Über den Berg

Suchtkranke stark machen für ein Leben ohne Drogen – Für dieses Ziel beschreitet die Klinik Neumühle Hollstadt einen besonderen Weg: Gipfelerlebnis als ultimativer Kick.
2400 Meter Höhe über Normal Null am Timmelsjoch: Andreas B. und vier andere Suchtpatienten aus der Klinik Neumühle überquerten zu Fuß die Alpen. Foto: privat

Das ging wirklich unter die Haut, ich war fast zu Tränen gerührt! So beschreibt Peter Schmid seine Gefühlswelt, als er nach der erfolgreichen Alpenüberquerung von Andreas B. und den anderen Mitgliedern dieser besonderen Gruppe Abschied nahm. Fünf Tage zuvor war der Bergführer aus Weiler im Westallgäu mit fünf Wanderern in Oberstdorf losgezogen, die über keinerlei Erfahrung im Hochgebirge verfügten. Aber was noch viel schwerer wog und die Tour für den Leiter der Alpinschule Allgäu erst wirklich ungewöhnlich machte: Seine Kunden waren bis vor ein paar Monaten drogenabhängig.

„Über den Berg . . . und noch viel weiter“, so lautet der Titel des Pilotprojekts, das Dr. Christoph Bätje, Chefarzt an der Klinik Neumühle in Hollstadt, initiiert hat. Bätje und sein Team versuchen Suchtkranke wieder stark zu machen für ein Leben ohne Drogen. Dem gebürtigen Österreicher kam die Idee, dabei auch auf die Wirkung der Berge zu setzen. „Aufgrund ihrer Lebensgeschichte leiden viele unserer Rehabilitanden unter einem extremen Selbstwertdefizit“, erklärt der Fachmann, der bei der Tour dabei war. „Sie werden von den Mitmenschen als Asoziale angesehen, die sich nur zusammenreißen müssten, um sich selbst aus dem Sumpf ziehen zu können.“ 5000 Höhenmeter in sechs Tagen zu Fuß zu bewältigen, das muss den Selbstwert dieser Menschen steigern.

Andreas B. zählte zum Kreis der Auserwählten für das Pilotprojekt. Berge, Wandern oder ein anderes Hobby, das war für den 29-Jährigen bis dato kein Thema. Eine sinnvolle Freizeitgestaltung – auch so ein Aspekt, der in Bätjes Ansatz eine wichtige Rolle spielt. „Mein Leben“, erzählt Andreas B., „hatte sich nur um Drogen und Alkohol gedreht. Bis auf Heroin habe ich alles genommen.“

„Das richtige Leben ist auch nicht immer ein Zuckerschlecken.“
Bergführer Peter Schmid

Zur Vorbereitung auf das Berg-Abenteuer fing er wie die anderen Teilnehmer mit Nordic Walking an. Zudem standen Rhön-Touren auf dem Programm. Manchmal packten sich die Rehabilitanden Wasserflaschen in die Rucksäcke, um den Trainingseffekt zu steigern. „Das war anstrengend“, erzählt Andreas B. „Aber ich wusste, dass es bei der Alpenüberquerung noch viel härter wird.“

Als wären die Alpengipfel nicht schon steil genug, sorgten tatsächlich Regen, Schnee und Hagel für erschwerte Bedingungen. „Im Endeffekt“, glaubt Bergführer Peter Schmid, „war das sogar gut. Das richtige Leben ist auch nicht immer ein Zuckerschlecken. Die Teilnehmer haben gelernt, sich durchzubeißen und dass man gut vorbereitet sein muss, um schwierige Situationen zu meistern.“

Tatsächlich war der Tag, an dem morgens 20 Zentimeter Neuschnee vor der Braunschweiger Hütte lagen, für Andreas B. derjenige, den er am längsten in Erinnerung behalten wird. Es war der Tag, als er an der Reihe war, die Gruppe zu führen, und der richtige Weg schwer zu finden war. Aber Andreas B. – und das macht ihn stolz – schaffte die Aufgabe, wie auch die anderen Teilnehmer, die auf den restlichen Etappen die Gruppenleitung übernommen hatten, manchmal mit ein wenig Unterstützung von Peter Schmid.

Trotz aller Strapazen schwärmt Andreas B. von „einem super Gemeinschaftserlebnis und einer wunderschönen Woche“. Um 5.30 Uhr aufstehen, frühstücken, spätestens um sieben die Wanderstiefel schnüren und dann sieben bis neun Stunden lang durch die Berge stapfen – das macht müde. „Spätestens um halb acht lagen alle im Bett“, erzählt Andreas B.. Von wegen Hüttenzauber. Peter Schmid hatte zuvor noch Bedenken, ob so ein Ort, an dem abends erfahrungsgemäß reichlich Alkohol fließt, nicht ein vermintes Feld für Menschen sein könnte, die von ihren Süchten gerade loszukommen versuchen. „Aber das Problem stellte sich erst gar nicht“, musste Schmid erfahren. Beeindruckt war er von der offenen Art, mit der seine Leute reagierten, als beim Abendessen die Bergsteiger am Nebentisch mal fragten, warum sie sich denn nicht ein Bier oder einen Schnaps gönnen würden. „Wir trinken keinen Alkohol, wir kommen aus einer Drogenklinik“, lautete die Antwort, die für verdutzte Gesichter sorgte.

Bätje spricht von einem gelungenen Experiment, das im nächsten Jahr wiederholt werden soll, auch weil die selbstwertsteigernde Wirkung tatsächlich eintrat. Spätestens auf der Rückfahrt im Zug sei das Glück und der Stolz bei allen so richtig zu spüren gewesen. „Vorher waren sie zu müde.“ Daheim in Hollstadt hatten die anderen Patienten ein Willkommensschild an die Eingangstür gehängt. „Und alle wollten gleich wissen, wie es in den Bergen war“, freut sich Andreas B..

In acht Wochen wird er aus der Klinik entlassen. Andreas B. ist zuversichtlich, was ein künftiges Leben ohne Drogen angeht. Auch wegen der Erfahrungen, die er in den Bergen gemacht hat. „Dort habe ich gelernt zu kämpfen, dass man dranbleiben muss und man nicht alleine ist.“ Wieder solche Worte, die dem so erfahrenen Bergführer Peter Schmid unter die Haut gehen. Diese Tour, sagt Schmid, habe ihm eindrücklich wie selten zuvor vor Augen geführt, „dass wir Menschen am Berg einfach alle gleich sind“.

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