BAD KÖNIGSHOFEN

Verhaftet, gedemütigt und von Kindern bespuckt

Die Synagoge in der Bamberger Straße wurde während des Pogroms am 10. November 1938 total zerstört. Sie diente anschließend als Getreidelager, bis sie schließlich nach dem Kriege verkauft und abgerissen wurde. Foto: Archiv Rainer Seelmann

„Schwere finanzielle und politisch bewegte Zeiten haben wir hinter uns und das Volk leidet immer noch an den Folgen des verlorenen Weltkriegs. Das politische Leben hat sich ja insbesondere in Bezug auf die auf uns schwer lastende Welle des Antisemitismus etwas freundlicher gestaltet. Die Hauptwucht des Judenhasses wurde mit Ende der Inflation an Gewalt gebrochen und die Menschen sind sichtlich wieder etwas freundlicher geworden.“

Diese Worte stammen von Karl Eisenstädter, dem Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde bei einer Versammlung am 9. Februar 1925. Er stand damals unter dem Eindruck der Ereignisse vom November 1923, als die Hyperinflation auf ihrem Höhepunkt war und Adolf Hitler am 8. und 9. November in München den am Ende erfolglosen Staatsstreich wagte.

NSDAP-Gruppe bereits 1923 gegründet

Bereits 1923 war in Königshofen eine NSDAP-Gruppe von den hier ansässigen starken rechten Kreisen gegründet worden. In der Tageszeitung veröffentlichten Autoren Artikel mit antisemitischen Tendenzen. Der spätere Gauleiter und Regierungspräsident Otto Hellmuth hatte schon damals gute Beziehungen in die Stadt, kannte den Bürgermeister und machte seinen Einfluss geltend.

Aber trotz der damals schon von Eisenstädter für das jüdische Volk empfundenen „höchsten Gefahr“ hätte wohl niemand für möglich gehalten, welcher Verfolgung die jüdischen Mitbürger schon wenige Jahre später ausgesetzt sein sollten und die schließlich im massenmörderischen Holocaust endete. Einen ersten Höhepunkt fanden die Feindseligkeiten in Königshofen am 10. November, am Tag nach jener Nacht vor 80 Jahren, in der überall in Deutschland Synagogen zerstört wurden, und die als „Reichspogromnacht“ in die Geschichte eingegangen ist.

Verhaftungsgrund: jüdisch und vermögend

Laut Weisung höherer Stellen sollten männliche, vermögende jüdische Bürger verhaftet, in die Polizeistation in der Klosterstraße gebracht und dort verhört werden – und zwar gerade so viele, wie Platz im Gefängnis finden würden. Im Fall von Königshofen waren das sechs oder acht. Unter ihnen war Julius Hofmann, ein früherer Viehhändler, über dessen Vernehmung das Protokoll vorliegt.

Hohe Auszeichnungen im 1. Weltkrieg

Hofmann, der verheiratet war und drei Kinder hatte, von denen der älteste Sohn bereits in den USA lebte, sollte seine Vermögensverhältnisse darlegen und zu etwaigen Auswanderungsplänen Auskunft geben. Anschließend wurde er ins Gefängnis – dort ist heute das Jugendzentrum beheimatet – in der Kellereistraße gebracht. Da nutzten Hofmann auch seine zahlreichen Auszeichnungen nichts, die er als Soldat im ersten Weltkrieg erhalten hatte.

Im Laufe des Tages mussten Hofmann und die anderen Gefangenen die Holzbänke aus der Synagoge und den dort aufbewahrten Thoraschrein aus Sulzdorf tragen und zu Brennholz zersägen. Das Holz mussten die Geplagten dann auf einen Wagen laden, zum Gefängnis schaffen und im Hof aufstapeln. Auf dem Weg waren sie zuvor von Schulkindern, die von Lehrern aufgestachelt worden waren, angepöbelt und bespuckt worden. Das Innere der Synagoge wurde derweilen von Randalieren, von denen viele von außerhalb kamen, völlig zerstört.

