BAD KÖNIGSHOFEN

Kinder stehen unter extremen Leistungsdruck

Handy in Kinderhand ist keine Alltagshilfe: Das begründete Frank Schallenberg ausführlich und plausibel bei seinem Vortr... Foto: Rudolf Dümpert

Aus einem für viele Besucher des Vortrags neuen Blickwinkel wurde das Kind- und Jugendlicher-Sein vom Referenten, Sozialpädagoge und Buchautor Frank Schallenberg aus Wuppertal beleuchtet. Eingeladen zum Vortragsabend in der Grabfeldschule hatte deren Elternbeirat, dem seit nunmehr anderthalb Jahrzehnten die Hanns-Seidel-Stiftung regelmäßig Stiftungsunabhängige Referenten zur Verfügung stellt.

Schallenberg ist indes kein Unbekannter in Bad Königshofen, hat vor drei Jahren über „Mobbing in der Schule“ referiert und sei, so Paul Hufnagel, der Seminarleiter der Stiftung für Unter- und Mittelfranken, als Mitarbeiter des Kinderschutzbunds NRW prädestiniert, über dieses vom Elternbeirat gewünschte Thema, „gewissermaßen aus der Praxis heraus“, zu sprechen.

Der andere als gewohnte Blickwinkel richtete sich auf das, was Kinder und Jugendliche in der heutigen Zeit leisten müssen, wobei am allerwenigsten jene Leistungen in der Schule gemeint waren, viel eher deren Rahmenbedingungen. Eine wichtige nannte Schallenberg gleich am Anfang: „Die Kinder und Jugendlichen wachsen in einer risikobelasteten Gesellschaft auf.“ Ein solches Risiko bestehe schon der Erwartungshaltung gegenüber, was sie einmal alles leisten müssen. „Das sind Belastungsfaktoren, die man als Erwachsener nicht auflösen kann, für die man aber Rahmenbedingungen mit rotem Faden vorgeben kann, zum Beispiel was das Medien- und Konsumverhalten betrifft.“

Der Referent stellte auch die Frage in den Raum, was Kinder in ihrer Gesamtentwicklung leisten müssten, um irgendwann das Grundziel zu erreichen, erwachsen zu werden, das Elternhaus zu verlassen und das Leben eigenständig finanziell, physisch und psychisch zu meistern. Dabei habe sich in den zurückliegenden 20 Jahren die Arbeitswelt drastisch verändert. „Damals hatte jeder Schulentlassene eine große Chance auf Ausbildung und Arbeit. Heute treffen viele auf einen Arbeitsmarkt, auf dem sie nicht mehr vermittelbar sind. Dabei gibt es immer wieder Jugendliche, die lerntechnisch nicht so gut sind, die aber später im praktischen Alltag zuverlässig ihren Mann stehen.“

Eine weitere nicht zu unterschätzende Leistung der Kinder sei die Vielfalt an Möglichkeiten, unter denen sie auswählen müssen, von der Art der Freizeitbeschäftigung bis hin zur Berufswahl. Wichtigster Orientierungspunkt sei die Familie. Es seien häufig aber nicht nur Kinder, sondern auch Eltern überfordert, weshalb heute immer mehr Familien immer mehr externe Unterstützung seitens des Jugendamts oder des Kinderschutzbunds bräuchten. „Da laufen Kinder in dritten Grundschulklassen herum und selektieren Gleichaltrige mit – du bist was fürs Gymnasium und du für die Hauptschule“.

In der Familie und bei Erwachsenen überhaupt sei heute immer mehr eine Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit festzustellen, von welchen Werten und Orientierungspunkten geredet werde und wie sie von den Erwachsenen selber umgesetzt werden, beim Medienkonsum oder sogar beim Überqueren von Straßen an der Fußgängerampel.

Eine weitere Leistung des Kindes sieht Schallenberg darin, den Gemeinschafts- und Freundschaftsbegriff untereinander zu erfüllen. Durch mediale Einflüsse gebe es keine klare Linie mehr bei Fragen nach Toleranz und Nicht-Toleranz oder nach dem Anders-Sein. Der Referent warf auch die Frage auf, was eine sinnvolle Freizeitgestaltung sei. „Freizeit heißt Zeit, die nicht geplant ist, die keine Zielrichtung hat, wie etwa das Ballett, Fußballtraining oder Kinderturnen. Freizeit findet auf dem Spielplatz statt oder daheim beim Spielen ohne technische Hilfsmittel. Kinder haben das Recht, Kind zu sein. Überlegen Sie doch mal, wie viel wirkliche Freizeit Ihr Kind noch hat.“

Kinder erbringen, so Frank Schallenberg, Leistung, ihre eigene Geschlechterrolle zu entwickeln, ob, was und wie viel sie essen sollen. „Hinzu kommt, dass sie zum Beispiel im Bereich der Ernährung viel mehr Auswahl an Vorbildern neben den Eltern als früher haben. Wo aber werden Ressourcen erworben wenn nicht in der Familie?“ Der Arbeitsmarkt indes verlange viel längere Abwesenheit der Eltern, bedingt durch weite Entfernungen, mehr und höhere Hürden im Beruf, als es früher der Fall war. Weil Kinder das nicht reflektieren können und nicht wissen, woran sie sich orientieren können, werden sie unsicher, suchen und finden andere Kanäle. Wenn aber Eltern versuchen, zum Beispiel den Medienkonsum zu steuern, suchen die Kinder Ausweichmechanismen und finden Nischen, etwas auszuprobieren.

Fragen über Fragen, mit denen der Referent die Besucher aber nicht alleine ließ, das derzeitige Zusammenwirken zwischen Eltern, Kindergarten, Schule und Institutionen als positiv bezeichnete. Und eine Frage beantwortete er ganz eindeutig, dass nämlich ein Kind im Grundschulalter kein Handy benötige, so extrem der Leistungsanspruch, es nicht zu haben, auch sei. „In Wirklichkeit hilft dieses Handy nämlich nicht bei der Bewältigung des Alltags und vermittelt auch nicht mehr Sicherheit. Kein Entführer lässt das Kind erst telefonieren. Umgekehrt gehen bereits erworbene Fähigkeiten wie zum Beispiel Pünktlichkeit oder Verlässlichkeit verloren.“

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