Bad Neustadt

Vill'sche Altenstiftung: Die Corona-Krise als Chance sehen

Die Vill'sche Altenstiftung ist wegen der Corona-Krise zum Schutz der Bewohner für die Öffentlichkeit geschlossen.
Die Vill'sche Altenstiftung ist wegen der Corona-Krise zum Schutz der Bewohner für die Öffentlichkeit geschlossen. Foto: Peter Hüllmantel

Besuche im Stiftungs- Alten- und Pflegeheim sind derzeit nicht erlaubt. Gleichzeitig dürfen die Heimbewohner das Haus nicht verlassen. Auch für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gelten strenge Vorschriften beim Betreten wie Verlassen der ehemaligen Vill'schen Altenstiftung.

Die Einrichtung tut derzeit alles Menschenmögliche, das besonders für Senioren gefährliche Coronavirus nicht in das Haus eindringen zu lassen. Mit einer Lockerung der restriktiven Maßnahmen ist noch lange nicht zu rechnen. So lange nicht, bis sämtliche Heimbewohner gegen das neuartige Virus geimpft sind. Einen Impfstoff gibt es aber noch gar nicht. Und so lange auch keinen Zutritt für Besucher im Stiftungs- Alten- und Pflegeheim, so Geschäftsführer Mathias Wagner.

Frische Luft im Garten schnappen

Für ihn kann es nur ein sinnvolles Mittel gegen die Ausbreitung des Coronavirus geben: Quarantäne. In dieser befinden sich die derzeit 85 Heimbewohner. Daheim bleiben heißt es für die Senioren, wer frische Luft schnappen will, darf maximal in den heimeigenen und von der Außenwelt abgeschiedenen Garten. Weiter raus geht es nicht. Mal eben über den nahen Marktplatz schlendern? Auf gar keinen Fall.

"Die Maßnahmen, die im Zuge der Krise von der Politik getroffen wurden, waren vollkommen richtig", sagte Wagner in einem Telefongespräch mit dieser Redaktion. "Wir haben die Maßnahmen auch gleich nach dem 13. März umgesetzt. Mit unseren Bewohnern wie mit unseren Mitarbeitern haben wir ausführlich gesprochen." Der Zuspruch unter den Bewohnern war einhellig positiv. Und auch das Personal zieht im Schutz gegen Corona an einem Strang.

Strenge Auflagen für Mitarbeiter

Für die Mitarbeiter gelten strenge Auflagen. Bei Arbeitsantritt wie bei Schichtende wird Fieber gemessen und nach dem Wohlbefinden gefragt. Ein leichtes Kratzen im Hals reicht derzeit völlig, um sofort wieder nach Hause geschickt zu werden. "Das wird engmaschig kontrolliert zum Wohle und zum Schutz unserer Bewohner", so Wagner. Es wird Buch darüber geführt, wer wann kommt und geht, wie hoch die Temperatur war, das allgemeine Wohlbefinden und so weiter.

Die Rezeption ist an allen Tagen der Woche und - neu - auch am Wochenende tagsüber besetzt, um das Personal zu entlasten. Ein Corona-Schnelltest wäre eine tolle Sache, um die Mitarbeiter zu kontrollieren. Den gibt es bislang aber auch noch nicht. So lange gelten Quarantäne, Händedesinfektion und alle sonstigen Schutzmaßnahmen.

Nur das Pflegepersonal hat derzeit Zutritt zum Altenheim, noch nicht einmal Therapeuten dürfen rein. Lediglich eine Ausnahme gibt es: Wenn das Leben eines Mitmenschen zu Ende geht, wird den Angehörigen der Besuch in einem abschirmbaren Bereich des Heims gewährt. So viel Menschlichkeit muss auch in Zeiten der Krise einfach sein.

Mittel gegen Langeweile

Apropos Menschlichkeit: Einem älteren Herrn, der in Zeiten vor Corona täglich seine Frau besucht hatte, wurde unbürokratisch der zeitweise Zuzug ins Pflegeheim gestattet, um dem Ehepaar eine möglicherweise monatelange Trennung zu ersparen. Das aber sind Ausnahmen, die auch in Anbetracht der betrieblichen Abläufe nicht die Regel sein können.

