BURGLAUER

Im Spinnenmarsch Richtung Heimat

Abgelegte „Charlottenburger“: Gepäck- und Werkzeugbündel samt „Stenz“. Foto: Fotos (2): Christian Nöth

Es war schon eine sonderbare Prozession, die sich da von Niederlauer nach Burglauer bewegte: Schwarz gekleidete Gestalten mit breitkrempigen Hüten laufen schlangenlinienförmig längs des Straßengrabens, sinken dort nieder, liegen im Gras, singen Lieder, lassen Flaschen kreisen und drängen sich zu geheimnisvollen Beschwörungszeremonien zusammen. Nein, keine Horde Betrunkener. Das war der Spinnenmarsch von Handwerksgesellen, die ihren Kameraden Achim Mann nach fast fünfjähriger Wanderschaft zuhause ablieferten.

Ein Spektakel, zu dem sich halb Burglauer einfand. Die Blaskapelle hieß den jungen Mann, der sich seiner Heimatgemeinde in den letzten Jahren nicht nähern durfte, zünftig willkommen.

„Es ist schon gut, wieder daheim zu sein“

Achim Mann, Wandergeselle

Achim Mann, Jahrgang 1983, hatte Zimmermann gelernt. Vier Jahre und zehn Monate war er als Wandergeselle unterwegs in Europa, Papua-Neuguinea, Neuseeland und Australien. Nun kam er heim – begleitet von ehemaligen oder noch reisenden Gesellen aus Freiburg, Unterkochem, Glauchau, Köln, Oberwesselbach, Leipzig, Föhr, Zwickau und Weißenburg, denen er auf seiner Wanderschaft begegnet ist.

Und dann stehen dem kräftigen Burschen, der mit seinem Zylinder alle überragt, dann doch die Tränen in den Augen, als ihn Mutter Adele und Vater Schorsch in den Arm nehmen. Nun hat er sich schon fast wieder an Daheim eingewöhnt, freut sich über das eigene Bett. „Es is scho gut, wieder daheim zu sein!“ In der gemütlichen Küche im elterlichen Fachwerkhaus, dessen Balken die Jahreszahl 1692 ziert, sitzt der Heimkehrer mit seinem Kollegen und Mitreisenden Carsten aus Flensburg. Mit ihm war Achim seit Januar 2010 unterwegs, sie haben Freud, Leid, Strapazen und Erlebnisse geteilt. Carsten muss wegen einer Handoperation einige Tage pausieren, selbstverständlich als Gast im Hause Mann, ehe er sich auf die letzte Teilstrecke seiner Wanderschaft in Richtung Heimat begeben kann, wo er Mitte Oktober eintreffen will. Beide haben ihre Kluft an, selbstbewusst, offenherzig und mitteilsam. Zu erzählen gibt es viel! Dass sich bei Achim schon während der Berufsschulzeit die Idee entwickelt hatte, einmal auf Stör, Walz, Tippelei zu gehen; dass man das aber nicht einfach so tun kann, sondern dazu gründliche Vorbereitungen und vor allem Unterstützung durch die Gesellenvereinigung Voraussetzungen sind.

Wie geht dann so was vor sich? Man trifft Wandergesellen oder Ehemalige, bekommt erste Informationen. Dann besucht man eine sogenannte Herberge, bekannte Treffpunkte Ehemaliger und aktiver Reisender. Diese Herbergen sind Nachrichtenbörsen von und für reisende Gesellen. Die Herbergen sind auch Postbriefkästen, denn die Wandergesellen haben keine festen Adressen. „Abenteuerlust, Sinnsuche, Neugierde auf fremde Länder, neue Meister, andere Arbeitsplätze, das muss schon vorhanden sein; Weicheier und Stubenhocker sind hier fehl am Platz!“, sagen beide. Mutter Adele: „Dann ist so jemand nicht mehr zu halten. Man muss ihn ziehen lassen!“

Voraussetzungen, um von der Gesellenvereinigung überhaupt in die engere Auswahl zu kommen, sind: Der Gesellenbrief, Alter unter 30 Jahren, unverheiratet, kinderlos. Passen die Kriterien, befindet die Vereinigung den Kandidaten für tauglich, bekommt der Geselle den „Ehrbarkeit“ genannten schwarzen Schlips. Dieser dient als Erkennungszeichen der Gesellenvereinigung, zeichnet den Träger als volles Mitglied mit allen Rechten und Pflichten zum Wandergesellen aus. „Gesellschaft der rechtschaffenen Zimmerer- und Schieferdecker-Gesellen zu Deutschland“ nennt sich die Gesellenvereinigung, zu der sich Achim und Carsten zählen. Herbergen gibt es in Erfurt, Nürnberg und Frankfurt.

