Bad Neustadt

Sarah Atzmon und die Schrecken der Jugendzeit

Die Hände Sara Atzmons verraten viel über die Spannung unter der sie bis heute steht, wenn sie über Deportation und Konzentrationslager spricht.
Die Hände Sara Atzmons verraten viel über die Spannung unter der sie bis heute steht, wenn sie über Deportation und Konzentrationslager spricht. Foto: Stefan Kritzer

An die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor 75 Jahren hat das Evangelische Dekanat Bad Neustadt in besonderer Weise erinnert. Eingeladen waren zu einer Fülle an Veranstaltungen mit viel Öffentlichkeit die Holocaust-Überlebende Sara Atzmon und ihr Ehemann Uri. Die heute international viel beachtete Künstlerin hatte als Zwölfjährige Vertreibung, Ghetto, Deportation und das Konzentrationslager Bergen-Belsen nur knapp überlebt. Im Alten Amtshaus sprach Sara Atzmon unter großem Publikumsinteresse eindrucksvoll über das überaus grausame Kapitel ihrer Jugend. Umrahmt wurde ihr Vortrag von einem Stück für Sprecher und Klavier von Viktor Ullmann, das dieser 1944 im Konzentrationslager Theresienstadt geschrieben hatte.

Der Name Auschwitz stehe für das größte Verbrechen in der Geschichte der Menschheit, sagte Dekan Dr. Matthias Büttner in seiner Begrüßung zur Gedenkfeier. "Dazu gehört die furchterregende Erfahrung, wie hauchdünn der Firnis der Zivilisiertheit ist, und zu welch grauenvollen Taten Menschen fähig sind", so Büttner. Neben dem Vortrag Sara Atzmons gestalteten Professor Wolfgang Döberlein am Klavier und Schauspieler Ralf Hocke den Abend mit einem eindrucksvollen zweiteiligen Vortrag. Die Komposition "Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke" schrieb Viktor Ullmann nach einer Textvorlage von Rainer Maria Rilke als letztes seiner Werke kurz vor seinem Tod im Frühsommer 1944.

Schicksal der Inhaftierten in Theresienstadt

Rilke hatte über den jungen Cornet Christoph Rilke dessen Erlebnisse im Türkenkrieg 1663/64 aufgeschrieben. Ullmann hat diesen Text in zwölf Teile untergliedert und um das Schicksal der Inhaftierten in Theresienstadt in Text und Komposition ergänzt. Für Wolfgang Döberlein entstand so ein "eindrucksvolles Manifest gegen Krieg und Unterdrückung". Döberlein und Sprecher Ralf Hocke gelang es auf beeindruckende Art und Weise, Text und Musik nachdrücklich auf das Publikum wirken zu lassen.

Im sehr gut besuchten Saal des Alten Amtshauses hätte man eine Stecknadel fallen hören, während Sara Atzmon von der Unmenschlichkeit im von den Nationalsozialisten beherrschten Ungarn - ihrem Heimatland - und Deutschland berichtete. Sie musste zusehen, wie ihr Vater während der Zwangsarbeit starb. Zumindest gelang es ihr gemeinsam mit der Mutter, ein halbwegs ordnungsgemäßes jüdisches Begräbnis für den Vater zu organisieren. Immer wieder in Transportwaggons unter unmenschlichen Bedingungen verschickt zu werden, nie zu wissen, ob am Ziel der Tod wartet oder erneut Haft oder Zwangsarbeit. Sara Atzmon versuchte, tagtäglich zu beten. "Ich habe mir immer gesagt, Gott hört mich", sagte Atzmon. Wochen- und monatelanger Hunger, die Schrecken und Berge von Leichen im Konzentrationslager Bergen-Belsen forderten das damals junge Mädchen bis zum Äußersten. In einem der letzten Transportzüge wäre sie der sicheren Vernichtung anheim gefallen, hätten nicht amerikanische Truppen den Zug gestoppt, die Gefangenen befreit und in einem eigens dafür eingerichteten Krankenhaus wieder aufgepäppelt.

Reise in die Vergangenheit nach Ungarn

Angekommen in ihrer neuen Heimat Palästina dauerte es vier Jahrzehnte, bis Sara Atzmon eine Reise in die Vergangenheit nach Ungarn wagte. Sie begann über das Erlebte zu erzählen, um die Schrecken der Nazizeit nicht dem Vergessen zu überlassen. Als Wörter zu klein wurden, wie sie selbst sagte, hat sie sich dem Malen zugewandt und mittlerweile in hunderten Ausstellungen ihre Werke über den Holocaust gezeigt.

Sara Atzmon wird auch in Zukunft nicht leise werden, um an die Schrecken ihrer Jugendzeit zu erinnern. In Worten nicht und in Bildern auch nicht. Kurz bevor sie ihre Mundharmonika im Alten Amtshaus zur Hand nahm und das "Hevenu Shalom Alechem" anstimmte, fragte sie, warum in der heutigen Zeit der Hass auf Juden in Deutschland wieder erstarkt. Frage und Aufforderung an ihr Publikum, genau dies nicht zuzulassen. Eine andere Frage kann sich Sara Atzmon ebenfalls nach vielen langen Gebeten selbst nicht beantworten: "Warum musste ich das alles durchmachen?"

Als Dankeschön für einen bewegenden Abend gab es ein besonderes Geschenk für Sara Atzmon und ihren Ehemann Uri. Heinz Pallor, Musiklehrer am Martin-Pollich-Gymnasium Mellrichstadt, hat für Sara Atzmon auf Anregung der stellvertretenden Schulleiterin Gabriele Seelmann eine Neukomposition über ein Lied von Mordechai Gebirtig angefertigt und bereits in Gegenwart des Ehepaares Atzmon uraufgeführt. Pallor überreichte nach dem Gedenkabend im Alten Amtshaus die Partitur an Sara und Uri Atzmon.

Heinz Pallor überreichte als Geschenk eine selbst komponierte Partitur an Sara und Uri Atzmon.
Heinz Pallor überreichte als Geschenk eine selbst komponierte Partitur an Sara und Uri Atzmon. Foto: Stefan Kritzer
Fesselnder Vortrag über eine ganz schlimme Zeit. Sara Atzmon bei der Gedenkfeier im Alten Amtshaus.
Fesselnder Vortrag über eine ganz schlimme Zeit. Sara Atzmon bei der Gedenkfeier im Alten Amtshaus. Foto: Stefan Kritzer

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Bad Neustadt
  • Stefan Kritzer
  • Das dritte Reich
  • Gedenkfeiern
  • Holocaust
  • Holocaust-Überlebende
  • Juden
  • Juden in Deutschland
  • KZ Bergen-Belsen
  • Konzentrationslager
  • Martin-Pollich-Gymnasium Mellrichstadt
  • Matthias Büttner
  • Musiklehrer
  • Nationalsozialisten
  • Rainer Maria Rilke
  • Viktor Ullmann
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
1 1
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!