Mellrichstadt

Mellrichstadt: Bewegender Vortrag einer Zeitzeugin über den Holocaust

Zeitzeugin Sara Atzmon überlebte Ghetto, Arbeitslager und Konzentrationslager Bergen-Belsen. Sie hielt einen Vortrag für Schüler der 9. und 10. Klassen am Martin-Pollich-Gymnasium Mellrichstadt. Zum Ende ihres Vortrags spielte Sara Atzmon auf ihrer Mundharmonika, während Ehemann Uri das Mikrofon hielt. Foto: Brigitte Gbureck

Rund 230 Schüler der 9. und 10 Klassen aller Realschulen und Gymnasien Rhön-Grabfelds füllten am Montagmorgen die Aula des Martin-Pollich-Gymnasiums. Anlass war ein Schulprojekt zum Gedenktag für die Opfer des Holocaust, zu dem Sara Atzmon als Zeitzeugin einen Vortrag hielt. Zur Begrüßung gab es das Stück "On an waggon" unter Leitung von Lehrer Urs John.

Schulleiter Robert Jäger erinnerte daran, dass vor 75 Jahren Soldaten der Roten Armee die Häftlinge und Insassen des Konzentrationslagers Auschwitz befreit hatten. Der 27. Januar wurde zum Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus und damit zum Gedenktag an die Opfer des Völkermordes an über 6 Millionen europäischen Juden. Organisiert und ausgerichtet wurde dieser Tag durch das Evangelische Bildungswerk des Diözesanbezirks in Bad Neustadt. Besonders begrüßte er Sara Atzmon aus Israel als unmittelbare Zeugin des Holocaust und als Hauptreferentin mit ihrem Ehemann Uri.

Sara Atzmon will die Botschaft "seht, wohin der Hass führen kann" verbreiten

Dekan Mattias Büttner als Vertreter des evangelischen Erwachsenenbildungswerkes dankte Lehrerin Gabriele Seelmann und Pfarrer Lutz Mertten, die diesen Projekttag angeschoben hätten. Der Name Auschwitz stehe heute für das größte Menschheitsverbrechen. Die hier Versammelten hätten keine Schuld, aber Auschwitz sei Teil der Geschichte unseres Landes. Daran zu erinnern sei notwendig, um zu sehen, wohin Hass führen kann. Als 12-Jährige habe Sara Atzmon Ghetto, Arbeitslager und Konzentrationslager Bergen-Belsen überlebt. Sie habe es sich zur Aufgabe gemacht, mit ihrer Botschaft "seht, wohin Hass führen kann" Schüler auf der ganzen Welt zu Toleranz und Mitmenschlichkeit aufzurufen.

Als Einführung wurden einige Bilder Sara Atzmons gezeigt, in denen sie der Erinnerung an die Schrecken des Holocaust bildlich Ausdruck verliehen hat. Bereits seit 30 Jahren halte sie Vorträge. "Wer hat schon einen Juden gesehen? Sind sie andere Menschen?", fragte sie. Sie wurde 1933 in einem orthodoxen Haus in Ungarn geboren und wurde in einen deutschen Kindergarten geschickt. "Jude, geh nach Palästina", hätten später ihre Mitschüler gerufen. Aber dort durften sie nicht hin. 1944 kamen sie ins Ghetto. Die Stadt wurde bombardiert. Eines Tages kam Polizei und teilte ihnen mit, dass sie in zwei Stunden weg müssten. Sie wurden zu einer Ziegelfabrik transportiert. Sie waren Teil des ersten Transports nach Auschwitz. 96 Personen in einem Waggon mit zwei kleinen Fenstern und einem Spalt an der Tür, einem Eimer Wasser zum Trinken und einem für die Toilette. Innerhalb von fünf Wochen sollten die Juden vernichtet werden. Sie waren aber nicht auf der Liste und kamen in ein Durchgangslager und dann nach Gemünd in Österreich.

Ein Film über die Befreiung von Bergen-Belsen erschütterte die Zuhörer

Nach einem weiteren Durchgangslager kamen sie nach Bergen-Belsen. Ein kurzer Film über die Befreiung von Bergen-Belsen erschütterte die Schüler. Ein halbes Jahr hätten sie sich nicht gewaschen, fuhr Atzmon fort. Durch Läuse wurden auch Krankheiten wie Typhus übertragen. Im April 1945 wurden sie durch das amerikanische Militär befreit. Die Soldaten warteten mit Kleidung und waren gut zu ihnen. Mit den Amerikanern fuhren sie durch das bombardierte Deutschland und kamen nach Buchenwald. Menschen aus Weimar hätten ihnen gesagt, dass sie nicht wussten, was dort abgelaufen sei. Da war sie zwölf Jahre alt und wog 17 kg. Von Buchenwald aus sind sie nach Frankreich gefahren. Über Marseille und Lyon kamen sie mit einem Militärschiff nach Italien und von dort im Juli 1945 nach Palästina. Sie versuchten, Hebräisch zu lernen. Sie hatte das Gefühl, sich bei Gott bedanken zu müssen, dass sie am Leben geblieben ist. 60 ihrer Verwandten hat sie verloren. Für sich könne sie vergeben, aber nicht im Namen dieser Menschen.

Sara Atzmons Schwestern in einem Waggon auf dem Weg nach Auschwitz. Foto: Brigitte Gbureck

Sie fing dann an zu malen. Ihre Hoffnung sei, dass die Schüler von der Begegnung mit ihr erzählen würden. Ihre Bilder waren in über 300 Ausstellungen zu sehen. Überall tauche die Frage auf, was die Juden so schlecht machten, dass es so einen großen Hass gibt. Hat jemand eine Antwort? Betretenes Schweigen. Auf der Mundharmonika spielte sie ein Lied, das ihr Vater von der Synagoge mit nach Hause gebracht hat: "Die Engel kommen und machen Frieden!".

Zum Abschluss sang Jasmin Dankert "Hungrik dajn kezele", begleitet von Urs John am Klavier. Ein Schlaflied. Anschließend erklang noch "Bei mir bist du schön". Ein Liebeslied, das vielen im Ghetto Theresienstadt das Leben gerettet hat.

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