Die letzten Juden in Königshofen

Drei der Gefangenen wurden später für mehrere Wochen im KZ Dachau interniert. Jener Julius Hofmann war übrigens einer der letzten Juden, die in Königshofern gelebt haben. 1942 wurde seine Familie und auch die Familie Zeilberger wegen „Wohnraummangels“ aus der Stadt ausgewiesen. Sie kamen dann in Kleineibstadt unter. Hofmann wurde mit seiner Familie später deportiert und umgebracht.

Lehrer Rainer Seelmann forscht

Diese Begebenheiten in der Stadt hat der Geschichts-, Griechisch- und Lateinlehrer Rainer Seelmann vom Gymnasium In Bad Königshofen durch intensive Suche in Archiven und Literaturstudium ermittelt. Hilfe fand er zudem bei Kreisheimpfleger Reinhold Albert. Informationen über die Verhältnisse finden sich auch in dem Werk „Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 bis 1945“ von Baruch Z. Ophir und Falk Wiesemannn. Seit Jahren forscht Seelmann, der verheiratet ist und vier Kinder hat, intensiv den Spuren der einstigen jüdischen Bevölkerung nach und lässt die Ergebnisse auch in seinen Unterricht einfließen. Sein Interesse an der örtlichen Geschichte wurde durch die Nähe seiner ersten Wohnung zum jüdischen Friedhof geweckt.

Und so hat Seelmann auch Belege dafür gefunden, dass die jüdische Bevölkerung bis zur Machtergreifung der Nazis 1933 gut integriert war. In fast allen Vereinen gab es jüdische Mitglieder. „Viele haben Fußball gespielt“, weiß Seelmann. Politisch gesehen besaß in Königshofen die kirchlich dominierte BVP (Bayerische Volkspartei) eine deutliche Mehrheit.

Textilien und Agrarhandel

Weil den Juden bis ins 19. Jahrhundert hinein die Ausübung einer ganzen Reihe von Berufen verboten war, konzentrierten sie sich in erster Linie auf den Handel und Geldgeschäfte. 24 Geschäfte mit jüdischen Besitzern gab es bis 1933 in der Stadt. Neben relativ vielen Vieh- und Agrarprodukte-Händlern, gab es unter anderem einige Stoff-, Textil- und Bekleidungsgeschäfte, aber auch zwei Metzgereien und andere Geschäfte. Rein vom Geldverleih lebte hier niemand. 1933 gab es noch 94 Juden in der Stadt, das waren bei 1944 Einwohnern 4,8 Prozent.

1946 lebte hier noch eine jüdische Frau, die mit einem Nichtjuden verheiratet war und deshalb nicht deportiert wurde. 35 ehemalige Gemeindemitglieder überlebten den Holocaust nicht, unter ihnen der erst neun Jahre alte Werner Frank. Der Sohn eines Textilhändlers war das einzige jüdische Kind, das 1934 nach der Machtergreifung Hitlers hier geboren worden war.

Der Viehhändler Julius Hofmann wurde am Pogromtag zusammen mit anderen jüdischen Einwohnern von Königshofen verhaftet und musste die Holzbänke aus der Synagoge zu Brennholz verarbeiten. Foto: Archiv Rainer Seelmann
Die Familie Zeilberger mit (von links) Julius, Johanna, Fritz und Mutter Jette Zeilberger waren die letzen Juden, die 1942 aus Königshofen wegzogen. Wegen „Wohnraumangel“ wurden sie nach Kleineibstadt ausgewiesen. Foto: Archiv Rainer Seelmann
Ein Gedenkstein in der Bamberger Straße erinnert an das Schicksal der ehemaligen jüdischen Bevölkerung von Bad Königshofen. Foto: Michael Petzold
Welch prägenden Wirkung die Synagoge von Königshofen im Grabfeld im Stadtbild hatte, zeigt diese Luftaufnahme aus dem Stadtarchiv. Sie ist in den 1940er-Jahren entstanden. Foto: Repro Hanns Friedrich

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