BAD NEUSTADT

Preh: Von der Rhön aus wird international agiert

Yun Chen ist China-Koordinator im Vertrieb bei Preh und einer von vielen ausländischen Mitarbeitern am Standort Bad Neustadt. Foto: Ines Renninger

Seine chinesische Geburtsstadt mit zwei Millionen Einwohnern hatte Yun Chen immer für eine Kleinstadt gehalten. Verglichen mit der 24 Millionen-Einwohner-Metropole Shanghai, in der Chen studierte, ist sie wohl auch beschaulich. Als der heute 34-Jährige vor fünf Jahren zu Preh nach Bad Neustadt kam, musste er den Begriff Kleinstadt noch einmal völlig neu denken. Doch auch von der unterfränkischen Provinz aus wird international agiert, dafür sind Chen selbst und sein Unternehmen Preh das beste Beispiel.

Yun Chen ist nur einer von 70 ausländischen Mitarbeitern

Yun Chen ist nur einer von rund 70 ausländischen Mitarbeitern am Stammsitz der weltweit tätigen Unternehmensgruppe in Bad Neustadt. 3,5 Prozent der 1800 Preh-Mitarbeiter vor Ort haben laut Unternehmensangaben nicht die deutsche Staatsangehörigkeit, darunter seit dem Joint Venture und der anschließenden Übernahme durch die chinesische Joyson-Gruppe in den Jahren 2011/2012 natürlich viele Chinesen.

International unterwegs war das 1919 gegründete Unternehmen aber schon viel früher. Bereits 1970 wurde mit der Electromecanica Portuguesa eine erste ausländische Produktionsstätte im portugiesischen Trofa gegründet. Damals war Preh nicht wie heute reiner Automobilzulieferer, gefertigt wurden vielmehr elektromechanische Bauelemente für Rundfunk- und Fernsehgeräte.

In den folgenden Jahrzehnten kamen Standorte in Rumänien, Mexiko, den USA und schließlich China hinzu und die Belegschaft, auch am Stammsitz, wurde immer bunter und internationaler. „Mittlerweile gibt es in fast jeder Abteilung mindestens einen ausländischen Mitarbeiter, darunter beispielsweise auch Inder“, erzählt Chen.

Eigentlich kam er nur zum Studium nach Deutschland

Zufall sei es gewesen, dass er selbst nach Bad Neustadt kam. In Deutschland wollte Yun Chen eigentlich nur eine zweite Fremdsprache erlernen, letztlich nahm er in Münster aber ein zweites Studium auf, da sein chinesischer Abschluss auf dem deutschen Markt nicht anerkannt wurde. Ein Praktikum im Marketing-Bereich führte ihn zu Preh. Sein BWL-Studium in Münster hat er mittlerweile längst abgeschlossen, bei Preh Bad Neustadt arbeitet er noch immer, inzwischen als China-Koordinator im Vertrieb des internationalen Konzerns.

Voraussetzung für das reibungslose weltweite Operieren ist natürlich auch bei Preh die Digitalisierung. Dass Yun Chen beispielsweise von Bad Neustadt aus die Kommunikation zwischen chinesischen Kunden, chinesischen Vertriebsleuten und der Bad Neustädter Entwicklungsabteilung steuern und optimieren kann, verdankt er vielen kleinen technischen Hilfsmitteln.

Zu nennen wäre da beispielsweise für den direkten Austausch auf kurzem Wege mit den Kollegen weltweit eine Chatfunktion, mit deren Hilfe eins zu eins, aber auch mit mehreren online kommuniziert werden kann. Auch die Möglichkeit der Bildschirmübertragung während Meetings und Telefonaten, über die verschiedene Gesprächspartner an unterschiedlichen Rechnern zur gleichen Zeit die gleichen Bilder sehen können, erleichtert vieles. Darüber hinaus können alle Prehler weltweit auf ein gemeinsames Laufwerk zugreifen.

Digitalisierung kann den persönlichen Kontakt nicht ersetzen

Auch wenn die Digitalisierung vieles erleichtert, den persönlichen Kontakt komplett ersetzen kann sie nicht. „Für manche Dinge muss man sich einfach in die Augen sehen“, sagt Chen. Geht es bei Aufträgen in die Finalrunde, stehe man dem Kunden gerne „face to face“ gegenüber. Wie 1970 steige man dann auch heute noch klassisch ins Flugzeug.

In einem weiteren Bereich sei der persönliche Kontakt sogar unerlässlich: bei der Übersetzung der kulturellen Gepflogenheiten. Als chinesischer Mitarbeiter in Rhön-Grabfeld kennt Chen die Unterschiede beider Kulturkreise. Wodurch er als ausländischer Mitarbeiter für das Unternehmen nicht nur bereichernd, sondern unverzichtbar wird.

In den Augen der Chinesen seien die Deutschen beispielsweise sehr direkt. Für die Deutschen mag es den Anschein haben, der Chinese komme nicht auf den Punkt, berichtet Chen. „Für einen Chinesen ist es beispielsweise unhöflich „nein“ zu sagen. Er drückt seine Ablehnung auf andere Art und Weise aus“, berichtet er aus seiner Erfahrung.

Ein weiteres Beispiel für die kulturellen Unterschiede: Komme eine Anfrage aus Deutschland, spezifiziere der Kunde ganz genau seine Wünsche. „Der Chinese hingegen bleibt vage. Sein Anspruch ist: Zeigt mir, was ihr habt, bietet an, was ihr könnt.“ Aus dieser unterschiedlichen Herangehensweise entstünde dann häufig der Eindruck, die Deutschen planten alles voraus, die Chinesen seien spontaner.

Die kulturellen Unterschiede erklären

Es sind diese Feinheiten, die Chen und seine Kollegen in ihrer alltäglichen Arbeit berücksichtigen. Lingua franca bei Preh ist übrigens Englisch. Im direkten Gespräch mit chinesischen Kollegen auch mal Chinesisch, in der Abteilung in Bad Neustadt natürlich Deutsch.

Die im Sommer siebenstündige Zeitverschiebung mache keine Probleme. „Da bleiben für Absprachen immer vier bis fünf Stunden gemeinsame Arbeitszeit.“ Nur rund um das chinesische Neujahrsfest werde es schwierig. Anlässlich dieses wichtigen chinesischen Feiertags steht China zwei Wochen lang quasi still. Das wissen auch die Prehler in Bad Neustadt mittlerweile. Auch Yun Chen in Rhön-Grabfeld nimmt deshalb in dieser Zeit meist Urlaub.

Der 34-Jährige ist glücklich in Bad Neustadt. „Ich fühle mich hier einfach wohl“, sagt Chen über die Saalestadt. „Hier gibt es alles, was man braucht und darüber hinaus sehr viel Ruhe.“ In seiner Freizeit trifft er sich gelegentlich mit den anderen ausländischen Prehlern, beispielsweise zu Grillabenden.

Als besonderen Luxus empfindet er es gleich gegenüber seinem Arbeitgebers wohnen zu können. Kein lästiges Pendeln, stattdessen „Zeit für sich“ zu haben. In Deutschland und Bad Neustadt habe er sich Kindheitsträume erfüllen können: Hier lernte er Klavier spielen, Inlineskaten sowie in der Rhön Snowboard und Skifahren.

Das Einzige, was Yun Chen wirklich fehlt, ist das chinesische Essen. Da könnten auch die chinesischen Wochen in der Preh-Kantine – und Chen schätzt die Kantine wirklich – keinen adäquaten Ersatz bieten.

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