BAD KÖNIGSHOFEN

Statt „Turbo-Abi“ mehr Zeit zum Lernen

Diskussionen neu entfacht: G8, G9, Mittelstufe plus, parallel, in jeder Schule anders oder generell? Wegen der Unzufriedenheit mit dem achtstufigen Gymnasium hat Bayerns Bildungsminister Ludwig Spaenle ein verändertes Gymnasialkonzept für das Schuljahr 2017/ 2018 angekündigt – die Diskussionen laufen bereits.
Diskussionen neu entfacht: G8, G9, Mittelstufe plus, parallel, in jeder Schule anders oder generell? Wegen der Unzufriedenheit mit dem achtstufigen Gymnasium hat Bayerns Bildungsminister Ludwig Spaenle ein verändertes Gymnasialkonzept für das Schuljahr 2017/ 2018 angekündigt – die Diskussionen laufen bereits. Foto: Regina Vossenkaul

„Wenn im G8 der Stoff schnell durchgeprügelt wird, ist das nicht sehr angenehm. Ich hätte gern etwas weniger Stress, ein Jahr Schulzeit mehr würde ich dafür in Kauf nehmen“, sagt Kevin K., ein Schüler der elften Jahrgangsstufe im Gymnasium Bad Königshofen. „Ich finde G9 definitiv besser“, sagt auch Felix D., ebenfalls in der 11. „Die Wahl der Abi-Prüfungsfächer war außerdem beim G9 besser geregelt.“

Wie die beiden denkt mehr als die Hälfte der Bayerischen Bevölkerung, denn laut einer Umfrage des Instituts GMS sind 59 Prozent der Befragten für die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium (G9) und nur 34 Prozent für das jetzt geltende achtjährige Gymnasium (G8). Sieben Prozent machten keine Angabe.

Die Diskussionen rund um die Frage G8 oder/und G9 sind eigentlich nie ganz verstummt und die Schullandschaft kommt nicht zur Ruhe. Die Unzufriedenheit sei eine Folge der vor 13 Jahren unter Ministerpräsident Edmund Stoiber überhasteten Einführung des G8, ohne ausreichende Vorbereitung hinsichtlich der Lehrpläne, die dann nachgebessert werden mussten, sagen die Kritiker.

Von „Turbo-Abi“ war die Rede und von 17-jährigen Jugendlichen, die ohne die notwendige Persönlichkeitsentwicklung und ohne Führerschein ein Studium beginnen sollten, und von Forderungen der Wirtschaft, denen ohne Not zu schnell nachgegeben wurde. Viele Eltern bemängeln, dass die Kinder neben der Schule überhaupt keine Zeit mehr für Hobbys und Vereine haben – Dinge, die auch wichtig für die Persönlichkeitsentwicklung sind. Die Bayerische Staatsregierung hatte auf den andauernden Druck reagiert und ab dem Schuljahr 2015/2016 das Pilotprojekt „Mittelstufe plus“ mit einer zweijährigen Probezeit eingeführt, an dem 47 Schulen teilnehmen, darunter auch das Rhön-Gymnasium Bad Neustadt.

In der Praxis wird eine „Klasse 9+“ zusätzlich eingeschoben, verwendet wird der Stoff des G8, die Schüler haben jedoch mehr Zeit zum Lernen. Von den vier achten Klassen haben die zwei des sprachlichen Zweigs allerdings keine Wahlmöglichkeit, wie Schulleiterin Edith Degenhardt erklärt. Zur Diskussion G8/ G9 will sie keine Stellung nehmen, solange nichts Genaues bekannt ist und verweist auf die Direktorentagung im Oktober. Bayernweit haben sich rund zwei Drittel der infrage kommenden Schüler für die Mittelstufe plus entschieden, was Kritiker als „G 9 durch die Hintertür“ verstehen.

Aufgrund der Erfahrungen, die damit gemacht werden, will Spaenle für das Schuljahr 2017/2018 ein entsprechendes Konzept vorlegen.

Die Vorsitzende des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV), Simone Fleischmann sagt in einer Erklärung: „Auch ein G9 ändert nichts an den grundlegenden Problemen unter denen das bayerische Gymnasium seit vielen Jahren leidet. Das G9 ist kein Heilsversprechen.“ Sie kritisiert die viel zu hohe Zahl an Fächern, Inhalten und Prüfungen. Der Landesverband der Direktorenvereinigung der bayerischen Gymnasien lehnt die generelle Einführung der „Mittelstufe Plus“ ab, so Vorsitzender Karl-Heinz Bruckner in einer Stellungnahme, und fordert die Politiker auf, sich für G8 oder G9 zu entscheiden und nicht für Doppel- oder Mischstrukturen. Schulen, Kommunen und Landkreise hätten gern Planungssicherheit und warten gespannt auf die Entscheidungen. Wird es zukünftig den einzelnen Schulen überlassen, ob sie G8, G9 oder beides anbieten oder wird die „Mittelstufe plus“ generell eingeführt?

Noch viel Diskussionsbedarf

Der Leiter des Martin-Pollich-Gymnasiums Mellrichstadt, Robert Jäger, meint, es gebe viele denkbare Möglichkeiten, es komme jedoch auf die Rahmenbedingungen an. Als Vater würde er gern ganz individuell entscheiden, je nachdem, wie gut ein Kind lernt. Er sieht jedoch auch die Gefahr der Diskriminierung, wenn G8 und G9 nebeneinander bestünden. Die „Überflieger“ aus dem G8 werden dann als intelligenter eingeschätzt als diejenigen, die lieber mit weniger Druck mehr Lernzeit in Anspruch nehmen. „Die Gymnasien brauchen Verlässlichkeit und Ruhe“, sagt Jäger und erwartet für die nächste Zeit viele weitere Diskussionen. G9 bräuchte auch ein größeres Raumangebot, das wäre an seinem Gymnasium vorhanden, und natürlich die entsprechende Ausstattung mit Lehrern.

Der Leiter des Bad Königshöfer Gymnasiums, Wolfgang Klose, verweist auf die durchgeführte sinnvolle Anpassung des Lehrplans für das G8, auf Nachmittagsbetreuung und Einrichtung einer Mensa – es sei viel getan worden und die größten Befürchtungen bezüglich des G8 seien nicht eingetroffen. Die Einführung des G9 durch eine Mittelstufe plus sieht er als problematisch an, denn es müssten parallele Strukturen geschaffen werden und eine Klasse muss mindestens 15 Schüler haben.

„Ich habe auch keine Patentlösung“, sagt Klose, der noch viel Diskussionsbedarf sieht und sich eine verlässliche Lösung wünscht, die nicht nach drei Jahren schon wieder revidiert wird.

Büffeln für das Abitur: Diese Schüler der Q 12 (Qualifikationsphase) in Bad Königshofen sind innerhalb des G8 auf der Zielgeraden.
Büffeln für das Abitur: Diese Schüler der Q 12 (Qualifikationsphase) in Bad Königshofen sind innerhalb des G8 auf der Zielgeraden. Foto: Vossenkaul

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