Die „Kluft“ besteht aus einer Kopfbedeckung. Zimmerer bevorzugen einen breitkrempigen Schlapphut, eine Melone oder Zylinder. Schwarze Schlaghose, Weste mit acht Knöpfen (acht Stunden Arbeit täglich), Jacke mit sechs Knöpfen (sechs Tage Arbeit pro Woche) aus Cord, das „Staude“ genannte kragenlose weiße Hemd, die „Ehrbarkeit“, der möglichst individuelle Wanderstock, „Sterz“ genannt, und der „Charlottenburger“. Dies ist das 80 mal 80 Zentimeter große Tuch, in dem der reisende Wandergeselle seine persönlichen Habseligkeiten und sein Werkzeug mit sich trägt. „Nicht zu viel, denn man muss ja alles selber tragen“, sagt Achim und zählt Stemmeisen, Stoßaxt, Hammer, Meter und Bleistift auf. Denn die Wanderschaft ist ja dazu gedacht, sich unterwegs seinen Lebensunterhalt durch handwerkliche Arbeit zu verdienen, bei fremden Meistern und Betrieben neue Arbeitsmethoden zu erlernen.

Dann kann‘s losgehen, immer an einem Sonntag, damit die Angehörigen und Freunde den Reisewilligen verabschieden können – und die ersten Tage in Begleitung eines erfahrenen Wandergesellen. Beim Achim war‘s im November 2006 soweit, das Nordlicht Carsten ist seit November 2007 unterwegs. Viele Straßen und Gassen sind sie seither getippelt oder getrampt, haben in vielen Betrieben gearbeitet und Menschen kennengelernt.

Wer Arbeit sucht, findet welche!“

Achim Mann Wandergeselle

„Die Bereitschaft in Handwerksbetrieben, zeitweise Wandergesellen zu beschäftigen, ist da, wenn gerade Arbeit vorhanden ist. Und weiterhelfen durch finanzielle Unterstützung oder Reisezehrgeld ist eigentlich selbstverständlich“, sagen Achim und Carsten. In ein Wanderbuch tragen die Meister Arbeitszeugnisse ein, Stempel und Bescheinigungen beschreiben die Reiseroute der Wandergesellen und dienen als Erinnerungsstütze. In den Wanderbüchern von Achim und Carsten sind Eintragungen aus vielen Ländern.

In der Fremde Arbeit zu suchen, fand Achim nicht schwer: „Wer Arbeit sucht, findet welche. Man muss auf Leute zugehen können, reden, fragen – und vor allem flexibel sein!“ Viel haben die beiden Wandergesellen zu erzählen, von Begegnungen, von schönen und weniger schönen Tagen. Aber missen möchten sie keinen davon. „Na ja, auf die Malaria in Südost-Asien hätte mer verzicht könn“, lacht Achim. Für ihn gilt es nun, sich an das sesshafte Leben zu gewöhnen, eine Arbeitsstelle zu suchen. „Und mich bei meiner Heimkehr am 14. 11. nach Flensburg zu begleiten, wie sich das gehört“, befiehlt Wandergeselle Carsten. „Klar“, sagt Achim „mitsamt Spinnermarsch!“. Und verabschiedet sich mit dem Wandergesellen-Gruß: „Fixe Tippelei!“

Wieder daheim: Achim Mann (links) am Ortsschild seines Heimatdorfes Burglauer – dorthin geführt und geleitet von guten K... Foto: Christian Nöth
Nach Jahren der Trennung: Endlich kann die Mutter ihren Sohn wieder in die Arme schließen.
Alles dokumentiert: Sie haben viel zu berichten und verweisen stolz auf die zahlreichen Eintragungen, Arbeitszeugnisse u... Foto: Christian Nöth

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