MEININGEN

Lügen, Lügen, nichts als Lügen

Psychodrama um Lebenslügen und Tod: Evelyn Fuchs, Hans-Joachim Rodewald und Raphael Kübler in „Der Unfall“ in Meiningen.
Psychodrama um Lebenslügen und Tod: Evelyn Fuchs, Hans-Joachim Rodewald und Raphael Kübler in „Der Unfall“ in Meiningen. Foto: Foto-Ed

So einfach ist das leider nicht mit der Lüge. Da gibt es, zum Beispiel, Lügen aus Rücksicht, aus Pietät, aus Barmherzigkeit, aus Liebe, aus Respekt. Durchaus ehrenwerte Gesten. Aber dann existiert auch dieser Selbstbetrug, mit dem man wahre Ego-Tempel errichten kann, um das eigene Verhalten, je nach Sachlage, immer wieder aufs Neue zu rechtfertigen, ja zu zelebrieren. Um die Aufdeckung dieses Konstrukts und seiner Folgen geht es im Drama „The Accident – Der Unfall“, mit dem der israelische Autor Hillel Mittelpunkt (64) international bekannt wurde. Jetzt ist das Stück, als erste Premiere der neuen Spielzeit, in Regie von Günther Beelitz in den Meininger Kammerspielen zu sehen.

Beelitz – einstmals Intendant in Düsseldorf, München und Weimar – inszeniert das Stück mit nur einer äußeren Handlungsattraktion als psychologisches Kammerspiel. Die äußere Attraktion findet auf karg eingerichteter Bühne aus mobilen Sitzelementen (Ausstattung und Video: Anna Sophia Blersch) bereits in den ersten Minuten statt. Auf einer Leinwand hinter dem Spielraum wird – aus Sicht des Fahrers – eine nächtliche Autofahrt auf schnurgerader Strecke projiziert. Bis zu der Sekunde, in der ein Schemen von links auf die Straße läuft und vom Pkw erfasst wird – der Augenblick, der das Leben der Fahrzeuginsassen ein für allemal verändert.

Der Schemen war ein Mensch, und der liegt nun tot vor der Kühlerhaube. Jeder der Beteiligten glaubt, sein Renommee, ja seine Existenz sei bedroht, wenn man jetzt die Polizei ruft: der betrunkene Fahrer, ein Werbefachmann (Raphael Kübler), seine Frau, eine Raketenexpertin (Evelyn Fuchs), und der Besitzer des Wagens, ein bekannter Dokumentarfilmer (Hans-Joachim Rodewald). Sie entscheiden sich nach kurzer Debatte, den als chinesischen Gastarbeiter identifizierten Toten am Straßenrand liegenzulassen und nach Hause zu fahren. Selbst Ehefrau (Ulrike Walther) und Tochter (Mara Amrita) informiert der am integersten erscheinende Filmemacher nicht.

Wer glaubt, alles drehe sich nun um die offen zutage tretenden Kämpfe um Schuld und Sühne, fühlt sich getäuscht. Die Zuschauer sehen nichts anderes als Szenen zweier Ehen – krampfhafte Versuche, die bereits ohne Unfall schwelenden persönlichen Lebenslügen im Zaum zu halten. Zu hören sind mehr oder minder interessante Wortgefechte um familiäre Probleme, die die Katastrophe weiträumig – oder besser: weitschweifig umschiffen. Man ist bereits geneigt, sich bei diesem Gang durch den Beziehungsdschungel zu langweilen oder zumindest den roten Faden zu verlieren, als die haarsträubenden Kunststücke von Verdrängung, Selbstrechtfertigung, Selbstmitleid und Projektion peu a peu durch die Hintertür ins Haus fallen.

Rodewald, Walther, Kübler, Fuchs und Amrita mimen die höchst unterschiedlichen psychischen Verfassungen ihrer Charaktere glaubwürdig, redegewandt und mit großer Leidenschaft. Vor allem am Anfang – und dafür können die Schauspieler nichts – wirkt die Handlung allerdings enorm konstruiert. Es wäre realistischer, würden die Akteure nach dem Zwischenfall allmählich aus einem Schockzustand erwachen und nicht gleich in einen fixen Disput im Sinne des Drehbuchs treten. Außerdem scheint das Auftauchen lichter Momente des Selbstzweifels und der moralischen Verantwortung zu sehr dem Primat der Dramaturgie unterworfen. Kann man wirklich bereits drei Tage nach dem Ereignis im vertrauten Kreis so tun, als sei nichts geschehen?

Davon abgesehen jedoch ist die Inszenierung ein veritables psychologisches Kammerspiel, das die erstaunlich verzwickten Verbindungen zwischen den einzelnen Bausteinen eines selbst gebastelten und selbstgefälligen Tempels der eigenen Integrität peu a peu zerlegt. Mit einem überraschenden Ende, das nicht einer gewissen Ironie entbehrt.

Siggi Seuss

Nächste Vorstellung in den Kammerspielen: 28. September, 20 Uhr. Karten unter Tel. (0 36 93) 451 222 oder -137. www.das-meininger-theater.de

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