Bischofsheim

Rückkehr in die heile Welt Kindheit in der Villa Osterburg

Die alte Villa Osterburg zwischen 1910 oder 1920. Wer die Kinder auf dem Archivfoto sind, ist nicht bekannt. Foto: Archiv Hauswirtschaftsschule

Es war ein Wiedersehen der besonderen Art: "Ja das ist der grüne Kachelofen, so habe ich ihn in Erinnerung." Liebevoll streichelt Maja Bock über die glänzenden Kacheln. Viele Erinnerungen verbindet die rüstige Dame mit dem altehrwürdigen Gebäude der Bischofsheimer Hauswirtschaftsschule. Lange bevor es zur Hauswirtschaftsschule wurde, verbrachte sie in den Villa Osterburg, oder Fichtelvilla, wie das Gebäude viele Jahrzehnte liebevoll im Volksmund genannt wurde, ihre Kindheit.

Zum 86. Geburtstag haben ihr Neffe Jens und seine Frau ihr ein ganz besonders Geschenk gemacht. Sie haben Kontakt mit Schulleiterin Doris Hartan-Khan auf genommen, die sofort zusagte und die Räume der Schule für diese besondere Besichtigung öffnete.

Sommerfrische auf dem Land

Maja Bock ist eine Nachfahrin der ehemaligen Eigentümer der Fichtelvilla.  Ihre Großmutter ist eine geborene Fichtel und war allgemein als Frau Kommerzienrat Fichtel bekannt. Die Fichtelvilla wurde von der Schweinfurter Industriellenfamilie (Fichtel und Sachs) 1919 erworben und zum Familienlandsitz umgebaut. Damals war es bei der besseren Gesellschaft en vogue in die Sommerfrische zu fahren, die Ferien auf dem Land zu verbringen, fernab von Straßenlärm und Industrie.  Die Villa Osterburg war 1886 erbaut worden.

Zu Beginn des zweiten Weltkriegs kam es Familie Fichtel entgegen, in der Rhön ein sicheres Domzil zu haben, weit ab von Bombardierungen und Hunger. So kam Maja Bock als sechsjähriges Mädchen mit ihrem älteren Bruder und ihrer Mutter sowie Tanten, Cousins und Cousinen nach Bischofsheim. Auf dem Familienlandsitz waren die Frauen und Kinder sicher. "Mein Vater war Arzt, er blieb in Schweinfurt bei seinen Patienten. Wir sahen in nur am Wochenende."

Paradies für Kinder

Die 86jährige hat viele höchst lebendige Erinnerungen an diese Zeit in Bischofsheim. Die noble und doch rustikale Fichtelvilla war ein wahres Paradies für die Kinder der Familie. Von Hühnern und Gänsen, Igel und nächtlichen Ausflügen auf dem Gelände schwärmt sie noch heute. "Ich hatte ein Zwerghuhn", erinnert sie sich. Auf der Veranda habe sie mit ihrem Bruder geschlafen, denn gut 20 Personen waren zu Kriegszeiten in der Fichtelvilla untergebracht.

Auch an das Esszimmer und Wohnzimmer, den heutigen Speisesaal der Schule kann sie gut erinnern. Die Möblierung sei teilweise geblieben, so auch der große Geschirrschrank im Speisesaal.  Und hier steht noch immer der grüne Kachelofen, der wie ein Herz den Mittelpunkt des Gebäudes bildet. "In der Kachelofenecke wurde früher immer Karten gespielt." Bei der großen Sanierung vor einigen Jahren wurde der Kachelofen erhalten, ist heute aber nicht mehr in Funktion.

Kriegsende im Keller

Natürlich wurde in der Fichtelvilla mit der großen Familie auch Weihnachten gefeiert. Maja Bock kann sich noch entsinnen, wie einer der jungen Burschen mit dem prächtigen Weihnachtsbaum umfiel. "Ihre Kindheitsgeschichten erinnern an ein freies und wildes Leben, ähnlich wie die Geschichten von Astrid Lindgren", erfreuen sich ihr Neffe und seine Frau an Maja Bocks Lebendigkeit. "Sie erinnert uns immer ein wenig an Pippi Langstrumpf. Die Idylle der Bischofsheimer Zeit hat was von Bullerbü." Und so erzählt die 86 munter weiter, faszinierende Geschichten aus einer längst vergessenen Epoche. Aber nicht nur Idylle und Freizeit prägten die Kindsheitsjahre von Maja Bock in der Fichtelvilla. Sie erlebte das Kriegsende sehr bewusst mit, den Einmarsch der Amerikaner in Bischofsheim und in der Fichtelvilla. "Wir haben uns um Keller versteckt. Sie haben in der Villa nach Silberbesteck gesucht."

Der grüne Kachelofen, das Herz der früheren Villa Osterburg beziehungsweise der Fichtelvilla und der heutigen Hauswirtschaftsschule. Maja Bock (zweite von links) erinnert sich sehr gut an die frühere Einrichtung. Das Bild zeigt weiter Schulleiterin Doris Hartan-Khan (links), stellvertretende Schulleiterin Christina Weber-Hoch und Jens Bock. Foto: Marion Eckert

Nach dem Krieg verließ Maja Bock mit ihrer Familie Bischofsheim und der Familienstammsitz, die alte Villa Osterburg wurde mit Felsenkeller, Waschhaus, Holzlege, Autohalle, Parkanlage, Hofraum, Obstgarten, Schweinestall, und Hühnerhaus auf dem viereinhalb Hektar großen Gelände für 182.000 Mark im Jahr1950 an den damaligen Landkreis Bad Neustadt verkauft.  Ein ideales Grundstück mitsamt den Gebäuden für die Einrichtung einer Hauswirtschaftsschule. Nach nur viereinhalb Monaten Umbauzeit wurde am 7. November 1950 der Unterricht aufgenommen.

Vieles wiedererkannt

Maja Bock ist sehr glücklich, dass es das Gebäude heute noch gibt und sich in so einem guten Zustand befindet, was Dank der umfassenden Sanierung Anfang der 2000er Jahre durch den Landkreis ermöglicht wurde. Obwohl sie stets wusste, dass sich im den Gebäude heute eine Schule befindet, war sie nur einmal in der Rhön und schaute sich im Garten etwas um. Umso größer die Freude, nun auch die Schulräume, Büros, die Küche und natürlich den Speisesaal besichtigen zu können. "Vieles hat sich verändert, aber ich vieles erkenne ich auch wieder."

Maja Bock studierte in  Weihenstephan Gartenbau studiert und war als Gartenbauingenieurin viele Jahre im Ausland über die Gesellschaft für technische Zusammenarbeit und Entwicklung tätig. Schulleiterin Doris Hartan-Khan dankte ihrerseits Familie Bock für den Besuch.  "Es war sehr interessanter Nachmittag. Ich bin beeindruckt von der Lebendigkeit der alten Dame, ihre Augen funkelten und man spürte ihre Freude über den Besuch."

Auch dieses Bild zeigt die alte Villa Osterburg zwischen 1910 und 1920 werden. Foto: Archiv Hauswirtschaftsschule

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