Oberelsbach

Rhöner Herdenhalter fordern Unterstützung beim Wolfsschutz

Beim Rhöner Weidetag in Oberelsbach stand der Wolf im Mittelpunkt. Aber es gab noch ein weiteres Thema, das die Tierhalter beschäftigte.
Wer ist neugieriger? Beim Rhöner Weidetag stand neben dem Thema Wolf auch die Rinderbeweidung auf der Weisbacher Mittelhut im Blickpunkt der Teilnehmer. Foto: Thomas Pfeuffer

Seit sich eine Wölfin in der Region niedergelassen hat, stehen Rhöner Weidetierhalter vor der Frage, wie sie ihre Herden schützen sollen. Umsetzen müssen sie ihre Schutzvorkehrungen derzeit jedoch in Eigeninitiative. Vom Freistaat Bayern fühlen sie sich nämlich im Stich gelassen.  Das wurde beim Rhöner Weidetag in Oberelsbach, zu dem der Landschaftspflegeverband Rhön-Grabfeld und die Interessengemeinschaft Oberelsbach (IGO) eingeladen hatten, deutlich.

Welche Tiere werden künftig auf den Hochlagen der Rhön weiden? Diese Frage stellte sich bei der Veranstaltung gleich in zweifacher Hinsicht. Den einen Schwerpunkt des mit knapp 70 Teilnehmern sehr gut besuchten Weidetags bildete natürlich das Thema Wolf und das mit dessen Erscheinen immer wieder befürchtete Ende der Weidewirtschaft in der Rhön. Daneben sorgte ein zweites Thema, das allerdings im Widerspruch zum Ende der Weidewirtschaft steht, für engagierte Diskussionen: Die Konkurrenz zwischen Schaf- und Rinderhaltern um die dank hoher Förderung begehrten Weideflächen in den Naturschutzgebieten.

Unterhaltsame Rededuelle

In Fachreferaten und bei einer Exkursion zu den Weiden des Rinderbetriebs Hartmann aus Weisbach und der Weidegemeinschaft Rhönschaf aus Ginolfs auf der Weisbacher Mittelhut lieferten sich Siegfried Steinberger von der Landesanstalt für Landwirtschaft für die Rinderhaltung (Freising) und Wolfgang Thomann vom Fachzentrum Kleintierhaltung beim Amt für Landwirtschaft aus Kitzingen als Lobbyist für die Schäfer ebenso eindrucksvolle wie unterhaltsame Rededuelle über die jeweilige Beweidungsart. 

So gut kann Kuhdung riechen! Siegfried Steinberger stellte die Vorteile eines Weidemanagement-Systems für Rinder vor. Organisatorin Susanne Wüst (rechts) freute sich offensichtlich über die rege Diskussion.  Foto: Thomas Pfeuffer

Natürlich war aber der Wolf und der Umgang mit dem Raubtier Grund für die hohe Teilnehmerzahl, über die sich Susanne Wüst vom Landschaftspflegeverband hoch zufrieden zeigte. Sie hatte den tagesfüllenden Termin mit Claudia Hartmann und Josef Kolb von IGO organisiert. Doch bei aller Emotionalität dieses Themas blieb die Diskussion weitgehend sachlich. "Ihr Rhöner seid zu beneiden. Bei uns wären da die Stühle geflogen", brachte es ein Teilnehmer aus dem südbayerischen Raum am Ende auf den Punkt.

"Ich habe getan, was ich kann. Wenn das nicht reicht, mache ich zu."
Norbert Böhmer Von Wolfsrissen betroffener Herdenhalter

Dass die Situation ebenso aufgeladen wie kompliziert ist, das Problem aber nüchtern und sachlich angegangen werden muss, machten schon Landrat Thomas Habermann und Oberelsbachs Bürgermeisterin Birgit Erb bei ihren Begrüßung deutlich. Habermann verwies auf die unterschiedlichen Interessen von Weidetierhaltern, Jägern und Naturschützern und den Spagat zwischen Wildtierschutz und Erhalt der Wiesenlandschaft durch Weidetiere. Dieser Spagat müsse nun geschafft werden.

Dass die Diskussion tatsächlich sachlich blieb, dafür sorgten maßgeblich die Referenten. Bernd Blümlein vom Deutschen Verband für Landschaftspflege, der angesichts zahlreicher selbsternannter Wolfsexperten keinesfalls als solcher bezeichnet werden wollte, hatte sich zur Aufgabe gesetzt, Daten und Fakten zum Thema Wolf vor- und einige der vielen Fake News als solche darzustellen. Norbert Böhner aus der Oberpfalz beschrieb aus der Praxis, wie er als seit Jahren vom Wolf betroffener Weiderinderhalter mit dem Problem umgeht.

Alle Tierhalter sind gefordert

Blümlein machte nachdrücklich deutlich, dass der Wolf wieder da ist. Die Tiere bewegen sich über derart große Entfernungen, dass jeder Punkt in Deutschland sehr schnell erreicht werden kann. Darauf müssten sich die Weidetierhalter einstellen, damit sie nicht als Verlierer aus dieser Situation hervorgehen. Schließlich seien sie wichtige Partner im Naturschutz und bei der Landespflege. Besonders kritisch sei die Phase, in der sich  der Wolf in einer Region etabliere, wie das derzeit in der Rhön geschehe. Hier seien alle gefordert, den Wolf nicht mit irgendwelchem "Fast-Food" wie ortsnah abgelegten toten Tiere oder ungeschützt angepfockten Ziegen anzulocken. Alle müssten in der Rhön zusammenarbeiten, damit der Wolf lerne, dass Weidetiere keine attraktive Nahrung sind.

