BAD NEUSTADT

Über die Barrieren in der Rhön hinweg

Daniel Alt aus Bad Brückenau möchte trotz seiner eingeschränkten Gehfähigkeit gerne über Wald und Wiese in der Rhön. Sein Segway-Rolli hilft ihm dabei.
Daniel Alt aus Bad Brückenau möchte trotz seiner eingeschränkten Gehfähigkeit gerne über Wald und Wiese in der Rhön. Sein Segway-Rolli hilft ihm dabei. Foto: Ines Renninger

Sie machen den Weg durch die Rhön frei: Der Bad Brückenauer Daniel Alt, der aufgrund seiner Multiple Sklerose-Erkrankung gehbeeinträchtigt ist, und seine Bad Neustädter Lebensgefährtin Kerstin Vonderau. Hindernisse und Steine räumen sie dabei nicht beiseite, vielmehr zeigen sie Wege drumherum auf und Hilfsmittel, mit denen man darüber hinweg kommt.

„Rhön barrierefrei“ heißt die Initiative, die beide vor rund einem Jahr gründeten. Und für die sie derzeit weitere Unterstützer und Mitstreiter suchen. Am Freitag, 20. Juli, und Sonntag, 22. Juli, nehmen sie über die Initiative außerdem erstmals mit einer Gruppe Gehbeeinträchtigter am IRhönman-Triathlon teil.

Trotz Gehbeeinträchtigung in den Wald

„Freiheit“ – Daniel Alt weiß noch genau, wie es sich anfühlte nach Jahren Wald- und Natur-Abstinenz wieder über Stock und Stein durch die Rhön zu rollen. Etwas über ein Jahr ist das nun her. Damals hatte sich der Bad Brückenauer Immobilienmakler einen elektrischen Rollstuhl fürs Gelände gekauft, einen Segway-Rollstuhl. Und damit plötzlich wieder Orte erkunden können, die aufgrund seiner Erkrankung und der damit verbundenen Geh-Beeinträchtigung, zuvor unerreichbar waren.

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Der Segway-Rollstuhl aus der Rhön - Hinweg über die Barrieren in der Rhön. Daniel Alt und seine Lebensgefährtin Kerstin Vonderau haben eine Vision: eine barrierefreie Rhön.

Den Anstoß zu diesem Kauf hatte letztlich die Liebe gegeben: Seit September 2016 rollt Daniel Alt mit Gefährtin Kerstin Vonderau durchs Leben. Die aber liebte neben Alt eben auch noch die Natur, das Wandern und Draußensein. Das wollte die Leiterin des Bad Neustädter Rhön-Gymnasiums möglichst mit Daniel Alt teilen, der bis dahin eigenen Angaben zufolge eher eine „Couch-Potato“ war, wie er augenzwinkernd einräumt.

Mit dem Segway-Rolli über Stock und Stein

Der Elektro-Rollstuhl Freee F2 war für ihn der Durchbruch. Das selbstbalancierende Fahrzeug mit elektronischer Regelung hat nur die beiden großen Räder, die beim Aktivrollstuhl im Gelände oft blockierenden kleinen Vorderräder fehlen. Für den stabilen Stand und sicheren Transfer sorgen auf Knopfdruck ausfahrbare Parkstützen. Die redundante Technik – fällt eine Funktion aus, gibt es jeweils noch ein Ersatzsystem – verschafft die nötige Sicherheit.

Nicht nur, dass Daniel Alt mit seinem neuen Gefährt plötzlich problemlos über Kopfsteinpflaster hoppeln und Waldwege mit Wurzeln und starker Steigung überwinden konnte. Durch Rumpfbewegung nach vorne oder hinten gibt er Gas beziehungsweise bremst. Eine gewisse Rumpfstabilität brauche es dafür natürlich noch. Die werde über das E-Mobil dann auch gleich ähnlich wie auf dem Rücken eines Pferdes trainiert. Gelenkt wird über die Lenkstange, locker mit nur einer Hand. Die andere hat er dann frei, etwa um ganz klassisch romantisch „Hand in Hand“ durch die Natur zu „schlendern“.

Das einzige seiner Art rund um MENES

70 Kilo ist der Segway-Rollstuhl schwer und so teuer wie ein Kleinwagen. Kaufen musste ihn der MS-Kranke in Privatleistung. 10 Stundenkilometer ist die Mobilitätshilfe schnell, etwa 45 Kilometer weit kommt man mit dem E-Mobil, übrigens bislang das erste und einzige seiner Art, das regelmäßig rund um die Elektromobilitätsstadt Bad Neustadt cruist.

