Haselbach

Rainer Eppelmanns Deal mit den NVA-Zelten fürs Missio-Camp

Das sind die ehemaligen NVA-Zelte, die heute noch im Missio-Camp Jahr für Jahr genutzt werden. Rainer Eppelmann und Fritz Schroth erinnern sich gerne an diesen "Deal". Foto: Marion Eckert

Dass die Zelte, die beim Missio-Camp für die Übernachtungen zur Verfügung stehen, aus dem  Bestand der Nationalen Volksarmee (NVA) der DDR stammen, erzählt Missio-Camp-Gründer Fritz Schroth immer wieder gerne.  Im Sommer 1990, als bekannt wurde, dass die Armee der DDR aufgelöst werde, habe er an den damaligen  Minister für Abrüstung und Verteidigung der DDR, Rainer Eppelmann, geschrieben und ihn um Zelte aus dem Armeebestand für das Missio-Camp gebeten.

Wahre Abrüstung

Rainer Eppelmann kann sich an dieses Schreiben noch sehr gut erinnern. "Ich ging davon aus, dass es die NVA in spätestens zwei Jahren nicht mehr geben wird. Da flatterte der Brief von Fritz auf meinen Schreibtisch. Mir gefiel der Gedanke, dass die Zelte, die für Offiziere und Soldaten da waren, nun von jungen Leuten genutzt werden, die Gott loben. Das ist doch wahre Abrüstung."  Eppelmann entschied kurzerhand: "Der soll seine Zelte kriegen. Damals kannte ich Fritz Schroth ja noch gar nicht. Er kriegte die Zelte und sie stehen heute noch beim Missio-Camp."

Seither sind Rainer Eppelmann und Fritz Schroth befreundet und Eppelmann konnte zum diesjährigem Missio-Camp als Gastredner begrüßt werden. Schroth und Eppelmann ging es darum, den "Nachgeborenen" die Geschichte der DDR und des Mauerfalls zu erzählen. "Die Deutsche Einheit ist ein Geschenk und Rainer Eppelmann ist ein Zeitzeuge. Zeitzeugen muss man befragen", erklärte Schroth. "Es ist wichtig, dass Geschichte nicht vergessen wird. Sich der Geschichte zu erinnern ist dazu da, sie nicht wiederholen zu müssen."

Vier Mordanschläge

Eppelmann, geboren 1943, ist Pfarrer, DDR-Bürgerrechtler, ehemaliger Minister für Abrüstung und Verteidigung der DDR und ehemaliger Bundestagsabgeordneter. Heute ist er ehrenamtlicher Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Als junger Mensch weigerte er sich in die Freie Deutsche Jugend einzutreten, so dass ihm das Abitur verwehrt wurde. 1966 verweigerte er den Dienst an der Waffe in der NVA sowie die Ablegung des Fahneneides und wurde daraufhin zu acht Monaten Gefängnis verurteilt. Wie er später erfuhr, hatte die Stasi in den 1980er Jahren seine Ermordung geplant. Er galt als Staatsfeind, vier Anschläge seien fehlgeschlagen. Eppelmann war Gründungsmitglied der Partei "Demokratischer Aufbruch" in der DDR, die später dann mit der CDU fusionierte und gehörte 1990 als Minister für Abrüstung und Verteidigung der letzten DDR-Regierung an.

Rainer Eppelmann nahm seine Zuhörer mit auf einen spannenden und faszinierenden Abriss über Entstehung, Entwicklung und Ende der DDR. Angefangen bei den Schubladenplänen, die Stalin und Ulbricht bereits 1944 geschmiedet hatten, über den Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953 und dessen blutige Zerschlagung. Was folgte war eine massenhafte Republikflucht, der das Regime nur durch den Bau einer Mauer zu begegnen wusste, 17 Millionen Bürger wurden eingesperrt. Und schließlich die Friedensbewegung, an der Eppelmann beteiligt war und die unter anderem schließlich zu den Montagsdemonstrationen und zum Fall der Mauer am 9. November 1989 führte.

Sich der Geschichte erinnern, um sie nicht noch einmal erleben zu müssen. Fritz Schroth (links) hatte Rainer Eppelmann, den Minister für Abrüstung und Verteidigung in der letzten DDR-Regierung, ins Missio-Camp eingeladen. Foto: Marion Eckert

Auch wenn die DDR längst Geschichte ist, sei die Frage nach Demokratie oder Diktatur zu allen Zeiten relevant. Für Eppelmann ist es die "Schicksalsfrage der Deutschen", die zentrale Frage im Lebens eines Menschen. So zog sich die Frage: "Diktatur oder Demokratie?" wie ein roter Faden durch den einstündigen Vortrag, den er anhand persönlicher Beispiele eindrucksvoll bereicherte.  "Mit dem Arsch an der Wand, die Schnauze halten und nicht auffallen", sei die Devise für viele Menschen gewesen.  "Die Eingesperrten wurden zu Flüsterern. Nur nicht sagen, was man wirklich denkt", beschrieb Eppelmann die Heuchelei. Selbstbewusstsein, selbstbestimmtes Leben, Realisierung von eigenen Plänen und Wünschen gab es nicht. "Du musstest das möglichst wortgetreu wiedergeben, was die Partei vorgab, dann konntest du Karriere machen."

Vom Verweigerer zum Minister

Beinahe schon kurios entwickelte sich die Karriere des ehemaligen NVA- und Fahneneidsverweigerers, der schließlich zum obersten Befehlshaber der DDR-Armee aufstieg, diese auflöste und den Ausstieg der DDR aus dem Warschauer Pakt unterzeichnete.

In der anschließenden Fragerunde wurde Eppelmann gefragt, wie er sich erkläre, dass die Menschen, die in der DDR-Diktatur groß geworden sind, mit der Demokratie nun so offensichtlich unzufrieden seien. Eppelmann versuchte sich an einer einfachen Antwort auf einen komplexen Zusammenhang. Noch heute seien viele Menschen im Osten Deutschlands auf der Suche nach ihrer Identität, die durch die Einheit komplett verändert wurde. "Wir waren eingesperrt und haben darunter gelitten, jetzt haben wir so viele Freiheiten auf einmal und es gibt so viel Fremdes", beschriebe er Unsicherheiten, die auch nach 30 Jahre noch da seien und er gab zu Bedenken: "Wir haben 40 Jahre weniger Demokratieerfahrung als der Westen."

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