bleibst meine kleine Principessa für immer“, soll Opa noch gesagt haben. Nach der Beerdigung sagte Tilda: „Ich werde dich nicht vergessen, Opa“, darauf ertönte: „Mäh! Hast du was gesagt?“

Opa Amandus und Enkelin Tilda betrachten ein Fotoalbum mit Bildern von Venedig. Foto: Brigitte Gbureck

Starker Applaus und stehende Ovationen belohnten das großartige Spiel. Alle Beteiligten hatten ihre Rollen exzellent interpretiert. Herausragend dabei Gerhard Herbert als Opa Amandus. Ihm gelang der Spagat zwischen Tragik und Komik beeindruckend. Viel körperliche Bewegung wurde den Damen vom Bühnenumbau, Petra Wende, Sabine Tolksdorf und Marianne Herbert, die gleichzeitig Regie führte, abverlangt. Die vielen Szenenwechseln erforderten schließlich viele Umbauten.

Eineinhalb Jahre hatte das Oberstreuer Ensemble mit Unterbrechungen geprobt, ließ Bernhard Wende, verantwortlich für die Lichttechnik, wissen. Das Resultat konnte sich wirklich sehen und hören lassen.

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