Gründerzentrum: Hilfe beim Sprung ins kalte Wasser

Beim Rhön-Saale Gründer- und Innovationszentrum in Bad Kissingen werden Gründer aus den Landkreisen Bad Kissingen und Rhön-Grabfeld beraten. Dr. Matthias Wagner ist der Geschäftsführer. Foto: Julia Back

TV-Sendungen wie „Die Höhle der Löwen“ zeigen, dass es mehr braucht als eine gute Idee, um erfolgreich ein Unternehmen zu gründen. Matthias Wagner, Geschäftsführer des Rhön-Saale Gründer- und Innovationszentrums, erklärt, welche Fehler Gründer besser vermeiden, warum ein Start-Up in Rhön-Grabfeld erfolgreicher sein kann als in Berlin und warum die Region Gründungen braucht.

In der Region gibt es die Möglichkeit einer guten Work-Life-Balance

Frage: Ich plane ein Start-Up. Warum sollte ich im Landkreis Rhön-Grabfeld gründen und nicht nach Berlin gehen?

Matthias Wagner: Zum einen gibt es den persönlichen Aspekt: In der Region gibt es die Möglichkeit einer guten Work-Life-Balance und der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Dazu kommt noch der wirtschaftliche Aspekt wie günstigere Gewerbeflächen und auch die Unterstützung der Wirtschaftsförderung durch den Landkreis.

Also ist es nicht sinnvoller zum Gründen in eine Großstadt zu ziehen?

Wagner: Nein, nicht unbedingt, denn im Vergleich zu Berlin gibt es in der Region günstigere Rahmenbedingungen und damit ganz andere Möglichkeiten im Wachstum. Dazu kommen die großen Unternehmen hier vor Ort, die als Partner für Gründer wichtig sein können. Denken wir da an Preh, Jopp oder Siemens im Automotive- und Maschinenbau-Bereich oder das Rhön-Klinikum im Gesundheitssektor. Aber auch die beiden Kurorte Bad Neustadt und Bad Königshofen als Teil des Bäderlands Bayerische Rhön sind wichtige Standortfaktoren für Gründungen im Bereich Gesundheitstourismus.

Ein Gründer muss zuallererst ein gutes Geschäftskonzept haben

Was muss ein Gründer mitbringen, um Erfolg zu haben?

Wagner: Ein Gründer muss zuallererst ein gutes Geschäftskonzept haben. Das ist wichtig, um wirklich erfolgreich ein Unternehmen aufbauen zu können. Aber es geht auch um seine Persönlichkeit. Wenn er sich selbstständig macht, muss er durchaus auch bereit sein, ins kalte Wasser zu springen.

Warum ist Gründen ein Sprung ins kalte Wasser?

Wagner: Es ist ein Unterschied, ob man angestellt ist und ein festes Einkommen hat, oder eben selbstständig. Dann muss man die Bereitschaft mitbringen, mehr Zeit zu investieren als bei einer Festanstellung. Das muss mit der Familie und dem eigenen Umfeld abgestimmt werden, damit dies auf Dauer klappt.

Ein Businessplan und den Mut dazu diesen umzusetzen. Das reicht?

Wagner: Beim Geschäftskonzept geht es noch um mehr Punkte. Es ist wichtig, sich zu überlegen, wie sich das Geschäft entwickelt, wie der Wettbewerb aussieht oder ob es ähnliche Ansätze schon in der Region gibt. Es geht auch darum, wie ich meine Idee vermarkten kann. Das sind alles Dinge, die im Rahmen der Businessplanerstellung bedacht werden müssen.

Was braucht es denn neben Idee und Mut noch?

Wagner: Neben der Idee als Alleinstellungsmerkmal kommt es auch auf die wirtschaftliche Seite an. Was kostet das Unternehmen und welche Erträge erwarten mich? Oftmals wird das zu positiv eingeschätzt. Aber wenn man alles mitbringt: Das Alleinstellungsmerkmal, die wirtschaftlichen Aspekte, und die persönliche Einstellung – dann sind alle Voraussetzungen gegeben.

Es ist wichtig, rechtzeitig zu überprüfen, wie die Situation auf dem Markt ist

Muss mein Businessplan fix und fertig sein, bevor das Rhön-Saale Gründerzentrum hilft?

Wagner: Nein, wir bieten im Rahmen unserer Gründungsberatung schon vorab Checks an. Es ist wichtig, rechtzeitig bestimmte Punkte zu überprüfen wie die Situation auf dem Markt oder ob beziehungsweise wie viele Mitbewerber es gibt.

