BAD NEUSTADT/SCHWEINFURT

Stotternd durch die Stadt

Praktische Übung für Logopäden-Azubis zum Welttag des Stotterns: Passanten als Stotterer ansprechen und die Reaktionen am eigenen Leib erfahren. Im Bild von links: (Passantin), Laura Axmann, Joachim A. Renner, Sina Vogler, Christina Schopper.
Praktische Übung für Logopäden-Azubis zum Welttag des Stotterns: Passanten als Stotterer ansprechen und die Reaktionen am eigenen Leib erfahren. Im Bild von links: (Passantin), Laura Axmann, Joachim A. Renner, Sina Vogler, Christina Schopper. Foto: Nike Bodenbach

„Komm schon, mach!“ Drei junge Männer haben Christina Schopper umzingelt, provokant grinsen sie der 24-Jährigen ins Gesicht, zwinkern ihr anzüglich zu. Dabei hatte sie nur wissen wollen, wo denn der nächste Geldautomat ist. Genauer gesagt, sie hatte gefragt, wo „d-d-der n-n-n-n-n-ächste G-geldautomat“ sei. Christina Schopper stottert. Nicht wirklich, sondern nur testweise. Zum Welttag des Stotterns am Mittwoch versetzen sich die Logopädie-Azubis der Berufsfachschule in Bad Neustadt (Gemeinnützige Gesellschaft für berufliche Bildung ESB) in die Rolle ihrer späteren Patienten.

Die Situation mit den drei Männern ist für Christina Schopper eine extrem unangenehme Erfahrung. „Ich bin jetzt echt fertig“, sagt sie, als sich die Gruppe zur Verschnaufpause gesetzt hat. Klein gemacht hat sie sich gefühlt. Auch, wenn sie irgendwie mit so einer Reaktion gerechnet hatte, so betont cool wie das Trio auf sie zugekommen war.

Doch glücklicherweise sind die drei unmöglichen Typen die Einzigen an diesem Tag, die sich so verhalten. In vier Kleingruppen mit jeweils drei oder vier Azubis ist Dozent Dr. Joachim A. Renner den ganzen Tag in der Schweinfurter Stadtgalerie unterwegs. Es ist ein sogenannter „In-Vivo“-Tag, ein Tag „im Leben“. Was Christina Schopper und die anderen beiden Mutigen, Laura Axmann und Sina Vogler, in der Rolle des Patienten erleben, ist Teil der üblichen Stotter-Therapie.

Desensibilisierung heißt die Methode, in der die Betroffenen gezielt in Situationen gehen, die sie sonst zu vermeiden versuchen. „Die Erwartung, man könnte vielleicht komisch angeschaut oder ausgelacht werden, hemmt die Betroffenen enorm“, sagt Sprachtherapeut Renner. Ganz zu Beginn der Übung sind die drei Frauen nervös, tauschen Blicke und müssen lachen. Um ein bisschen lockerer zu werden, sollen sie sich erst mal laut und auffällig verhalten. „Happy Birthday to you“, singen die drei lauter als nötig ins Handy, mitten im Einkaufszentrum. Im Supermarkt nebenan kreischen sie quer durch den ganzen Laden nach den jeweils anderen. „Da waren schon so ein paar Blicke dabei“, sagt Sina Vogler danach. Die drei schwitzen.

„W-w-w-wo i-i-i-i-st der dm?“, fragt Laura Axmann eine Frau. Für einen kurzen Augenblick blitzt die Überraschung in deren Augen auf. „Das ist ja auch okay, das ist ja auch was Ungewohntes, wenn man so angesprochen wird“, sagt Renner. Die Frau schaut Axmann in die Augen und erklärt ihr dann den Weg. Ganz normal einfach. So wie es sich die meisten Stotternden wünschen würden, meint der Dozent.

Instinktiv suchen sich die Logopäden-Azubis zunächst Frauen aus, um sie anzusprechen. Wahrscheinlich, weil sie auch sonst eher Frauen nach dem Weg fragen würden. Eine Mutter mit Mann und Kind in der Drogerie reagiert gelassen auf die gestotterte Frage nach den Zahnbürsten. „Es war eigentlich nicht komisch für mich, vielleicht liegt das auch an meiner Arbeit als Altenpflegerin“, sagt sie, als die Gruppe die Versuchssituation auflöst. Nach einer Sekunde der Verwunderung reagieren eigentlich alle Passanten freundlich und geduldig. Bis auf die drei gemeinen Halbstarken eben. Aber die hätte Christina Schopper auch sonst nie angesprochen, sagt sie.

Manche schauen gebannt auf den Mund, andere versuchen, die Worte zu vervollständigen. Eine Verkäuferin in einem Kleidungsgeschäft beantwortet die stockende Frage nach einer Strumpfhose unbeeindruckt-freundlich. Komisch guckt sie erst, als die ganze Gruppe auf sie zukommt, um die Situation aufzulösen. „Meist sind es eher die Erwartungen als die Erfahrungen, die Stotternde hemmen“, sagt Renner. Dieser Rückzug, das sei das Schlimmste an der Sprachstörung, die in der Regel ursprünglich eine hirnorganische Ursache hat. Eine Therapie ist für Joachim Renner dann erfolgreich, „wenn das Stottern für den Stotterer kein Thema mehr ist“ – gleichgültig, ob er flüssig spricht, oder ihm die stockenden Worte einfach nur egal geworden sind.

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