HAUSEN/TRONDHEIM

Unterwegs unter kalter Sonne

Heimelig: eine typische norwegische Hütte. Foto: Fotos (3): Walter Lauter

Die Dunkelheit verwandelt das Hochplateau zur Eiswüste. Walter Lauter und sein Freund Gunnar Fehlau schlafen in einer schlichten Blockhütte in Folldal, einem kleinen Ort in Mittelnorwegen. In dieser Nacht wird Folldal zum kältesten Ort des Landes in diesem Winter. Als die beiden Extremradsportler am Morgen noch weit vor Sonnenaufgang aufstehen, checken sie als erstes die Wetterapps ihrer Smartphones – und erschrecken, als dort 36 Grad unterhalb des Gefrierpunktes angezeigt wird. „Das sind Dimensionen, die ich so noch nicht erlebt habe“, berichtet der 56- jährige Walter Lauter. Einstellige Minusgrade ist er aus der Rhön gewöhnt, die machen ihm nichts aus.

Eiskalter Quantensprung

„Wenn du aber bei minus 20 Grad unterwegs bist, ist das schon eine andere Nummer. Und von minus 20 auf minus 30 Grad ist nochmal ein richtiger Quantensprung“, sagt er. Der Körper nimmt den Temperaturunterschied bei dieser Kälte viel intensiver wahr. Ab einer Temperatur von etwa 26 Grad unter Null nimmt der empfundene Kältestress stark zu.

Walter Lauter und Freund Gunnar entscheiden sich, noch ein paar Stunden auszuharren, bis es etwas wärmer geworden ist. Sie haben noch gute 200 Kilometer durch die Eistruhe Norwegen vor sich, dann erreichen sie den Nidarosdom, ein wichtiges Pilgerziel und eine der bekanntesten Kirchen des Landes. Die beiden fahren das 600 Kilometer lange Teilstück des Olafswegs von Oslo nach Trondheim. Etwa 70 bis 150 Kilometer legen sie täglich mit ihren Fatbikes – Mountainbikes mit extra breiten Reifen – über Eis und Schnee zurück. „Den Asphalt haben wir an den meisten Tagen nicht gesehen“, berichtet Lauter.

Der Pilgerweg ist bei Radfahrern sehr beliebt – nur befahren ihn die meisten im Sommer, wenn die Temperaturen angenehm sind und die Sonne länger als sieben Stunden täglich scheint. Lauter und Fehlau suchen aber nicht das Angenehme, sondern das Extreme.

Der Hausener hat viele Jahre an normalen Langdistanz-Radrennen teilgenommen. Dort zählt allein die Zeit, der Veranstalter kümmert sich um die Verpflegung an der Strecke. Solche Rennen haben für Lauter mittlerweile ihren Reiz verloren.

Biken und Campen in der Natur

Am liebsten fährt er jetzt Selbstversorgertouren. Das heißt, dass der kräftige Naturtyp irgendwo im Gelände unterwegs ist. An seinem Mountainbike führt er er bis zu 50 Kilogramm Gepäck und Verpflegung mit sich. So ist er manchmal tagelang abseits jeglicher Zivilisation unterwegs. Gelegentlich werden die Vorräte an Tankstellen oder in kleinen Supermärkten aufgefrischt. Lauter legt mehrere hundert Kilometer am Tag auf seinem Mountainbike zurück und campiert abends unter freiem Himmel. Zuletzt etwa radelte Lauter den 2400 Kilometer langen Jakobsweg nach Santiago de Compostella in zwei Wochen.

Zurück nach Folldal. Das Warten hat den beiden Deutschen nichts gebracht, außer dass sie in der Zeit ein Interwiew mit einem norwegischen Journalisten führten. Die „crazy germans“ faszinierten den Reporter. „Wir sind dann bei minus 33 Grad gestartet“, sagt Lauter. Sie haben eingesehen, dass es nicht wärmer wird. Also schlüpfen sie in ihre lange Merino Unterwäsche, darüber ziehen sie Funktionswäsche. Darüber kommt eine dritte Schicht Skikleidung. Eine Helmmütze und eine Sturmhaube schützen Kopf und Gesicht vor der Kälte, die Füße stecken in doppelwandigen Spezialschuhen, drei Lagen Handschuhe wärmen die Finger. Die Sonne ist bereits aufgegangen, als die beiden an diesem eiskalten Tag aufbrechen. „Sie steht aber so flach, dass sie nicht wirklich wärmt“, sagt Lauter. In Kürze ist ihr Proviant gefroren. Beim Fahren lutschen sie Nüsse, Schokolade, Gummibärchen und Würstchen. Die breiten Reifen knirschen über den hellen Schnee und krachen über die dunklen, vereisten Stellen. „Sie helfen zwar ein Einsinken zu verhindern. Im Nachhinein wären aber Spikes besser gewesen“, meint Lauter. Die Glätte stellt sie vor Probleme.

Die Sportler fahren langsam und vorsichtig. Zum einen, um Stürze zu vermeiden. Zum anderen, weil sie nicht zu sehr Schwitzen wollen. Radfahren im Schnee ist körperlich anstrengend. Vor allem, wenn man mit 50 Kilogramm Gepäck beladen ist. Bei der nächsten Abfahrt oder Pause zieht die Feuchtigkeit in der Kleidung dann sofort in den Körper und kühlt ihn aus. „Länger als zwei Minuten sollte man bei dieser Kälte nicht pausieren“, sagt der Hausener aufgrund einschlägiger Erfahrungen.

Zwei große Gegner

Die extreme Kälte ist der eine große Gegner, gegen den sich Lauter und Fehlau behaupten. Der andere ist die Dunkelheit. Die Sonne geht im norwegischen Januar lange nach neun Uhr auf und weit vor 16 Uhr wieder unter. In der Regel sind die beiden sieben bis acht Stunden täglich im Dunkeln unterwegs. „Das war schon bei der Vorbereitung vom Kopf her ein Problem“, sagt Lauter. Der Gedanke, die meiste Zeit keine Sonne zu sehen, schlägt auf die Stimmung.

Die harten Bedingungen führten Lauter und Fehlau an ihre Grenzen. Fehlau zog sich leichte Erfrierungen an den Zehen zu, während Lauter die meiste Zeit der Tour mit Rückenschmerzen im Sattel saß. Gegen 19 Uhr erreichen sie ihr Tagesziel nach gut 50 Kilometern Schinderei. Für beide ein Riesenerfolg. Die letzten 150 Kilometer nach Trondheim fahren sie an drei Tagen, bei milderen Temperaturen. „Bei minus fünf Grad hat man sich viel wohler gefühlt“, sagt Lauter. Das ist dann wie eine lockere Tour zuhause in der Rhön.

Besser dick vermummt: Drei Kleiderschichten sind schon nötig.
Wintertauglich: Walter Lauters Rad mit dicken Profilen. Foto: Walter Lauter
In wärmeren Gefilden: der Radkeller von Walter Lauter. Foto: Anand Anders

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