BAD KÖNIGSHOFEN

Verschollene Fahne in ebay aufgetaucht

Prachtstück: die von der Gemeinde Trappstadt auf Anregung von Bürgermeister Michael Custodis (links, mit im Bild rechts Heimatforscher Michael Böckler) erworbene alte Fahne des „Veteranen- und Kampfgenossenvereins“ ist über einen Quadratmeter groß und soll im Rathaus der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Foto: Fotos (3): Alfred Kordwig

Dass es heute nichts mehr gibt, was auf dem weltweit größten Online-Marktplatz nicht zum Kauf angeboten wird, diese Erfahrung machte Anfang September der Trappstädter Mathias Gerstner: Beim Stöbern aus der Internetplattform von „Ebay“ stieß er auf eine fast 90 Jahre alte Fahne des „Veteranen- und Kampfgenossenvereins Trappstadt“, die dort zum Preis von 1100 Euro angeboten wurde.

Gerstner zögerte nicht lange und informierte Bürgermeister Michael Custodis von dem Angebot, schließlich könnte die Gemeinde ja ein Interesse daran haben, die alte Fahne in ihren Besitz zu bekommen. Und der Rathauschef sprang sofort an: „Ich habe gleich Kontakt mit dem Anbieter aufgenommen und erreicht, dass er die Fahne aus der Auktion nimmt“, so Custodis. Wenig später habe er im Gemeinderat den Vorschlag gemacht, die Fahne käuflich zu erwerben, um damit ein Stück Trappstädter Geschichte zu bewahren.

Dass sich der Gemeinderat am 15. September einstimmig dafür aussprach, die Fahne käuflich zu erwerben, dafür freute sich der Trappstädter Rathauschef. Uns auch das faire Verhalten des Verkäufers gefiel ihm. „Der Anbieter wollte nicht mehr Geld für die Fahne haben, als er vor einem Jahr auf einer Militaria-Messe dafür bezahlt hat“, erzählt Custodis. Für 800 Euro wechselte das aus edlen Materialien gefertigte Stoffteil schließlich den Besitzer. Der Bürgermeister ist sich sicher, dass das Geld gut angelegt ist, denn bei dem Prachtexemplar einer Vereinsfahne aus dem Jahr 1930 dürfte es sich um eine absolute Rarität handeln.

Leichte Beschädigungen

Zudem ist ihr Zustand noch so gut,dass sie nicht aufwändig restauriert werden muss und so wie sie ist der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden kann. Der Rücken weist zwar leichte Beschädigungen aus, dafür gibt es auf der samtigen Vorderseite so gut wie keine Schäden. „Wir haben die Fahne genau in dem guten Zustand bekommen, wie er uns vom Verkäufer geschildert wurde“, so Custodis, der deshalb in absehbarer Zeit nicht vorhat, sie zu restaurieren.

Auch wenn die auf der Fahne aufgestickte Bezeichnung „Veteranen- und Kampfgenossenschaft Trappstadt“ sehr martialisch klingt und nach den langen Jahren des Friedens völlig aus der Zeit gefallen zu sein scheint: Kriegervereine unter diesem oder ähnlichen Namen gab es bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs praktisch in jedem Dorf.

Interessantes Zeitdokument

Die von der Gemeinde Trappstadt erworbene Fahne ist deshalb ein interessantes Zeitdokument – und schön anzuschauen ist sie sowieso, denn sie ist aus edelsten Materialien gefertigt: Der Fahnenrücken ist aus Seide, die Vorderseite aus Baumwollsamt mit dichtem Flor, auf dem die Schriftzüge und Motive in Handarbeit aufgestickt wurden. Sofort ins Auge fällt das Bayerische Staatswappen mit den zwei goldenen Löwen im Zentrum der Fahne, die das Wappen als Schildhalter umrahmen. An den vier Ecken sind prachtvolle Eichenblätter und Eicheln eingearbeitet, zudem zieren Goldfäden am oberen und am unteren Rand die Fahne, zu der es vom Verkäufer als Zugabe noch zwei Freundschaftsbänder von zwei Patenvereinen gab.

Als der Trappstädter Heimatforscher Michael Böckler vom Kauf der Vereinsfahne erfuhr, begann er sofort zu recherchieren. Im Staatsarchiv in Würzburg wurde er in alten Königshöfer Landgerichtsakten fündig. Demnach legten die ehemals in militärischen Diensten gestandenen Männer aus Trappstadt und Umgebung dem königlichen Bezirksamt Königshofen am 12. November 1875 die Statuten für einen Kampfgenossenverein vor. Die Idee dafür könnte schon etwas früher gereift sein, worauf die aufgestickte Jahreszahl „1874“ schließen lässt.

Vorgeschlagen wurden als Vorstand Engelbert Gärtner, als Sekretär Samuel Oppenheimer und als Kassier Johann Kirchner. „Bemerkenswert ist es, dass unter den Gründungsmitgliedern zwei Juden waren“, so Böckler, der außerdem herausgefunden hat, dass der Antrag auf die Vereinsgründung 1877 genehmigt wurde und die Vereinsfahne um 1930 angefertigt wurde, wie aus der zweiten auf der Fahne aufgebrachten Jahreszahl „1930“ ersichtlich ist. Zweck des Vereins war es, altersschwache, hilfsbedürftige und kranke seit 1866 in aktivem Dienst gestandene Militärs zu unterstützen und jährlich zur Erinnerung an den siegreichen Feldzug 1870/71 eine Festlichkeit abzuhalten.

Ob und wann der Veteranen- und Kampfgenossenverein Trappstadt wieder aufgelöst wurde und was mit der Vereinsfahne nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs geschah, darüber haben Michael Böckler und Bürgermeister Michael Custodis keine gesicherten Erkenntnisse. „Vielleicht haben die Amerikaner kurz nach Kriegsende die Fahne mitgenommen“, mutmaßt der Rathauschef, der sie auf jeden Fall der Öffentlichkeit zugänglich machen will. „Wer Interesse hat, kann die Fahne während der Bürgermeister-Sprechzeiten jeden Dienstag von 18.30 bis 19.15 Uhr anschauen.“

Filigranarbeit: aufgestickter Löwenkopf auf der Vereinsfahne.
Farbenfroh: gelbe Eichenblätter, die mit viel Geduld auf den bläulichen Baumwollsamt aufgestickt wurden.

Schlagworte

  • Trappstadt
  • Alfred Kordwig
  • Mathias Gerstner
  • Michael Custodis
  • Veteranen
  • eBay
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!