SAAL

Therapeutisches Reiten: Gesund werden auf dem Pferderücken

Schau mal, da liegt ein Kamel: Teilnehmer an einer Mutter-Kind-Kur im Haus am Kurpark in Bad Königshofen besuchten mit Einrichtungsleiterin Evi Bindrim (hinten Fünfte von links) das Gestüt von Cosima Böttger und Walter Koch (rechts). Foto: Alfred Kordwig

Es ist eiskalt an diesem Sonntagnachmittag in der großen Reithalle des Gestüts am Saalegrund. Trotzdem harren die Kinder und ihre Mamas, die in Bad Königshofen im Haus am Kurpark gerade eine Mutter-Kind-Kur absolvieren, geduldig aus. Denn ihnen wurde etwas ganz Besonderes versprochen: Ein Kamel, mit dem man nach Herzenslust kuscheln kann.

Und sie nicht enttäuscht. Majestätisch schreitet die 30-jährige Kameldame Marussja in Begleitung von Cosima Böttger in die Halle und erobert sofort die Herzen der Kinder. Die können es gar nicht erwarten, Kontakt mit dem Tier aufzunehmen, das zusammen mit drei weiteren Kamelen vor acht Monaten auf dem am südöstlichen Ortsrand von Saal gelegenen Gestüt ein neues Zuhause gefunden hat.

1996 selbstständig gemacht

Als Cosima Böttger vor 20 Jahren ihre Praxis für therapeutisches Reiten gründete, ahnte sie noch nicht, dass sie später einmal Kamele halten würde. „Das klassische Tier für eine Reittherapie ist das Pferd“, erklärt die 49-Jährige, die sich 1996 selbstständig gemacht hat, nachdem sie zuvor mehrere Jahre angestellt war. Zunächst praktizierte sie in Gollmuthhausen, bevor sie vor zehn Jahren nach Irmelshausen umzog.

Vor vier Jahren verlegte sie ihre Einrichtung nach Saal, wo sie sich nun gemeinsam mit ihrem Mann Walter Koch und der langjährigen Mitarbeiterin Sarah Schöneberg ihrer außergewöhnlichen Betätigung nachgeht.

Die Hingabe zum Menschen und Tier ist nach Einschätzung von Cosima Böttger die Grundvoraussetzung für die Eröffnung einer Praxis für therapeutisches Reiten. Außerdem gehöre eine umfassende Ausbildung dazu. „Ich habe als Physiotherapeutin angefangen und mich dann zur Hippotherapeutin ausbilden lassen“, erzählt sie. Sie sei sofort fasziniert gewesen von den Möglichkeiten, die sich mit dem Partner Pferd ergeben.

Ganzheitliche Förderung

„Bei der Therapie mit den Pferden geht es um eine ganzheitliche Förderung mit all ihren körperlichen, geistigen und sozialen Aspekten“, so die Hippotherapeutin. „Außerdem entsteht häufig eine tiefe Verbundenheit zu den Betroffenen und deren Familien, da die Patienten oft über Monate zur Therapie kommen.“

Cosima Böttger bietet ihre Reittherapie für Menschen aller Altersgruppen an. Während bei den Kindern unter anderem die Sensibilisierung der Wahrnehmung , die Stabilisierung der Gesamtpersönlichkeit und das Erlernen sozialer Kompetenz im Mittelpunkt steht, konzentriert sich die Therapeutin bei den Erwachsenen auf den Muskelaufbau, die Verbesserung des Gleichgewichtes oder die Vermittlung von Lebensfreude zum Beispiel nach einem Burn Out. Dass die Pferde oder neuerdings die Kamele dabei die zentrale Rolle spielen, scheint ihnen angeboren zu sein. „Ich beobachte immer wieder, dass die Tiere gerade bei Menschen mit einem größeren Handicap mit viel Besonnenheit und Umsicht reagieren“, sagt die Saalerin.

Gut für das Wohlbefinden Bei den Patienten, die zu ihr kommen, handelt es sich meist um Hilfe suchende Privatleute aus der Region. Es gibt aber auch einige soziale und medizinische Einrichtungen, die schon seit Eröffnung der Praxis vor 20 Jahren mit der Pferdetherapeutin zusammenarbeiten wie etwa das HKJ Rhön-Grabfeld, die Kinder- und Wohngruppe Wolf aus Gollmuthhausen und Aubstadt und das Mutter-Kind-Kurhaus in Bad Königshofen.

„Ich bin beeindruckt, wie positiv sich der Kontakt zwischen Mensch und Tier auf das Wohlbefinden unserer Patienten auswirkt“, stellt Evi Bindrim fest, die seit März diesen Jahres Einrichtungsleiterin im Haus am Kurpark in Bad Königshofen ist. Kinder und Mütter würden enorm von dieser Therapieform profitieren. Dass die Kosten vom Haus am Kurpark getragen werden müssen, dafür hat sie kein Verständnis. „Für mich ist es nicht nachvollziehbar, warum die Krankenkassen den finanziellen Aufwand für das therapeutische Reiten nicht übernehmen.“

Vertrag mit dem Haus am Kurpark

Das Haus am Kurpark in Bad Königshofen ist in ganz Deutschland nur eines von zwei Mutter-Kind-Kurhäusern, das die Therapie mit Pferden als festen Bestandteil in ihrem Kurprogramm anbieten. Allerdings muss das Kurhaus dieses Angebot aus eigenen Mitteln finanzieren, da diese Therapieform nicht von den Krankenkassen bezahlt wird. Den Vertrag schloss Cosima Böttger kurz nach Eröffnung ihrer Praxis vor 20 Jahren mit der damaligen Leiterin des Haus am Kurpark, Margarete Leube, ab. Unter Leubes Nachfolgerinnen Gesa Schumacher und Evi Bindrim wurde und wird die enge Zusammenarbeit weitergeführt. Seit zehn Monaten leben neben etlichen Pferden auch vier Kamele auf dem Gestüt am Saalegrund, die nach und nach in die Reittherapie eingebunden werden sollen. Sie stammen aus einem Zirkus. ak
Bequemer Aufstieg: Über eine Rampe setzt Cosima Böttger (rechts) den vierjährigen Luca auf den Rücken des 17-jährigen Friesen Xenia, beobachtet von seiner Mutter Sonja Knoth (links) und Walter Koch. Friesenpferde gelten als gutwillig, sanft und freundlich und sind für die Reittherapie deshalb besonders gut geeignet. Foto: Alfred Kordwig

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