Bastheim

Simonshof: Wo Gestrandete nochmal eine Heimat finden

100 Jahre Caritas-Verband: Der Simonshof in Bastheim/Rhön als Vorzeigeeinrichtung für Menschen am Rand. Foto: Anand Anders

Noch tauchen sie in keiner offiziellen Statistik auf, die Zahl der Wohnungslosen in Deutschland kann nur geschätzt werden. Nach einem aktuellen Bericht der Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Wohnungslosenhilfe leben immer mehr Menschen auf der Straße, im vergangenen Jahr waren es 678 000 und damit 4,2 Prozent mehr als im Vorjahr. Es fehlt laut der Bundesarbeitsgemeinschaft an bezahlbarem Wohnraum und an Sozialwohnungen. Armut verfestige sich.

Am Simonshof in Bastheim (Lkr. Rhön-Grabfeld) braucht man derlei Statistik nicht. Hier ist die Realität. Statt Zahlen sieht man hier Menschen. Sie kommen hierher, weil sie jeden Halt im Leben verloren haben. Weil sie durch das Raster gefallen sind. Weil sie kein Vertrauen mehr in das System und nicht selten auch in ihre Mitmenschen haben. Trennung, Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit – häufig Flucht in den Alkohol. Es sind überwiegend Männer, die so straucheln. Wer fängt sie auf? 

Respekt und Würde für Menschen am Rande der Gesellschaft

Im idyllischen Besengau in der Rhön versucht man es. Mit dem Simonshof ist, getragen vom Diözesan-Caritasverband, über Jahrzehnte ein Ort der Hoffnung entstanden – eine in der Region einmalige Einrichtung für „Menschen in besonderen Lebenslagen“. Schon die Begrifflichkeit drückt den Respekt aus, der den Wohnungslosen entgegengebracht wird. Auch wer ungepflegt oder verwahrlost ankommt, findet Aufnahme und Hilfe. Prinzip: Reinigung von außen, Reinigung von innen.

Die „Bewohner“, wie sie von der Leitung höflich genannt werden, kommen freiwillig, die allermeisten als Sozialfälle. Akademiker genauso wie frühere Häftlinge. Sie erhalten therapeutische Unterstützung und Hilfe bei der Bewältigung des Alltags. Hausärzte kommen zu Sprechstunden an den Hof, ebenso psychiatrische Dienste.

Struktur und Regelmäßigkeit ins Leben zurückzubringen, das Selbstwertgefühl zu stärken, Einsamkeit überwinden, vielleicht sogar in den Arbeitsmarkt zurückzufinden – es gelingt viel, wo Menschen sich aufgegeben hatten. 99 Bewohner haben derzeit am Simonshof eine vorübergehende oder dauerhafte Bleibe. Jeder mit seiner eigenen Lebens(bruch)geschichte. Hinzu kommen knapp 90 pflegebedürftige Menschen im Camillus-Haus. Das Pflegeheim steht auch der Allgemeinheit offen.

5 Porträts von Menschen, die am Simonshof ein neues Zuhause gefunden haben

 

Anfänge als Arbeiterkolonie: Lange Historie bis ins 19. Jahrhundert

Verträumt liegt das Anwesen keine drei Kilometer außerhalb von Bastheim am Elsbach. Die einzelnen Häuser zeugen von Entwicklung und ständiger Erweiterung. Vier Bauernhäuser, eine Mühle und 214 Hektar Land hatte der „Verein für Arbeiterkolonien in Bayern“ 1887 erworben und eine Arbeiterkolonie gegründet. „Damals kamen vor allem Wanderarbeiter, denen gegen Mitarbeit auf den Feldern Kost und Logis geboten wurde“, sagt Einrichtungsleiter Albrecht Euring. In der NS-Zeit wurde der Trägerverein aufgelöst, nach dem Krieg ging der Hof an den Freistaat. 

Blick in die Annalen: Vier Bauernhöfe standen einst an der Stelle des heutigen Simonshofes. Foto: Caritas/Simonshof

In der Nachkriegszeit fanden am Simonshof auch heimatlose Jugendliche Unterkunft und absolvierten Lehren zum Schreiner, Schuster, Schlosser, Schneider, Gärtner oder Müller. Daneben wurde er zur Heimat für Wohnsitzlose. Mit der Übergabe an den Caritasverband der Diözese Würzburg wurde 1951 festgeschrieben, dass der Hof „allzeit als Heimat- und Fürsorgehof zu erhalten“ sei.

Das 1955 gebaute Bruno-Haus oder das 1990 aus der alten Mühle entstandene Robert-Kümmert-Haus kamen hinzu, mit kleinen Apartments erst für Angestellte, jetzt für die Bewohner. Wo früher die alten Bauernhäuser waren, befindet sich heute der lange Trakt mit Speisesaal und Wohnungen. Die Verwaltung ist nebenan in einem Altbau untergebracht.

Soziale Kontakte und Arbeit sind wichtig für Normalität und Selbstwertgefühl

Der alte Rinderstall wurde zum Freizeitraum mit Wintergarten und Bücherei. Hier treffen sich Bewohner am Abend zum Karteln, Billardspielen oder Kegeln. Austausch – auch im öffentlichen Tagescafé – ist wichtig, um das Leben zu normalisieren. Genauso wie die Arbeit in den Werkstätten. Wäscheklammern, Fahrradglocken oder Kartonagen setzen die Männer zusammen. Das bringt Struktur in den Tag, wobei es nur eine kleine Anerkennungsprämie gibt. Ansonsten muss jeder Bewohner mit monatlich 114 Euro Taschengeld zurechtkommen, das die Sozialhilfe nach aktuellem Satz vorsieht. Die Unterbringung selbst wird bei Sozialfällen über die Bezirke finanziert. Wer Rente bezieht, muss sie einbringen.

Wie beim Ankauf Ende des 19. Jahrhunderts ist das Gelände noch heute riesig: Von den 230 Hektar sind 140 Hektar Wald und 80 Hektar landwirtschaftlich verpachtet. Die übrigen zehn Hektar gehören zu Haus und Hof. Mit 160 Angestellten ist die Einrichtung auch ein respektabler Arbeitgeber in der Region.

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Simonshof: Heimat der Gestrandeten

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100 Jahre Caritas: Altbischof Friedhelm Hofmann feiert zusammen mit Simonshof-Bewohnern

Und Frauen auf dem Simonshof? Fehlanzeige. Die Anfrage von weiblichen Wohnungslosen sei in einer Einrichtung auf dem Land sehr gering, sagt der stellvertretende Leiter Stefan Gerhard. Nur ein bis zwei gebe es pro Jahr. Die Frauen werden dann an Einrichtungen in Würzburg oder Hof verwiesen. Um stationäre Plätze für Frauen zu schaffen, wäre der bauliche Aufwand unverhältnismäßig.

So wird auch Würzburgs Altbischof Friedhelm Hofmann ausschließlich Männer zum Gespräch treffen, wenn er am 20. November, dem Welttag der Armen, zum Mittagessen und zur Begegnung an den Simonshof kommt. Und zum gemeinsamen Feiern: Der Diözesan-Caritasverband als Träger der Einrichtung wird 100 Jahre alt. Das sollen nicht nur Offizielle zelebrieren, sondern jene, für die die Caritas da ist: Menschen am Rand.

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