Derweil wird alles getan, um die Tage im Heim so kurzweilig wie möglich zu gestalten. Dazu gehören Quiznachmittage und Kinoabende. "Wir versuchen, den Bewohnern die Langeweile zu nehmen", sagt Mathias Wagner. Neue Medien werden verstärkt ausgebaut, um den Senioren das Skypen mit der Familie und Freunden zu ermöglichen. Denn ein Treffen mit Angehörigen, Verwandten und Freunden ist derzeit nicht nur nicht möglich, sondern schlichtweg verboten.

Gute Stimmung aufrecht erhalten

"Mit der momentanen Situation kommen wir relativ gut klar", beschreibt Mathias Wagner die Gemengelage im Altenheim. Doch diese Situation wird noch geraume Zeit, die gute Stimmung muss noch eine Weile anhalten. Auch wenn alle Welt den Zeitpunkt der Lockerung von Ausgangsbeschränkungen und weitergehenden Maßnahmen herbeisehnt, für das Stiftungs- Alten- und Pflegeheim geht die Quarantäne darüber hinaus noch lange weiter. So lange, bis ein Impfstoff die Bewohner wirkungsvoll vor dem Coronavirus zu schützen imstande ist.

"Ohne Impfstoff kann es eine deutliche Lockerung der Quarantänebestimmungen nicht geben", so Wagner. "Den öffentlichen Publikumsverkehr müssen wir einfach so lange runterfahren, um unsere Bewohner zu schützen." Und das wird noch viele Monate dauern, wofür es laut Wagner aber keine Alternative gibt. "Alles andere wäre fahrlässig", so der Geschäftsführer.

Neben der Sorge um die älteren Mitmenschen rückt mit der Corona-Krise die Arbeit des 76-köpfigen Pflegepersonals in ein ganz anderes Licht. "Was ist denn so besonders an unserer Arbeit seit Ausbruch der Krise?", wurde Geschäftsführer Mathias Wagner kürzlich von einer Mitarbeiterin gefragt. Die Antwort hätte sie sich selbst geben können: Nichts, es ist die gleiche Pflegearbeit wie vor der Krise auch.

Höhere Wertschätzung

Aber in der Wahrnehmung der Bevölkerung erfährt die pflegende Arbeit von Senioren seit Ausbruch der Krise eine weitaus höhere Wertschätzung als zuvor. Noch vor wenigen Wochen waren es meist Negativmeldungen aus Altenheimen, die in der öffentlichen Wahrnehmung im Vordergrund standen. Jetzt ist es die verantwortungsvolle Arbeit mit den älteren und alten Mitmenschen, die im höchsten Maße von der Öffentlichkeit geschätzt wird. Aus Sorge um die Senioren und Alten, die in akuter Gefährdung besonders vom Coronavirus geschützt werden müssen. "Wir müssen unserem Personal einfach viel Vertrauen schenken, diese Situation zu meistern", sagte Wagner. "Die können das aber auch, die haben teilweise jahrzehntelange Erfahrung."

All diese Herausforderungen werden im Stiftungs- Alten- und Pflegeheim mit eigentlich zu wenig Personal gestemmt. "Wir nagen an einer ganz dünnen Personaldecke", bestätigt Mathias Wagner. Prekär wird die Lage durch die Pensionierung zahlreicher Mitarbeiter, die schon bald das Rentenalter erreicht haben werden. Gleichzeitig kommt neues Pflegepersonal aber kaum nach. "Pflegeberufe sind halt einfach nicht attraktiv genug", so Wagner, der sich hier in Zukunft mehr Zuspruch von Seiten der Bevölkerung wie auch der Politik erhofft. So auch eine bessere Bezahlung des so wichtigen und systemrelevanten Pflegeberufs wie auch eine zunehmende Akademisierung in der Ausbildung. "Vielleicht können wir wirklich etwas aus dieser Krise lernen und neue Chancen ergreifen."

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