Bad Neustadt

Nur Gott braucht keine soziale Distanz

Beten kann man auch allein. In Zeiten von Corona gilt es, die sozialen Kontakte einzuschränken.
Beten kann man auch allein. In Zeiten von Corona gilt es, die sozialen Kontakte einzuschränken. Foto: Fabian Strauch/dpa

Unsere Sprache verrät uns, wenn wir über unser Verhalten in Krisen sprechen: Da reden wir von "enger zusammenrücken", uns "gegenseitig den Rücken stärken" und "zusammenhalten". Eigentlich alles Ausdrücke von körperlicher Nähe, nach der man sich in angstbesetzten Zeiten sehnt. Und auch für Gläubige ist der erste Impuls in Krisen, sich zu treffen, um gemeinsam zu beten, möglichst noch mit gefassten Händen. Warum sonst hätten sich in schweren Zeiten immer als erstes die Kirchen gefüllt?

Dass dies alles jetzt nicht mehr gelten, ja sogar gefährlich und kontraproduktiv sein soll, geht absolut gegen unseren ersten Impuls und gegen unser innerstes Gefühl. So sehr, dass manche Gläubige sogar von mangelndem Glauben oder gar Abfall vom Glauben sprechen. Aber da kann ich nur mit den Worten des Predigers Kohelet aus dem Alten Testament antworten: "Es gibt eine Zeit zum Umarmen und eine Zeit, die Umarmung zu lösen" (Koh 3,5). Glaube findet immer auf der Höhe der Zeit statt und nie außerhalb von ihr. Wir befinden uns noch nicht in der Ewigkeit und können deshalb auch nicht einfach über der Zeit schweben, als hätten wir an ihr keinen Anteil.

Und unsere Zeit sagt uns gerade: "Löse die Umarmung!" Nicht die geistliche, nicht die seelische, aber die körperliche. Das ändert nichts daran, dass der Einzelne Teil des großen Ganzen ist. Paulus würde sagen: "Teil des Leibes Christi. Dass du derzeit die Gemeinschaft nicht siehst, ändert nichts daran, dass du Teil dieser Gemeinschaft bleibst." Gerade jetzt sind wir gefragt, ob unser Glaube nur von schönen Gefühlen gemeinsamer Feiern und Gebetskreisen abhängt, oder ob wir zum Beispiel das Gebet auch dann durchhalten, wenn wir zu Hause alleine sind.

Gott ist derzeit der Einzige, der keine soziale Distanz braucht. Und die hält er auch nicht, zu keinem von uns, auch wenn die Kirchen leer sind. Vielleicht merken wir nun auch wieder, wie achtlos wir oft mit dem Geschenk umgegangen sind, uns ohne Einschränkungen als Christen treffen zu dürfen. Ich bin echt gespannt, wer sich daran noch erinnert, wenn die Krise vorbei ist. Bis dahin: Bleiben wir bitte Betende und Glaubende - auch ohne Umarmung.

Christian Klug

Pastoralreferent Hohenroth/NES

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