HEUFURT

Ismaels dramatische Flucht aus Afghanistan

Ismael in Bad Neustadt: Der 21-Jährige hofft auf eine Zukunft in Deutschland. Foto: Ines Renninger

„Das Leben geht weiter, also müssen wir auch weitergehen.“ Aus dem Satz spricht Lebenserfahrung, aus dem Gesicht Jugend. Der Afghane Ismael D. ist 21 Jahre alt. Zu jung für so eine Fluchtgeschichte, zu jung für so viel Leben?

„Das ist sehr persönlich“, sagt Ismael auf die Frage nach seinen Fluchtgründen. Um dann mit einer Handbewegung den eigenen Einwand aus der Luft zu wischen und die Vergangenheit an den Tisch ins Büro der Diakonie Bad Neustadt zu zitieren.

Als die Mörder ins Haus kamen

Sieben Jahre war er alt, als seine Familie im Kundus im Nordosten Afghanistans getötet wurde. Drei Monate – nicht länger – habe er als Kind eine Schule besucht – wenig Bildung für ein ganzes Leben, aber genug für sein Überleben. Denn in der Schule war Ismael auch an jenem Tag, als die Mörder ins Haus seines Vaters kamen. Und den kleinen Ismael nicht antrafen.

Warum sie töteten? Fast wirkt es, als verstünde Ismael den Sinn der Frage nicht. Um Edelsteine – er ist unsicher, ob das das richtige deutsche Wort ist – und Schwarzhandel ging es wohl. Genaueres erzählt er nicht. Ob er es nicht weiß, nicht wissen will, nicht darüber sprechen will? Er spricht über das Blut auf dem Arm der toten Schwester. Und über die Männer, die ihn bei seiner Heimkehr zurückdrängten, das blutige Szenario abschirmten.

Wie man in Afghanistan stirbt

Eine Art Adoptivfamilie zog ihn groß, sie hatten neben ihm drei eigene Söhne. Zwei davon sind inzwischen gestorben. Wie? Wie Söhne in Afghanistan sterben. „Das ist ganz anders als hier in Deutschland.“ Der dritte Sohn lebe mittlerweile in Finnland.

Mit 15 Jahren verliebte sich Ismael in ein Mädchen, mit 16 Jahren schwängerte er sie. Ihr Vater, eine Art Clanchef, war davon nicht nur nicht begeistert. „Er tötete seine Tochter und verfolgte mich“, sagt Ismael. In Kabul fanden ihn dessen Handlanger, Ismael floh weiter in die Türkei. „Komm nicht zurück“, warnte die Adoptivfamilie.

Auf der Straße gelebt

Zwei Wochen lebte und schlief er auf der Straße, bis er einen anderen Usbeken – der ethnischen Gruppierung gehört auch Ismael an – traf. „Suchst du Arbeit?“ Er vermittelte dem Jungen Metallbau- und Schlosserarbeiten. Acht Monate blieb Ismael in der Türkei, 2015 erreichte er Rosenheim.

Eigentlich wollte er weiter nach Finnland, zu jenem dritten Sohn der Adoptivfamilie. Geht nicht, sagten die deutschen Behörden. Als minderjähriger Flüchtling könne er nicht alleine durch die Gegend reisen. Heute ist Ismael froh, dass man ihn nach Rhön-Grabfeld schickte.

Die Vergangenheit lässt nicht los

Dort besuchte er ein Jahr lang die Integrationsklasse und stellte sich, alles in allem, wohl erstaunlich gut an. Nur müde war er – unendlich müde. Einer Lehrerin fiel das auf. Die Drogen, gestand er. Er rauche, um zu vergessen.

„Aber die Vergangenheit lässt nicht los.“ Das Marihuana sei seither – auch dank des Engagements der Lehrerin – Geschichte. An das Mädchen denke er noch heute. Ismael begann langsam wieder zu träumen. Eine Ausbildung als Hotelfachmann stand ganz oben auf der Wunschliste. Die ersehnte Genehmigung bekam er – bei laufendem Asylverfahren – nicht.

Geld verdienen für einen Anwalt

Die Ablehnung seines Asylantrags vor über einem Jahr war ein Schock. „Wozu das alles?“ Ismael schmiss die Schule, suchte sich einen Job, hatte Glück und kam im Rhön-Park-Hotel im Room-Service unter. „Ich brauchte Geld für den Anwalt.“ Derzeit befindet sich der 21-Jährige im Klageverfahren und wartet auf seine Gerichtsverhandlung.

Im Rhön-Park-Hotel arbeitete er als einer von 13 Afghanen. Es handle sich dabei um sozialversicherungspflichtige Vollzeit-Stellen, informiert Ben Baars, Direktor des Rhön-Park-Hotels. Eineinhalb Stunden pro Woche erhalten die Flüchtlinge neben ihrer Arbeit dort auch Sprachunterricht.

Arbeit im Rhön-Park-Hotel

„Ismael macht einen sehr guten Job“, erzählte Baars im Mai. Dass er mittlerweile so viele Geflüchtete beschäftige, sei langsam „gewachsen“. In der Hotellerie und Gastronomie gebe es nun einmal Arbeitsbereiche, die inzwischen schwer von Einheimischen zu besetzen seien.

Ein Jahr lang, erklärt Ismael, sei er komplett ohne staatliche Unterstützung ausgekommen. Da sein Asylverfahren aber noch lief, durfte er aus der dezentralen Unterkunft, seinem Zimmer in Heufurt, das er sich mit einem anderen Flüchtling teilt, nicht ausziehen.

311 Euro für ein halbes Zimmer in Heufurt

Für dieses halbe Zimmer in Heufurt berechnete man ihm monatlich 311 Euro. Diese Gebühr war zu diesem Zeitpunkt bayernweit einheitlich, berechnete sich nicht nach Quadratmetern und orientierte sich auch nicht an ortseigenen Mietpreisen. Inzwischen wurde die Gebührensatzregelung für ungültig erklärt (siehe unten).

So horrend die Summe für Ismael war, für ihn gab es dringendere Fragen zu klären. In erster Linie würde die Gerichtsverhandlung über die Zukunft des 21-jährigen Afghanen entscheiden.

Nachtrag: Am Freitag, 18. Mai, entschied der Bayerische Verwaltungsgerichtshof über die Unterkunftsgebühren in Gemeinschaftsunterkünften und dezentralen Unterkünften für Flüchtlinge und Asylsuchende. Die Gebührensatzregelung in ihrer derzeitigen Form wurde für ungültig erklärt. Für Ismael bedeutet das konkret: Die bis heute erlassenen Gebührenbescheide werden geprüft.

Angekommen in Rhön-Grabfeld?

In dieser Porträtserie erzählen Flüchtlinge aus subjektiver Sicht ihre Geschichte. Zum Hintergrund: Nachprüfbar sind deren Erlebnisse in der Fremde – Fluchtweg und Fluchtursache – natürlich nur bedingt. Außerdem kommen tendenziell eher die Integrationswilligen zu Wort. Sie haben die nötigen Sprachkenntnisse und den Wunsch sich mitzuteilen. Ziel der Serie ist es, den vielfältigen Schicksalen ein Gesicht zu geben.

Schlagworte

  • Heufurt
  • Ines Renninger
  • Heufurt
  • Mörder
  • Rhön-Park-Hotel
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0

Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!