Und wenn ich gegründet habe – helfen Sie auch danach weiter?

Wagner: Sie können sich mit Ihrer Firma direkt bei uns im Haus niederlassen. Es gibt auch die Möglichkeit regelmäßig Informationen zu erhalten und an Qualifizierungsmaßnahmen teilzunehmen. Wir veranstalten zudem Weiterbildungen und Infoveranstaltungen zu Themen wie Kosten-Nutzen-Analyse oder Marketing.

Ist Gründen in oder schon wieder out?

Wagner: Aufgrund der derzeitig sehr guten Arbeitsmarktsituation würde ich diese Frage mit „Jein“ beantworten. Wir haben zwar keinen Gründeransturm, aber es ist auch nicht so, dass die Gründungszahlen einbrechen. Wir sind auf einem relativ stabilen Niveau, aber potenzielle Gründer überlegen sich derzeit zweimal, ob sie gründen oder ob sie eine Festanstellung annehmen. Telemedizin und Digitalisierung

Gibt es Trends in der Region?

Wagner: Wir versuchen, gerade Gründungen in Schwerpunktfeldern zu unterstützen. Dies betrifft zum Beispiel Telemedizin oder allgemein den Bereich Digitalisierung. Der gesamte IT-Bereich ist ein wichtiges Thema und ein In-Thema. Dort ist das Gründungsgeschehen generell unvermindert hoch. Das wollen wir hier in der Region verstärken.

Gibt es einen „Höhle der Löwen“-Effekt? Kommen Leute zu Ihnen, stellen stolz ihr Produkt vor und unterschätzen den Gründungsprozess?

Wagner: Ja, wir erleben immer wieder, dass wir hier einen gewissen Realitätscheck vornehmen müssen. Dann verdeutlichen wir, was es heißt zu gründen – persönlich und finanziell. Und beim genauen Durchgehen der Zahlen überlegt sich der ein oder andere noch mal genau, ob sein Konzept tatsächlich tragfähig ist. Aber wenn die Geschäftskonzepte gut sind, bieten wir auch in der nächsten Stufe entsprechende Informationen an und sind dann beim Thema „Höhle der Löwen“ angekommen.

Inwiefern?

Wagner: Bei unserer Beratung, wie eine Finanzierung aussehen könnte, geht es üblicherweise darum, wie man einen Gründungszuschuss beantragt oder sich optimal auf Gespräche mit Kreditgebern vorbereitet. Und dann geht es um einen sogenannten Pitch wie in der TV-Show: Wie halte ich eine Präsentation vor potenziellen Geldgebern oder der Hausbank und bewerbe das Geschäftskonzept entsprechend, um dafür am Ende des Tages auch einen Kredit oder sonstige Fördermöglichkeiten zu bekommen.

Auf was müssen Gründer noch achten?

Die Themen Patent und Marke

Wagner: Im technologieorientierten Bereich gibt es Förderprogramme von Land und Bund, über die wir entsprechende Informationen mit auf den Weg geben können. Und gerade in diesem Bereich ist es wichtig sich diese Entwicklungen auch schützen zu lassen. Da spielt das Thema Patent und Marke eine Rolle. Wenn man ein Alleinstellungsmerkmal und eine neue Idee hat, sollte man sich diese auch vorher schützen lassen. Auch hier bieten wir Unterstützung an, wie man beim Schutz vorgeht und welche Fördermöglichkeiten es hierbei gibt.

Warum sind Gründungen für die Region überhaupt wichtig?

Wagner: Der Mittelstand ist wichtig für jede Region und Gründungen beleben die Wirtschaft. Kleine und mittelständische Unternehmen sind wesentlich für große Unternehmen als Zulieferer in allen Bereichen. Daher ist es für die Region ganz bedeutend, möglichst viele Unternehmen und im besten Fall neu gegründete innovative Unternehmen zu haben. So helfen heimische Innovationen auch der Region selbst.

Zur Person

Matthias Wagner (49) ist seit 2005 in der RSG Bad Kissingen, Rhön-Saale Gründer- und Innovationszentrum GmbH & Co. KG tätig, seit 2007 als deren Geschäftsführer. Darüber hinaus ist er seit 2011 Vorstandsmitglied des Zentrums für Telemedizin Bad Kissingen, seit 2013 auch Geschäftsführer der Bäderland Bayerische Rhön GmbH & Co. KG. Vor seiner Tätigkeit in Bad Kissingen war der Diplom-Biologe und promovierte Biochemiker Mitgründer und mehrere Jahre Forschungsleiter eines innovativen Biotechnologie-Unternehmens in Würzburg.

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