„Auch Gehbehinderte wollen in den Wald“, erklären Alt und Vonderau. Aber natürlich seien sie unsicher. Schließlich müssten sie detailliert über die Länge eines Rundwegs, dessen Beschaffenheit, und die Steigungen Bescheid wissen. Gibt es Treppen? Wo ist die nächste behindertengerechte Toilette? Wo kann man vielleicht anschließend mit Rollstuhl einkehren?

Ein Rolli Book Rhön

Er selbst sei da durchaus abenteuerlustig, erklärt Alt. „Deswegen haben wir uns auf den Weg gemacht, barrierefreie Angebote zu finden.“ Die will er aber nicht für sich behalten, sondern das Wissen darum, anderen Menschen zur Verfügung stellen. „Rolli Book Rhön“ heißt der Reiseführer, den er derzeit über die Initiative „Rhön barrierefrei“ – dazu gibt es eine gleichnamige Internetseite – zusammenstellt.

Wichtig sei es dabei, nicht nur rollstuhlgerechte Routen aufzutun – über die sich dann neben Menschen mit Behinderung auch Eltern mit Kinderwagen oder in ihrer Mobilität beeinträchtigte Senioren freuen dürfen– sondern diese noch nach den jeweiligen Rollstuhlarten zu klassifizieren. Viele Wege, die mit einem Aktivrollstuhl kaum oder nur unter größter Anstrengung machbar sind, seien beispielsweise mit einem Segway-Rolli kein Problem, so Alt.

Mit dem Berkel-Bike zum Kuppenritt

So weit gekommen, konnten sich Alt und Vonderau vorstellen, einige weitere Hürden zu nehmen. Kürzlich erwarb Daniel Alt in Holland ein Hand-Fuß-Therapierad, ein Berkel-Bike, ein Zusatzrad für seinen Aktivrollstuhl, das sowohl mit Fußpedalen wie mit Handkurbeln angetrieben werden kann.

Hintergrund: „Ich möchte meine Beinmuskulatur so lange es geht fördern und fordern.“ Derzeit stehe er in Sachen Training aber noch ganz am Anfang. Für den MS-Kranken war es in den vergangenen Wochen einfach zu heiß, um regelmäßig zu fahren.

Kurz nach dem Kauf des Berkel-Bikes hatte das Paar erstmals den Gedanken gemeinsam am IRhönman teilzunehmen. „Inklusion ist, wenn keiner es merkt“, finden Alt und Vonderau, sprich, wenn es keiner Sonderregelung für Menschen mit Behinderung bedürfe. Das sei beim IRhönman der Fall, glauben sie.

Zumindest bei zwei der drei Disziplinen wollen in diesem Jahr deshalb Menschen mit Gehbeeinträchtigung an den Start gehen: beim Stadtlauf am Freitag und beim Kuppenritt am Sonntag. Im nächsten Jahr soll dann eventuell auch das Schwimmen im Triamare dazu kommen, dafür brauche es aber eine längere Vorbereitungszeit.

Mit dem Vosara zum Stadtlauf

Beim Kuppenritt will Alt mit seinem Berkel-Bike die Familientour fahren, begleitet von Vonderau, die durch den gemeinsamen Hund im Fahrradanhänger auch unter etwas erschwerten Bedingungen (40 Kilo) voran kommt. Für den Stadtlauf, bei dem Alt ebenfalls antritt, haben Alt und Vonderau außerdem die Entwickler des „Vosara“, eines flexiblen Vorsatzrads für Rollstühle, gewonnen, das an den Aktivrollstuhl montiert auf unebenem Terrain die Navigation erleichtert und spürbar Armkraft spart. Das könne an jenem Stadtlauf-Abend dann auch von Interessenten Probe gefahren werden.

Die genannten sind nur einige von vielen Projekten, die Alt und Vonderau mit ihrer Initiative „Rhön barrierefrei“ anzustoßen gedenken. Als er erstmals wieder auf dem Fahrrad saß, war das für Daniel Alt großartig: „Das Beste war es, wieder Gegenwind im Gesicht zu spüren.“ Jetzt hat er Lust, weitere Barrieren in Angriff zu nehmen.

Interessenten, Unterstützer, Mitstreiter melden sich bei Daniel Alt. Weitere Infos unter: rhoen-barrierefrei.de

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