Bad Neustadt

Thomas Lukow: Sein Traum endete im Gefängnis

Der Zeitzeuge Thomas Lukow berichtet im Rhön-Gymnasium über seine Erfahrungen in der DDR und seine Zeit in der Haftanstalt Hohenschönhausen. Wie lebt man weiter nach solchen Erfahrungen?
Auf authentische und eindrucksvolle Art und Weise schilderte Thomas Lukow im Rhön-Gymnasium seine Zeit in der Untersuchungshaftanstalt Berlin-Hohenschönhausen.
Auf authentische und eindrucksvolle Art und Weise schilderte Thomas Lukow im Rhön-Gymnasium seine Zeit in der Untersuchungshaftanstalt Berlin-Hohenschönhausen. Foto: Kristina Kunzmann

"Mix mir einen Drink, der mich woanders hin bringt". Dieser Liedtitel klingt nach Fernweh und dem Wunsch, einfach auszubrechen aus der gewohnten Welt. Eben dem, wonach sich viele junge Menschen sehnen. Auch Thomas Lukow, geboren und aufgewachsen in Ost-Berlin, wollte weg aus der DDR. Einmal nach New York reisen, das war sein großer Traum. Und so schrieb er im Alter von Anfang zwanzig mit seiner Band den Song. Doch seine Sehnsucht wurde ihm zum Verhängnis, denn er landete in der Untersuchungshaftanstalt Berlin-Hohenschönhausen. Wie er die Zeit dort erlebte und am eigenen Leib die Zermürbung der Insassen durch psychologische Tricks erfuhr, das schilderte er im Rhön-Gymnasium auf authentische und eindrucksvolle Art und Weise.

Wie fühlte es sich an, als junger Mensch in der DDR zu leben? Thomas Lukow konnte darüber aus eigener Erfahrung berichten. Geboren wurde er in Ost-Berlin, seine Eltern waren Parteifunktionäre. Bereits im Kindergarten seien die Kinder manipuliert und zum Hass erzogen worden. "Es war normal, auf Autos des westlichen Feinds zu spucken, sobald man diese sah. Man lernte solche Dinge von klein auf, schließlich würden sie dem Weltfrieden dienen, hieß es", erinnert sich Lukow.

Studieren war wegen Austritt aus der Freien Deutschen Jugend unmöglich

Mit dem gewünschten Forstwirtschaftsstudium wurde es nichts, denn Lukow entschied sich, aus der Freien Deutschen Jugend auszutreten. Stattdessen besuchte er eine Musikschule und jobbte nebenbei als Kraftfahrer, Hausmeister, Kellner, Rohrleger. "Wenn man nur einen Monat lang kein Arbeitsverhältnis hatte, konnte man in der DDR gemäß des Assi-Paragrafen bereits verhaftet werden", schilderte Lukow den erstaunten Schülern. Geschickt bezog Lukow die Schüler in seinen Vortrag mit ein, streute an der ein oder anderen Stelle gerne auch einmal Ironie oder Witz ein - soweit es das Thema erlaubte. So schaffte er es, die Zuhörer zu fesseln.

Mit seiner Band schrieb und spielte Lukow Lieder, deren Texte nicht immer unkritisch waren. Schließlich verliebte er sich in ein Mädchen aus Israel, das ihn Ostberlin studierte. Als sie schließlich nicht mehr einreisen durfte, wollte Lukow unbedingt zu ihr. So verkaufte er sein Klavier - was neben den Liedtexten ebenfalls bereits als auffällige Hinwendung zu "feindlich-negativen Elementen" galt - und versuchte, über Prag zu flüchten.

Systematische Manipulation

Wegen versuchter Republikflucht wurde er verhaftet, ins Hochsicherheitsgefängnis Bratislava gebracht und von dort per Interflug mit Handschellen in die Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit nach Berlin-Hohenschönhausen. Vorgeworfen wurde dem damals 21-jährigen Lukow, er habe Kontakte zum israelischen Geheimdienst Mossad. In Hohenschönhausen erlebte er die dort vorherrschende Aussichtslosigkeit und systematische Zermürbung der Insassen. So sei die Privat- und Intimsphäre völlig zerstört worden.

Auch bei den Vernehmungen sei gezielt manipuliert worden. So habe etwa plötzlich das Telefon des Vernehmers geklingelt und dieser habe Daten von Verwandten Lukows vorgelesen. "Da hatte man natürlich Angst, was mit diesen ist. Wurden sie auch verhaftet?", erinnert sich Lukow. Die Daten hatten die Vernehmer durch die permanente Überwachung und das Abfangen von Briefen erhalten, das Telefonklingeln wurde mit dem Knie unter dem Tisch simuliert. Dies erfuhr Thomas Lukow aber freilich erst später.

Großer Traum von Thomas Lukow erfüllte sich doch noch

Nach der Zeit in Hohenschönhausen saß Thomas Lukow den Rest seiner 20-monatigen Strafe im Strafvollzug in Bautzen ab. Kurz vor dem Mauerfall durfte er mit seiner Frau und den beiden Söhnen ausreisen. 1993 erfüllte sich dann doch noch sein großer Traum und Thomas Lukow konnte nach New York reisen. Heute ist er unter anderem als Stadtführer und freier Mitarbeiter in des Stasi-Museums in Berlin tätig und hält Vorträge über die DDR. Denn für ihn persönlich ist es wichtig, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, aber dennoch nach vorne zu blicken. 

Wie lebt man weiter nach solchen Erfahrungen? Das wollte eine Schülerin von Lukow wissen. "Bei mir selbst sind keine bleibenden Schäden entstanden. Vielleicht bin ich etwas ängstlicher und misstrauischer als andere Menschen und in sehr vollen Räumen fühle ich mich manchmal unwohl", schildert der Zeitzeuge.

Die DDR als schlicht gut oder schlecht zu charakterisieren, hält Lukow für zu kurz gegriffen. Schließlich sei eine Diktatur auch bequem, man müsse nichts selbst regeln. Thomas Lukow ist froh, diese Phase seines Lebens hinter sich zu haben: "Mir ist eine gefährliche Freiheit lieber als eine ruhige Knechtschaft".

Geschichte lebendig werden lassen
Der Vortrag wurde von Studiendirektor Hartmut Brunner in Zusammenarbeit mit der Hanns-Seidel-Stiftung organisiert. Er soll die Zehntklässer auf die Berlinfahrt vorbereiten, die Ende des Schuljahres stattfinden wird. In deren Rahmen wird unter anderem die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen besichtigt. Durch diese und weitere von Hartmut Brunner initiierte und betreute Vortrags-Veranstaltungen und Ausflüge soll bei den Schülern das Bewusstsein für das Leben in einer Diktatur geschaffen werden. Brunner möchte so den Jugendlichen, die diesen Teil der deutschen Geschichte lediglich aus Schulbüchern und Erzählungen kennen, die Geschehnisse authentisch und lebendig vermitteln.

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