Höchheim

Hart an der Grenze: Weizen ernten im Schatten der Wachtürme

Bürgermeister Michael Hey vor der Silhouette von Mendhausen im Hintergrund. Als Jugendlicher half er bei der Bewirtschaftung von Feldern seiner Familie mit, die unmittelbar an der Grenze lagen.  Foto: Michael Petzold

"Wir kannten nichts anderes." Für Landwirtschaftsmeister Michael Hey und seine Familie war es eine alltägliche Sache, Felder direkt an der Grenze zur DDR zu bewirtschaften. Zum Aussiedlerhof seines Vaters gehörten die gut ein Kilometer vom Hof entfernten Flächen vor dem Zaun und dem dahinterliegenden Minenfeld eben dazu. Ob sie nun Getreide säten, mit dem Düngewagen oder dem Mähdrescher auf dem Acker unterwegs waren, stets fand das unter Aufsicht der stets unsichtbaren Volksarmee-Soldaten statt, die in dem nahen Wachturm Dienst hatten. An einen Kontakt mit einem der Grenzposten kann sich der heute 57 Jahre alte Michael Hey, der als zweitjüngster Spross der Familie zusammen mit fünf Schwestern und einem Bruder aufgewachsen ist, nicht erinnern.

Feldgeschworene 1977 an der deutsch-deutschen Grenze waren schon ein Erinnerungsfoto wert. Viel passiert ist in der abgeschiedenen Gegend nicht.  Foto: Archiv Hey

Manchmal kamen auf westdeutscher Seite Zollbeamte oder Grenzschützer auf ihren routinemäßigen Streifen vorbei, da gab es dann schon mal den einen oder anderen Plausch. Nein, die Grenze hat so gar nichts Spektakuläres für jene, die auf westlicher Seite quasi einen Steinwurf davon lebten. Rothausen war, bedingt durch die bogenförmige Lage etwa zur Hälfte von der Grenze umgeben. "Es ging halt nur in eine Richtung", sagt Hey, der 1985 den Hof von seinem Vater übernommen hatte und im Januar vorigen Jahres zum zweiten Mal nach 2010 zum Bürgermeister von Höchheim gewählt wurde, zu dem neben Irmelshausen und Gollmuthhausen auch Rothausen gehört.  

Jenseits des Zauns Landwirtschaft war die Landwirtschaft drei Nummern größer.

Viel passiert ist nicht. Nur einmal, in den 60er Jahren ist ein Mann, der bei Mendhausen über die Grenzanlagen fliehen wollte, von NVA-Soldaten erschossen worden. Mehr weiß Hey über das schreckliche Geschehen nicht. Als spannende Episoden dürfen die Manöver in den 70er Jahren durchgehen, als Militärfahrzeuge auf dem Hof der Heys standen und Offiziere zeitweise im Haus gewohnt haben. Aber sonst - interessant war eigentlich nur, wie jenseits der Grenze Landwirtschaft betrieben wurde. "Das war alles drei Nummern größer", erinnert sich Hey an Düngeflugzeuge der in den 50er Jahren zwangsweise gebildeten Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG). Da habe man sich nur gewundert, dass die überhaupt so nah an der Grenze fliegen durften."Manchmal konnte man aber nur mit dem Kopf schütteln", sagt Hey. Etwa wenn trotz heranziehendem heftigen Regen trotzdem die Mähdrescher aufs Feld gefahren wurden.  

Wenn Michael Hey an seine Jugendzeit zurückdenkt, hält sich das Bedauern darüber in Grenzen, dass er die schönste Zeit des Lebens quasi am Ende der Welt hat zubringen müssen. Kaum jemand hatte ein Auto. Ein Kinobesuch im gut zehn Kilometer entfernten Königshofen war schon etwas besonderes und in das als Großstadt empfundene Schweinfurt kam man vielleicht ein, zwei mal im Jahr. "Das hatte auch seine Vorteile", sagt Hey. Die Gemeinschaft im Dorf wurde mehr gepflegt. Dazu ging man ins Jugendheim neben der ehemaligen Milchsammelstelle, wo ein Fernseher stand, Musik lief und Bier getrunken wurde. Auch der Kontakt zu den Gleichaltrigen der Nachbardörfer wurde gepflegt.        

Nach dem Mauerfall im November 1989 mussten die Bewohner der Grenzdörfer noch bis Januar warten, bis bei Behrungen der Grenzzaun geöffnet wurde. Foto: Archiv Hey

Als dann im November 1989 die Mauer fiel, dauerte es noch bis Januar, bis im sechs Kilometer entfernten Behrungen ein Durchgang durch den Zaun geschaffen wurde. 30 Jahre später erinnert kaum noch was an die einstige Grenze. Eine ganze Reihe Thüringer arbeiten im Grabfeld. Davon profitiert auch die Firma Caldatrac, die in Irmelshausen Industrieöfen herstellt. Und dann ist da natürlich noch der Irmelshäuser Badesee, der gerade erst für viel Geld attraktiver gestaltet wurde und der im Sommer von vielen Einwohnern der benachbarten thüringischen Gemeinden besucht wird.      

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