EUSSENHAUSEN

Protest gegen Residenzpflicht: Wunde Füße für die Freiheit

Auf ihrem Weg durch den Nieselregen der fränkischen Rhön sind sie von einer Gruppe Wanderer kaum zu unterscheiden. Sie, das sind 20 Flüchtlinge verschiedener Nationen, die mit Helfern und Unterstützern in 30 Tagen die Bundeshauptstadt erreichen wollen. Am Samstag haben sie sich in Würzburg auf den Weg gemacht, vier Tage später passiert der Zug Mellrichstadt, die letzte Stadt vor der bayerischen Landesgrenze.
Protestmarsch: Nach vier Tagen erreichten die Flüchtlinge auf ihrem Weg von Würzburg nach Berlin die bayerische Landesgrenze. Trotz Dauerregens schlugen sie auf der Schanz ihr Zeltlager auf. Foto: Susanne Popp
„Es ist anstrengend, aber damit haben wir gerechnet“, sagt Mohammad Hassanzadeh Kalali. Mit bunten Regencapes versuchen er und die anderen Flüchtlinge, sich gegen Regen, Wind und Kälte zu schützen. Stehen bleiben wollen sie nicht, den wenigen Passanten wird schnell ein Flyer entgegengestreckt. Darauf sind noch einmal die wichtigsten Forderungen der Asylbewerber zusammengefasst: die Abschaffung von Sammelunterkünften und vorgegebenen Essenspaketen, eine schnelle Bearbeitung ihrer Asylanträge und die Abschaffung der Residenzpflicht.

Am Fuße der katholischen Pfarrkirche St. Kilian vorbei geht es schweigend durch den Ort. „Wir zeigen unseren Protest mit jedem einzelnen Schritt. Da brauchen wir nicht rufen“, sagt der Iraner Houmer Hedayatzadeh. Manchmal tragen sie dennoch Transparente, die schon beim Auftakt in Würzburg gezeigt wurden. Damit verstoßen die mittlerweile 20 Flüchtlinge aus dem Iran, Irak, Afghanistan und der Türkei sowie ihre Unterstützer unter Umständen gegen das Versammlungsrecht, denn entsprechende Aktionen müssen nach Angaben der Polizei genehmigt werden. Folglich läuft gegen einen Unterstützer in Schweinfurt bereits ein Verfahren wegen Verstoßes gegen das Versammlungsrecht.

In Mellrichstadt wandert die Gruppe fast unbeachtet durch die Bauerngasse. Kurz vor dem Ortsende passieren die Flüchtlinge die Polizeistation. Zwar stehen deutlich mehr Streifenwagen als sonst vor dem Gebäude, Beamten nähern sich den Flüchtlingen jedoch nicht. „Die kennen uns und unsere Forderungen doch ohnehin“, sagt Hedayatzadeh.

Knapp sechs Kilometer hinter der Stadt endet die erste große Etappe des Marsches am frühen Abend. Von Eußenhausen aus eskortieren zwei Polizeifahrzeuge die Gruppe. Sie sorgen schlicht für die Sicherheit der Flüchtlinge auf dem Weg die Bundesstraße die Schanz hinauf. Konflikte gibt es keine, bereits vorab hatte die Pressestelle des Polizeipräsidiums Unterfrankens erklärte, man werde die Gruppe „nicht daran hindern“, die Landesgrenze zu Thüringen zu passieren.

Am ehemaligen Grenzübergang kommt Euphorie bei den Flüchtlingen auf: Fast 100 Kilometer sind geschafft. Trotz unwirtlichen 13 Grad klettern sie auf die alten Grenzposten, singen und posieren mit Plakaten. Der 23-jährige Turay schwenkt seine gelbe Fahne stolz über den Köpfen der Flüchtlinge. Darauf steht in mehreren Sprachen das Wort „Freiheit“. Das Überschreiten der Grenze stellt an diesem Abend für alle Flüchtlinge ein Verletzen ihrer Residenzpflicht dar. Bewusst haben sie für das Nachtlager den Platz inmitten des ehemaligen Grenzstreifens zwischen DDR und BRD gewählt. Der Ort sei ein Symbol dafür, „dass diese Grenze, so wie alle Grenzen, für uns keine Rolle spielen kann und darf“, heißt es in einer Erklärung des Koordinationskomitees des Marsches. Zumindest an diesem Abend scheint das Konzept aufzugehen: Die Polizeiinspektion aus Schmalkalden-Meiningen ermahnt einzig, die Naturschutzvorschriften auf der Höhe zu beachten. Ansonsten gibt man sich entspannt, „die Flüchtlinge kriegen hier von unserer Seite keine Schwierigkeiten“, sagt Peter Schlage von der Polizeiinspektion.

Erleichtert, vor allem aber erschöpft, müde und hungrig werden die Flüchtlinge von den bereits im Auto vorausgefahrenen Helfern am Grenzmuseum empfangen. Zelte werden unter der Goldenen Brücke aufgebaut, auf Bierbänken Essen und Trinken bereitgestellt. Eine Schachtel mit britischen Pralinen wird herumgereicht, wunde Füße massiert und Gelenke verbunden. In der Ecke verspricht ein Berg Schlafsäcke zumindest einen leichten Schutz gegen die Kälte und ein bisschen nächtliche Erholung. Denn früh am nächsten Morgen soll es weitergehen: Mit einer großen Demonstration auf dem historischen Boden wollen die Flüchtlinge die nächste Etappe ihres Marsches in Thüringen starten.

Mit Informationen von epd

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