BAD KÖNIGSHOFEN

Neue Heimat Grabfeld

Hauptsächlich Asylsuchende und ehemalige Aussiedler, aber auch einige Zugezogene aus Deutschland hatten die Einladung zum Willkommensfest für Neubürger in Bad Königshofen angenommen. Es fand am Mittwoch zum ersten Mal statt.
Neu im Grabfeld: Familie Alachi aus Syrien – Mutter Souzan (Zweite von links) mit den Zwillingstöchtern Marwa und Safa sowie Neffe Mohammad – hoffen auf eine bessere Zukunft hierzulande.FOTO: Regina Vossenkaul
Neu im Grabfeld: Familie Alachi aus Syrien – Mutter Souzan (Zweite von links) mit den Zwillingstöchtern Marwa und Safa sowie Neffe Mohammad – hoffen auf eine bessere Zukunft hierzulande.FOTO: Regina Vossenkaul

Woher kommen wir? An einer Weltkarte zeigen die Neubürger ihre Herkunftsländer: Syrien, Afghanistan, Kosovo, Finnland, USA, Frankreich, Russland, Ukraine, Serbien, Armenien, Kasachstan und Iran. An den Tischen liegen ausgedruckte Fragen zu Themen wie Ernährung oder Beruf, die dazu beitragen sollen, Gespräche in Gang zu bringen. Da viele der Anwesenden nur über einen begrenzten deutschen Wortschatz verfügen, geht man aber bald zu allgemeinen Gesprächen über und genießt das gesellige Beisammensein.

Unter anderem ist die syrische Flüchtlingsfamilie Alachi mit Mutter Souzan, ihren Zwillingstöchtern Safa und Marwa und deren Cousin Mohammad unter den Gästen. Die Wohnung der Familie in Damaskus wurde im Krieg zerstört, jetzt hofft sie in Europa auf eine bessere Zukunft ohne Lebensgefahr. Während die Familie per Flugzeug ausreisen konnte, hat Cousin Mohammad eine abenteuerliche und gefährliche Reise hinter sich. Mit einem kleinen Boot, das mit rund 50 Leuten überladen war, versuchte er, von der Türkei nach Griechenland zu kommen, Ziel war Deutschland, wo er seinen bereits geflüchteten Bruder in Hamburg treffen wollte. Das Boot war kaputt und so trieben die Flüchtlinge vier Stunden auf dem Meer, bevor Hilfe kam, berichtet Mohammad auf Englisch.

Über Makedonien, Serbien und Ungarn gelangte er schließlich nach Deutschland, traf seinen Bruder und fand eine vorläufige Endstation bei der Familie seiner Tante in Bad Königshofen.

Er hat klare Vorstellungen von seiner Zukunft; er möchte Innenarchitektur studieren. Auch Cousine Marwa würde gern studieren und Tierärztin werden. Eine ganz andere Richtung will ihre Schwester Safa einschlagen: sie will Konditorin lernen.

Spendable Genossen

Organisiert von Sabine Rhein-Wolf, Mitarbeiterin im Mehrgenerationenhaus im Haus St. Michael, und einem Vorbereitungsteam, soll das Fest dazu beitragen sich gegenseitig besser kennenzulernen, Verbindungen zu knüpfen und den Neubürgern das Gefühl zu geben, willkommen zu sein. Die Kosten für Getränke und Speisen hat der SPD-Ortsverein übernommen.

Nach einer kurzen Begrüßung durch Sabine Rhein-Wolf heißt Stadträtin Erika Idriss die Gäste namens der Stadt Bad Königshofen willkommen. Die fast 1275 Jahre alte Stadt beschreibt sie als freundlich und friedlich, „eine Stadt in der sich Menschen mit Zuwendung, Höflichkeit und Respekt begegnen“. Ausnahmen gebe es sicher auch. Die Stadt sei kinderfreundlich, weil hier von der Krippe über Kindergarten und Grundschule bis hin zu Mittel- und Realschule oder Gymnasium alles vorhanden sei, und Kinder bis ins Jugend- und Erwachsenenalter hinein betreut würden und später eine Ausbildungsmöglichkeit finden könnten.

Seit 25 Jahren gehören Asylsuchende, die überwiegend im ehemaligen Melanchthonheim wohnen, wie selbstverständlich zum Stadtbild. Auch sie selbst sei vor 30 Jahren neu hergezogen; inzwischen seien die Stadt und die Umgebung zu ihrer Heimat geworden. Das wünschte sie auch allen, die dort bleiben, so Idriss.

Während einige der Befragten gern in Bad Königshofen und Umgebung bleiben wollen, zieht es andere weiter, wie Massuma Jafari, die gern nach Frankfurt will. Eine große Stadt sei besser, „wegen der Arbeit“, meint sie. Andere Teilnehmer sind schon sesshaft geworden, wie einige ehemalige Aussiedler aus Russland oder etwa Saila Grav, die aus Finnland stammt und einen Apotheker aus Bad Königshofen geheiratet hat.

Jeder der Gäste des Willkommensfestes hat eine ganz besondere Geschichte zu erzählen, aber die Asylsuchenden sind es nicht gewohnt, ihr Schicksal öffentlich zu machen und sind entsprechend zurückhaltend. Viele von ihnen haben Gewalt und Willkür erfahren und kein Vertrauen mehr zu ihren Mitmenschen. Da noch zwei Tage des Fastenmonats Ramadan für alle Muslime unter den Gästen bevorstehen, können sie vor halb neun am Abend nicht von den gebackenen Köstlichkeiten am Buffet kosten; deshalb dürfen sie sich etwas einpacken.

Schön, dass es eine Veranstaltung dieser Art gibt – so oder so ähnlich lautet das Fazit von mehreren Befragten am Ende des Festes. Verbesserungsvorschläge wird es sicher geben, aber insgesamt können die Organisatoren mit der Resonanz zufrieden sein. Im nächsten Jahr soll das Willkommensfest wieder stattfinden.

(huGO-ID: 29117578) Woher stammen die Gäste des Willkommensfestes? Lisas Mutter stammt aus Finnland, wie sie auf der Karte zeigt. FOTO Vossenkaul
(huGO-ID: 29117578) Woher stammen die Gäste des Willkommensfestes? Lisas Mutter stammt aus Finnland, wie sie auf der Karte zeigt. FOTO Vossenkaul

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