Bischofsheim

Singen macht einfach glücklich

Im Landkreis Rhön-Grabfeld sind knapp 1000 Sängerinnen und Sänger bei der Sängergruppe Rhön-Grabfeld Mitglied. Was fasziniert sie so am Chorgesang?
Wenn Chorleiterin Edith Hüttner (links) am Dirigentenpult steht, dann ist jeder konzentriert bei der Sache.
Wenn Chorleiterin Edith Hüttner (links) am Dirigentenpult steht, dann ist jeder konzentriert bei der Sache. Foto: Björn Hein

Die Stimmung im Rentamt in Bischofsheim ist sehr gelöst. Langsam trudeln die letzten Nachzügler im Probenraum der Liedertafel ein. Als Außenstehendem fällt einem sofort die Kameradschaft auf, die hier  herrscht. Dass man sich hier nicht bierernst nimmt, zeigt die Aufschrift auf dem T-Shirt einer Sängerin: "Ich kreische nicht, ich bin Sopran". Noch ist Zeit zum Austausch von Neuigkeiten.

Wenn Chorleiterin Edith Hüttner allerdings die Hände hebt, dann verstummen alle. Es folgen Stimmübungen, wobei auffällt, wie diszipliniert alle bei der Sache sind. Der Blick in den Augen der Chormitglieder ist fast entrückt, sie sind mit dem Herzen bei der Sache, das spürt man. Nach einem kurzen Einsingen geht es dann ans Eingemachte. Das Stück "Conquest of Paradise" steht auf dem Programm. Die Vielstimmigkeit ist beeindruckend. Aber das Lied sitzt noch nicht perfekt. Die Chorleiterin hört genau, welche Passagen noch geübt werden müssen. Und die Sängerinnen und Sänger folgen ihren Anweisungen ohne Murren.

Vom Gesangsvirus infiziert

"Ich war von klein auf vom Gesang infiziert, schon meine Eltern sangen", erinnert sich Edith Hüttner, die fast 30 Jahre lang Chorleiterin hier ist. Spaß am Dirigentenpult zu stehen hat sie noch immer. "Man muss aber auch streng sein", gibt sie zu bedenken. Besonders fasziniert sie nach all den Jahren immer noch, dass ein Lied aus dem Nichts entsteht, und man nach ein, zwei Proben merkt, wie das Lied immer perfekter wird. "Man sagt mir schon manchmal nach, dass wir nichts Leichtes, sondern nur Anspruchsvolles machen", sagt Hüttner und lacht. Aber auch dem Chor ist es wichtig, auf einem hohen Level unterwegs zu sein.

Der gemischte Chor in Bischofsheim ist für sie fast so etwas wie eine zweite Familie. Von links: Rudi Hüttner, Chorleiterin Edith Hüttner und Melanie Kleinhenz.
Der gemischte Chor in Bischofsheim ist für sie fast so etwas wie eine zweite Familie. Von links: Rudi Hüttner, Chorleiterin Edith Hüttner und Melanie Kleinhenz. Foto: Björn Hein

Natürlich geht es beim Gemischten Chor der Liedertafel aber nicht nur ums Singen. Die Geselligkeit ist genauso wichtig. So sitzt man nach der Probe oft noch gemütlich zusammen und tauscht sich aus. Schaut man in die Reihen der Chormitglieder, so fällt die große Altersspanne auf. "Die Mitglieder sind zwischen 43 und 84 Jahre alt", informiert die Chorleiterin. Das zeigt, dass Singen keine Frage des Alters ist. Und natürlich singen im gemischten Chor Männer und Frauen einträchtig zusammen, wobei ein Drittel männlich und zwei Drittel weiblich sind.

Vielfältiges Liedgut

Das Liedgut, das in der Liedertafel gepflegt wird, ist sehr vielfältig. Von Kirchen- über Volkslieder bis hin zu Gospels reicht die Palette und weit darüber hinaus. Auch moderne Weisen hat man in petto, "es ist für jeden etwas dabei", meint die Chorleiterin. Bis ein neues Lied einstudiert ist, kann es schon einige Zeit dauern. "Je nach Schweregrad manchmal auch mehrere Wochen", weiß Hüttner aus Erfahrung. Das Repertoire ist sehr umfangreich: Der 84-jährige Rudi Hüttner, der seit über 50 Jahren in der Liedertafel singt, beherrscht mehr als 500 Lieder, schätzt Hüttner. "Aber natürlich sind bei unserer Probe, die jeden Dienstag stattfindet, auch jederzeit Neuzugänge willkommen", sagt die Chorleiterin.