Wolfgang Thomann (Mitte) ist bei Schafhaltern in Unterfranken eine Institution. Er ging auch beim Weidetag in Oberelsbach keiner Diskussion aus dem Weg. Foto: Thomas Pfeuffer

Die Tierhalter müssten den Umgang mit dem Wolf lernen und Erfahrungen sammeln. Dabei sei die Prävention entscheidend. Allerdings bedeuten Zäune und Herdenschutzhunde nicht nur einiges an Mehrarbeit, sondern auch enorme Kosten, wie auch Norbert Böhmer bestätigen konnte. Und, auch da waren sich die Referenten einig, "einen hunderprozentigen Schutz gibt es nicht!" Die Weidetierhalter benötigen daher dringend Informationen, Rechtssicherheit und klar geregelte Förderungen. Kosten für Zäune, Herdenschutzhunde oder auch Risse müsste das Land übernehmen. Trotz aller sonstiger Meinungsverschiedenheiten mit den Tierhaltern unterstützten auch die Vertreter von Bund Naturschutz dieser Forderung nachdrücklich.  Auch Norbert Böhner, dessen Herde sich dank Schutzhunden und Zäunen nach einigen Wolfsrissen wieder normal entwickelt, wies auf die begrenzten Möglichkeiten der Herdenhalter und die Bedeutung der Förderung hin.

Halter alleinegelassen

Als erster Ansprechpartner wurde hier der Freistaat genannt und kritisiert. Obwohl seit Jahren klar sei, dass der Wolf heimisch werde, gebe es in Bayern keine Förderrichtlinien. Entgegen anders lautenden Verlautbarungen habe die EU den Weg dazu frei gemacht. Es liege jetzt an Bayern, die Herdenschutzrichtlinie in Kraft zu setzen. Die Halter würden alleine gelassen, kritisierte Bernd Blümlein. "Große Sprüche, aber es passiert nichts", Bayern müsse jetzt seine Hausaufgaben machen. Dazu komme, dass Wolfsrisse für die Halter nicht nur finanziell, sondern auch emotional eine Katastrophe seien.

"Große Sprüche, aber es passiert nichts"
Bernd Blümlein, Deutscher Verband für Landschaftspflege über die bayerische Politik

Dass das Thema Wolf den Haltern tatsächlich emotional an die Substanz geht, machte Claudia Hartmann in einem eindrucksvollen Statement deutlich. Für die Weisbacher Biobäuerin, die mit ihrem Mann Horst eine Rinderherde hält, geht es da schlicht um eine Zukunft für die Weidetierhaltung.  Was passiert, wenn ein Herdenschutzhund einen Wanderer oder Mountainbiker angeht, der sich der Herde nähert? Wer trägt die Folgen, wenn ein Wolf eine Rinderherde zersprengt und die Tiere Unfälle verursachen?, forderte sie nachdrücklich Rechtssicherheit. Und: Dass die Politik solche Themen jetzt ernsthaft angeht.

Um die nötige Distanz zwischen Wanderern und von Hunden geschützten Herden herzustellen, seien neben dem Land zum Beispiel die Kommunen bei der Verlegung der Wege ebenso gefordert, wie Naturschutzbehörden bei der  Genehmigung für vergrößerte Nachtpferche, erklärte Blümlein. Zudem müsse das Amt für Landwirtschaft umfassende Beratungen anbieten. 

Verlorene Zeit

Dass beim Thema Wolf aber auch Teile der Rhöner Weidetierhalter "geschlafen" haben, machte Wolfgang Thomann vom Kitzinger Fachzentrum Kleintierhaltung in seiner ebenso originellen wie direkten Art deutlich. Jahrelang habe er bei allen möglichen Gelegenheiten darauf hingewiesen, sich auf den Wolf vorzubereiten und sei sogar verlacht worden. Auch da sei viel Zeit verloren worden.

Auch wenn es unter den Tagungsteilnehmern die völlig konträre Meinung zu hören gab, sahen die Experten im Abschuss der Wölfe keine Lösung. Das sei rechtlich und praktisch höchst kompliziert. Zumal sehr schnell Wölfe nachrücken würden. Über Jahre sei hier eine Diskussion geführt worden, die nur Zeit gekostet habe. Nun laufe wieder eine Weidesaison, ohne dass die Halter entsprechend gefördert werden.

Eine Augenweide für die Teilnehmer des Weidetages war die Rhönschafherde mit Schäfer Julian Schulz.  Foto: Thomas Pfeuffer

"Wir dürfen das Thema weder verharmlosen noch in Panik verfallen", fasste Rhönschäfer Josef Kolb das Thema ganz pragmatisch zusammen und forderte seine Kollegen auf, die Hausaufgaben zu machen und sich mit der Situation zu arrangieren. Jetzt sei Prävention gefordert, auf irgendwelche Verordnungen oder Förderungen könne man da nicht warten. "Es geht im Moment nicht anders", so Kolb.

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