Ganz neu dabei ist beispielsweise Melanie Kleinhenz. Seit sechs Monaten singt sie mit und ist begeistert. "Die Geselligkeit und das gute Miteinander hier prägen den Chor schon sehr", findet sie. Bei einer Familienfeier hatte sie im "Familienchor" mitgesungen und gemerkt, dass ihr das viel Freude macht. Und so entschloss sich die 43-jährige Weisbacherin, in Bischofsheim beim Chor hineinzuschnuppern. Mittlerweile ist sie fest dabei.

Rudi Hüttner und Melanie Kleinhenz vor der Vereinsfahne der Liedertafel 1924 Bischofsheim/Rhön e.V.
Rudi Hüttner und Melanie Kleinhenz vor der Vereinsfahne der Liedertafel 1924 Bischofsheim/Rhön e.V. Foto: Björn Hein

Der 84-jährige Rudi Hüttner singt schon seit mehr als einem halben Jahrhundert im Chor. "Ich war von kleinauf vom Gesang begeistert. Als Zimmermann habe ich auch auf Richtfesten gesungen. Das hat mir schon immer Spaß gemacht", erzählt er. Beide sind sich einig: Das Singen befreit, "man vergisst dabei seine Probleme und kann einfach abschalten", wie Melanie Kleinhenz es ausdrückt. Singen mache einfach glücklich. Und für die Chorleiterin findet Kleinhenz nur lobende Worte: "Das Singen hier beim Gemischten Chor macht viel Freude, das liegt vor allem an der Chorleiterin. Sie versteht es, Menschen mitzureißen". 

"Singen ist ein faszinierendes Hobby"

"Singen ist ein faszinierendes Hobby. Bis ins hohe Alter kann man hier aktiv sein und sich stetig verbessern. Und es ist egal, ob die Sängerinnen und Sänger zehn oder 90 Jahre alt sind: Jeder kann mitmachen", findet Ursula Wetzstein. Sie ist Gruppenvorsitzende der Sängergruppe Rhön-Grabfeld im Sängerkreis Schweinfurt. Auch für Wetzstein ist die Musik aus ihrem Leben nicht mehr wegzudenken. Bereits seit 1966 singt sie im Chor. Natürlich ist die wöchentliche Probe auch für sie ein absolutes Muss, ein fester Bestandteil im Leben. "Dazu gehört auch, dass man sich adrett kleidet. Singen benötigt natürlich auch Disziplin und Konzentration und strengt an. Aber man bekommt dafür sehr viel zurück", findet sie.

Im Landkreis Rhön-Grabfeld gibt es insgesamt 30 Vereine, die Mitglied in der Sängergruppe sind. Diese wiederum stellen insgesamt 47 Chöre – hinzu kommen im Landkreis noch zahlreiche weitere, wie beispielsweise Kirchen- oder Gospelchöre, die nicht Mitglied in der Sängergruppe sind. Insgesamt 947 Personen sind in der Sängergruppe Rhön-Grabfeld gemeldet, davon 304 Männer und 643 Frauen. "Die Zahlen bei den Männern gehen leider zurück, die Frauen sind eindeutig in der Überzahl", konstatiert Wetzstein. Doch klagen will sie nicht. Schließlich habe sich in den vergangenen Jahren auch so mancher positive Trend verstärkt. "Die Chöre sind professioneller unterwegs als früher. Es gibt Seminare, unter anderem zur Stimmbildung und auch die Dirigenten haben heute ein sehr großes Fachwissen", sagt die Gruppenvorsitzende. Im Jugend- und Kinderchorbereich sei man gut aufgestellt, hier seien die Zahlen stabil.

"Singen ist außerdem ein Hobby, das wenig kostet", sagt Wetzstein. Die Noten werden vom Verein gestellt und die Stimme bringt man natürlich mit. Außerdem könne man seine Stimme bis ins hohe Alter trainieren und sich so stetig verbessern.

Für die Mitglieder in den Chören ist das Singen ein fester und wichtiger Bestandteil in ihrem Leben. Und jeder und jede von ihnen würde wohl dem Zitat von Ella Fitzgerald, der berühmten US-amerikanischen Jazz-Sängerin, zustimmen, die einst sagte: "The only thing better than singing is more singing (Das Einzige, was besser ist als singen, ist mehr zu singen)."

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Bischofsheim
  • Chorleiterinnen
  • Chormitglieder
  • Chöre
  • Ella Fitzgerald
  • Gesang
  • Gospelchöre
  • Jazz-Sängerinnen
  • Lied als Musikgattung
  • Sänger
  • Sängerinnen
  • Sängerinnen und Sänger
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!